LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie untersucht, ob das Blutdruckmedikament Losartan Angst reduziert und gleichzeitig die Aufmerksamkeitssteuerung verändert. In einem doppelblinden Experiment mit 79 gesunden Studierenden sinkt die Zustandsangst nach einer Einzeldosis spürbar. Bei der Verarbeitung emotionaler Reize zeigt sich jedoch ein klarer, sexabhängiger Effekt auf Genauigkeit, Reaktionszeit und die Art, wie Fehler in Echtzeit korrigiert werden. Damit rückt die Idee näher, Angsttherapien stärker personalisiert anzugehen.

Losartan ist in erster Linie als Wirkstoff gegen erhöhten Blutdruck bekannt. Dass er gleichzeitig mit Angst und Aufmerksamkeitsprozessen in Verbindung gebracht wird, kommt nicht aus dem Lehrbuch, sondern aus einem gezielten Umwidmungsansatz: Forschende nutzen das Renin-Angiotensin-System als Brücke zwischen Körperregulation und Gehirnmechanismen. Der Kern der Arbeit liegt in der Frage, ob die Blockade des Angiotensin-II-Signalwegs, konkret über den AT1-Rezeptor, nicht nur subjektive Angstwerte senkt, sondern auch die Art verändert, wie das Gehirn ablenkende Reize verarbeitet. Zusätzlich steht im Fokus, dass biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen die Wirkung auf kognitive Kontrolle in unterschiedliche Bahnen lenken könnten.
Damit lässt sich das Ergebnis besser einordnen, wenn man Attentional Control technisch greift: Die Studie beschreibt Aufmerksamkeit als Zusammenspiel aus zielgesteuertem Fokus und einem automatisch „einfangenden“ Effekt besonders salienzreicher Reize. In diesem Modell spielt inhibitory control die zentrale Rolle, also die Fähigkeit, einen spontanen Reflex zu unterdrücken, etwa den Impuls, sofort in eine Richtung zu schauen, wenn etwas Sichtbares auftaucht. Bei vielen Menschen mit Angststörungen gilt diese Balance als gestört: potenzielle Bedrohungen ziehen Aufmerksamkeit übermäßig an, und es fällt schwer, den Fokus willentlich weg von den stressauslösenden Signalen zu verlagern. Wer Interventionen entwickelt, sucht deshalb häufig nach Wegen, die Hemmung und flexible Umsteuerung verbessern – klassische Ansätze bieten jedoch nicht für alle die gleiche Wirksamkeit.
Das Renin-Angiotensin-System gilt seit langem als physiologischer Regler für Blutdruck und Flüssigkeitshaushalt. Die neue Perspektive: Der Signalweg wirkt auch in Gehirnarealen, die Emotion und kognitive Regulation steuern. Der Hauptbotenstoff bindet an definierte Rezeptoren im Gehirn, und frühere Tierstudien sowie frühe Humanversuche deuteten darauf hin, dass eine temporäre Blockade über einen Wirkstoff wie Losartan dabei helfen kann, Angstreaktionen zu dämpfen. Wichtig ist hier die Idee der räumlichen Zuordnung: Die Rezeptoren liegen nicht nur irgendwo im Gehirn, sondern werden mit Regionen in Verbindung gebracht, die an inhibitorischer Kontrolle beteiligt sind. Genau diese Verteilung, so der Ansatz der Forschenden, könnte auch erklären, warum die Effekte möglicherweise nicht bei allen Studienteilnehmenden gleich ausfallen.
Um die Hypothesen zu prüfen, führten die Autoren ein randomisiertes, doppelblindes, placebokontrolliertes Experiment durch. Insgesamt nahmen 79 gesunde Studierende teil, davon 39 Frauen und 40 Männer, im Alter von 18 bis 29 Jahren. Eine Gruppe erhielt eine einzelne 50-Milligramm-Dosis Losartan, die Kontrollgruppe ein Placebo; weder Teilnehmende noch Forschende wussten bis zum Studienabschluss, welche Substanz verabreicht wurde. Angst wurde über standardisierte Fragebögen vor und nach der Intervention erfasst. Für den kognitiven Teil kam eine Eye-Tracking-Aufgabe namens Anti-Saccade-Task zum Einsatz: Auf einem Bildschirm erschienen kurz emotionale Gesichter (z. B. wütend, traurig, fröhlich oder ängstlich) oder neutrale, nicht-soziale Formen wie Ovale. Die Aufgabe zwingt zu zwei Modi: In der Pro-Saccade-Bedingung schauen die Teilnehmenden schnell in Richtung des Reizes (reflexartige Aufmerksamkeit), in der Anti-Saccade-Bedingung müssen sie bewusst wegsehen und auf die entgegengesetzte Seite fokussieren – das testet top-down Hemmung.
