LONDON (IT BOLTWISE) – Der Wettlauf um Rechenzentren im All verlagert Teile der KI-Infrastruktur von der Erde in die Umlaufbahn. Mehrere Firmen planen dafür Hunderttausende bis zehntausende Satelliten und wollen Rechenleistung mit Solarenergie koppeln. Für Versicherer entsteht damit ein neues Portfolio, dessen Risiken bislang kaum skaliert modelliert wurden. Entscheidend wird, ob sich Start-, Strahlungs- und Kollisionsrisiken so bepreisen lassen, dass tragfähige Policen möglich werden.

Der Antrieb kommt aus zwei Richtungen: Auf der Erde frisst der Ausbau digitaler Infrastrukturen Stromnetze, Baukapazitäten und Budgets. Parallel dazu entstehen Visionen, einen Teil der Rechenleistung direkt ins All zu verlagern – nicht als Science-Fiction, sondern als orbitaler Betrieb mit Satellitenarchitektur und KI-gestützter Steuerung. In der Diskussion taucht dabei immer wieder ein zentraler Engpass auf: Wenn sich Rechenzentren in der Umlaufbahn wirtschaftlich lohnen sollen, müssen Versicherer das Risiko kalkulierbar machen. Genau dort beginnt das eigentliche „Pricing“-Problem, weil Versicherungsmodelle bislang vor allem für Start und Satelliten funktionieren, nicht aber für eine neue Kategorie von Rechenzentren mit laufender, komplexer Hardware- und Leistungsabhängigkeit.
Besonders ambitioniert ist dabei ein Ansatz, bei dem ein Satelliten-Cluster als „orbitales KI-Datenzentrum“ dienen könnte: Für eine Konstellation von bis zu 1 Million Satelliten wurde eine Einreichung bei der US-Kommunikationsaufsicht vorbereitet. Die Argumentation zielt auf Kosten: Rechnen im All soll mit Solarenergie und sinkenden Startkosten günstiger werden als terrestrische Datenzentren, während gleichzeitig die Zusatzkosten für Leistung und Netzanschluss auf der Erde weiter steigen. Auch Jeff Bezoses Unternehmen Blue Origin setzt auf orbitales Computing, allerdings mit einem anderen Zeithorizont und über eine geplante Konstellation im niedrigen Erdorbit. Daneben arbeitet Google an einem Verbund solarbetriebener Satelliten mit KI-Compute über eigene KI-Chips; ein Startup wiederum hat nach eigener Darstellung bereits einen NVIDIA H100 GPU-Ansatz in der Umlaufbahn getestet. Zusammen genommen zeigt das: Die technischen Bausteine sind nicht mehr nur theoretisch, aber die Versicherungslogik dahinter wurde noch nicht im gleichen Maßstab „durchkalkuliert“.
Auf der Versicherungsseite beschreibt Patton Kline, der bei Marsh die US-Praxis für Aviation und Space verantwortet, bereits vorhandenes Interesse. In der Raumfahrtversicherung existieren demnach spezialisierte Anbieter – weltweit sollen etwa 30 Versicherer auf solche Risiken ausgerichtet sein. Die Prämien summieren sich aktuell grob auf 500 bis 750 Millionen US-Dollar pro Jahr; das ist jedoch laut seiner Einschätzung nur ein Bruchteil dessen, was erforderlich sein könnte, um die Größenordnungen zu versichern, die bei orbitalen Rechenzentren realistischerweise entstehen würden. Klines Linie ist dabei plausibel: Orbital Compute lässt sich als Erweiterung eines bestehenden Raumfahrt-Underwritings verstehen, das über Jahrzehnte Start- und Satellitenrisiken abdeckt. Der wichtige Vorteil gegenüber vielen irdischen Katastrophen liegt laut Argumentation darin, dass etliche Risiken – etwa bezogen auf typische Naturereignisse wie Hurrikans oder Erdbeben – nicht direkt mit denen terrestrischer Infrastruktur korrelieren. Gleichzeitig entsteht daraus kein Automatismus: Die Skalierung hin zu Datenzentren im All verlangt ein neues Regelwerk, vor allem bei der Modellierung von Ausfallwahrscheinlichkeiten über Betriebszeiten.