Die Messung erfolgte mit spezialisierter Eye-Tracking-Technik: Erfasst wurden sowohl die räumliche Genauigkeit der Blickbewegungen (in Pixelschritten) als auch die Reaktionszeit (in Millisekunden). Zusätzlich analysierten die Forschenden Muster über die Zeit, etwa ob nach einem Fehler langsameres Reagieren oder höhere Genauigkeit unmittelbar im nächsten Versuch auftritt. In den Auswertungen wurden die Ausgangswerte der Angstlage kontrolliert. Die Ergebnisse zeigen erst einmal ein einheitliches Bild bei der Angst: Losartan senkte die Zustandsangst in der Gesamtgruppe moderat im Vergleich zu Placebo, und zwar unabhängig vom Geschlecht. Da es sich um gesunde Probanden handelte und nur eine Einzeldosis verabreicht wurde, trat gleichzeitig keine statistisch signifikante Blutdruckänderung zutage.
Spannend wird es bei der Aufmerksamkeit und der Ausführungsqualität. Obwohl die generelle Fehlerquote, also wie oft die Teilnehmenden in die falsche Richtung blickten, zwischen Losartan und Placebo insgesamt nicht deutlich differierte, veränderte der Wirkstoff Geschwindigkeit und Präzision – und zwar sexabhängig. Für Frauen verbesserte Losartan die Leistung: Bei Aufgaben, bei denen weg von den Reizen geschaut werden musste (Anti-Saccade), verfehlten sie die Zielmarke bei nicht-sozialen Formen im Mittel weniger stark (108 statt 131 Pixels). Zusätzlich zeigten sie schnellere Reaktionszeiten in Situationen, in denen in Richtung des Objekts geschaut werden sollte, und sie hielten die Vermeidung von Fehlerwiederholungen konsistenter durch. Für Männer zeichnete sich dagegen das Gegenspiel ab: Sie waren bei weggerichteten Blickbewegungen bei nicht-sozialen Formen weniger präzise (etwa 160 statt 111 Pixels), und sie benötigten länger, um den Blick von den Stimuli weg zu lenken.
Diese Divergenz legt nahe, dass kognitive Effekte nicht automatisch mit derselben Richtung der Angstreduktion „mitlaufen“. Die Autoren diskutieren deshalb den Bedarf an individualisierten Behandlungsansätzen. Becker fasst den Mechanismus über die gesamte Studie hinweg stärker auf Verhaltensebene zusammen: „The anxiety-reducing effect had a moderate effect size, which is already notable for a single-dose study and in the context of the fact that no new medication for anxiety was approved for about 3 decades, “ sagte Benjamin Becker. „Losartan successfully reduced anxiety across sexes, but its effects on cognitive/attentional control diverged sharply between sexes.“ Neben der mittleren Genauigkeit nutzten die Forschenden zudem rechnerische Auswertungen, um zu sehen, wie sich Verhalten unmittelbar von Moment zu Moment anpasst. In beiden Geschlechtern verbesserte Losartan die Reaktion direkt nach einem vorangegangenen Fehler: Die Wahrscheinlichkeit, im nächsten Versuch erneut zu scheitern, sank. Gleichzeitig zeigte sich bei Männern in einem Teil der Muster auch eine Art „Steifheit“: Nach einem korrekten Trial kam es häufiger zu Fehlern im unmittelbar folgenden Versuch. Becker betont diesen Unterschied zwischen Durchschnittskennzahlen und Mikro-Adaptation: „This effect was entirely masked when only looking at the overall averages, “ ergänzte Becker. Genau deshalb seien Anti-Saccade- und Eye-Tracking-Daten so wertvoll: Sie machen sichtbar, was im Mittel versteckt bleibt.
Die Studie ist damit ein wichtiger Beleg, aber auch klar begrenzt: Sie basiert auf einer einzelnen Dosis in gesunden jungen Erwachsenen. Einzeldosen erlauben zwar eine schnelle Hypothesentestsituation, bilden aber nicht ab, wie sich der Körper und das Gehirn an eine tägliche Einnahme über Wochen oder Monate anpassen. Außerdem fehlte eine direkte Bildgebung, sodass die Forschenden die tatsächlich veränderte Kommunikation zwischen dem präfrontalen Kortex und emotionalen Zentren nicht in Echtzeit beobachten konnten. Für die nächste Stufe planen sie Follow-up-Untersuchungen, darunter klinische Tests bei Patientinnen und Patienten mit psychischen Störungen; der Übergang von Laborwirkung zu realer Therapie erfordert, so der Tenor, vor allem Langzeitsicherheit, passende Patientengruppen und die Bestimmung einer optimalen Dosierung. Die Studie selbst, mit dem Titel Angiotensin II regulates anxiety and social-affective top-down and bottom-up attention control in a sex-dependent manner, liefert damit einen konkreten Startpunkt: Losartan senkt messbar Angstzustände, verändert jedoch die Aufmerksamkeitssteuerung nicht „universell“, sondern je nach biologischem Geschlecht. Für Unternehmen und Entwickler von Therapie-Interventionspfaden bedeutet das vor allem eins: Die Wirksamkeitsmessung darf sich nicht nur auf Fragebögen beschränken, sondern muss auch die kognitiven Kontrollmechanismen und ihre zeitliche Dynamik erfassen.
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