Genau an diesem Punkt werden die Grenzen sichtbar. Andreas Berger, CEO des internationalen Rückversicherers Swiss Re, ordnet das Vorhaben als Kombination zweier Wachstumsfelder ein: KI-Infrastruktur und kommerzielle Raumfahrt. Gleichzeitig benennt er ein grundlegendes Problem: Es gebe zu viele Unbekannte, um das Risiko mit ausreichender Sicherheit zu quantifizieren und damit eine nachhaltige Versicherungsannahme zu tragen. Ein anonymer Versicherungsmanager bringt es noch deutlicher auf den Punkt und spricht von fehlender Regulierung, unzureichendem Kapital und mangelnder Modellierbarkeit – in der Wahrnehmung entsteht ein „Wild West“-Charakter. Was hinter dieser Einschätzung steckt, ist technischer Natur: Orbital-Rechenzentren müssten mit Startausfällen, Strahlungseffekten, Hardwaredefekten und der gesamten Wärme-Management-Kette im Orbit umgehen. Dazu kommt das zunehmende Risiko durch Kollisionen und Raumdebris; anders als auf der Erde bedeuten Reparaturen oder ein Austausch oft eine erneute Mission. Für Versicherer wird damit weniger nur „einmal“ ein Schadenereignis bepreist, sondern ein Betriebsrisiko, das mit Geometrie, Missionstaktung und Umgebungseinflüssen dynamisch zusammenhängt.
Damit verschiebt sich auch die Frage, welche Underwriting-Kapazitäten überhaupt verfügbar sind und wie sich Rückversicherungslogiken übertragen lassen. Wenn Computing tatsächlich in den Orbit wandert, könnten multibillionenschwere Asset-Klassen entstehen, die bislang nicht in derselben Detailtiefe erfasst werden. Für die Branche ist das die Doppelchance: Erstens können Versicherer ein wachsendes Marktsegment erschließen, zweitens brauchen sie dafür technische Bewertungsmodelle, die über Start- und Satellitenmechanik hinausgehen. Praktisch bedeutet das, dass Risikoklassen künftig stärker entlang von Betriebsprofilen unterschieden werden müssten – etwa nach Orbit-Region, Redundanzkonzept, Wartungsstrategie und erwarteter Hardware-Lebensdauer unter Strahlungs- und Temperaturbelastung. Parallel dazu wird der Regulierungsrahmen zum entscheidenden Taktgeber: Ohne klare Leitplanken für Betrieb, Haftungslogik und Datenübertragung bleiben Annahmen zu unsicher, um Kapazität langfristig effizient zuzuweisen. Für Unternehmen heißt das: Wer orbitales Computing aufbaut, sollte nicht nur technische Pfade planen, sondern sehr früh mit Versicherern und Rückversicherern zusammenarbeiten, damit aus einem Risikoexperiment ein planbares Produkt wird.
Langfristig entscheidet sich damit, ob Raumfahrt- und KI-Ökosysteme schneller zusammenwachsen als die Versicherungs- und Rückversicherungsbranche ihre Bewertungsmodelle nachziehen kann. Die nächste Phase dürfte weniger aus dem „Launch“-Narrativ bestehen, sondern aus einer Professionalisierung: wiederholbare Test- und Messdaten, belastbare Ausfallstatistiken und standardisierte Annahmen über Ersatz- und Betriebsprozesse. Gerade weil die Prämien derzeit noch auf einem vergleichsweise kleinen Niveau liegen, bleibt die Lücke groß zwischen existierenden Versicherungsportfolios und dem möglichen Bedarf bei orbitalen Datenzentren. Wenn Anbieter es schaffen, Korrelationen und Unsicherheiten so zu modellieren, dass Kapitalbindung und Risikoausgleich in einem tragfähigen Verhältnis stehen, könnten sich neue Policenformen durchsetzen. Wenn nicht, bleibt orbitales Computing für Versicherer zunächst ein selektives Projekt – und nicht der breite Infrastrukturmarkt, den viele Planungen bereits implizit anpeilen.
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