MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Ab 2027 können Riester-Sparer ihr Geld ins Altersvorsorgedepot übertragen und dabei auf die bisher vorgeschriebene Beitragsgarantie verzichten. Eine Modellrechnung zeigt, dass die Kostenstruktur und die Restlaufzeit bei der Entscheidung häufig stärker wirken als die mögliche Rendite. Besonders kritisch ist das für ruhende Verträge, weil dort laufende Effektivkosten das Guthaben weiter belasten. Gleichzeitig kann die neue Förderlogik für Haushalte mit bisher nicht voller Riester-Zulage vorteilhaft sein.

Für viele Millionen Riester-Verträge beginnt mit 2027 ein neuer Abschnitt – nicht, weil die Altverträge automatisch wertlos würden, sondern weil Sparer erstmals auch in ein Altersvorsorgedepot wechseln können. Das zentrale Versprechen: Im Depot lassen sich etwa Fonds und ETFs nutzen, und die bisher vorgeschriebene Beitragsgarantie ist dort nicht mehr im gleichen Zuschnitt erforderlich. Für die Praxis heißt das jedoch nicht „alles neu“, sondern vor allem: Jede Entscheidung wird zu einer Abwägung zwischen den laufenden Effektivkosten des bestehenden Produkts und dem Wert der enthaltenen Garantien.
Die Entscheidungslogik wird dabei sehr stark von drei Faktoren geprägt, die Susanne Krehl, Chief Growth Officer beim BaFin-lizenzierten Kontoinformationsdienst wealthAPI, in ihren Modellannahmen für die Umstellung hervorhebt: Kosten, Restlaufzeit und die Garantien des bisherigen Vertrags. Besonders genau sollte man laut ihrer Einschätzung auf Riester-Verträge schauen, die Ende 2025 in Deutschland teils lange ruhen. Für diesen Zustand nennt der Text als Größenordnung knapp 14,7 Millionen Riester-Verträge und eine Ruhensquote von etwa gut einem Fünftel bis knapp einem Viertel. Auch ohne neue Einzahlungen laufen Kosten weiter, die vom Guthaben abgezogen werden – ein Effekt, der bei langen Restlaufzeiten besonders ins Gewicht fallen kann.
Für die konkreten Wechseloptionen skizziert der Beitrag ein Bild mit drei Wegen: Altvertrag unverändert weiterführen, den Vertrag behalten und „nur“ in die neue Förderung wechseln, oder das angesparte Kapital in ein neues Altersvorsorgeprodukt wie ein Altersvorsorgedepot übertragen. Krehl nennt als Orientierung einen Schwellenwert bei den Effektivkosten: Bei mehr als 1,5 Prozent pro Jahr und einer Restlaufzeit von über 15 Jahren könne ein Wechsel besonders plausibel werden. Danach folgt als nächster Hebel die Laufzeit; erst danach rücken Garantien, der garantierte Rentenfaktor sowie die Höhe der künftigen Einzahlungen stärker in den Vordergrund. Wer sich also ausschließlich an einer möglichen Rendite „nach Gefühl“ orientiert, verfehlt laut der Darstellung häufig den entscheidenden Teil des Rechenmodells.
Die Modellrechnung, die der Artikel in Zahlen gießt, macht das an einem Beispiel mit 35 Jahren fest: Ein Riester-Fondssparplan wird seit 2013 bespart, das Guthaben liegt bei 12.000 Euro, die Effektivkosten betragen 1,8 Prozent pro Jahr. Der Haushalt verdient 48.000 Euro brutto, hat keine Kinder und zahlt jährlich 1.800 Euro selbst ein. Beim Weiterführen bis zum 65. Lebensjahr käme die Berechnung auf rund 128.000 Euro. Bei einer Übertragung in ein Altersvorsorgedepot mit 0,4 Prozent Kosten und neuer Förderung nennt die Rechnung dagegen rund 191.000 Euro – damit lägen über 63.000 Euro Unterschied auf der Habenseite. Wichtig bleibt aber der Charakter der Rechnung: Krehl stellt in beiden Varianten fünf Prozent Bruttorendite pro Jahr vor Kosten, ohne Inflationsbereinigung, mit einem Auszahlungsbeginn mit 65 Jahren, und sie rechnet keinen zusätzlichen Renditevorteil eines stärker aktienorientierten Depots ein.
Gerade bei ruhenden Verträgen kann sich der Blick auf Kosten zusätzlich zuspitzen. Der Beitrag nennt als Gegenbeispiel eine 45-Jährige mit einer Riester-Rentenversicherung aus 2008, in die seit 2019 nichts mehr eingezahlt wurde. Dort liegen 28.000 Euro im Vertrag, die Kosten betragen 2,1 Prozent. Bei unveränderter Fortführung läge die Projektion bis zum 65. Lebensjahr bei rund 49.600 Euro. Nach einer Übertragung in ein günstigeres Depot wären es laut Modell etwa 68.800 Euro – ohne weitere Einzahlung. Die Botschaft dahinter ist technisch und simpel: Selbst wenn keine neuen Beiträge fließen, ziehen Produkt- und Verwaltungskosten das Guthaben weiter ab. Gleichzeitig warnt der Text davor, Garantien pauschal abzuwerten, denn sie können in älteren Verträgen teils Bedingungen enthalten, die heute so kaum noch zu finden sind.
Ein Kernpunkt sind dabei garantierte Rentenfaktoren: Sie regeln, wie viel monatliche Rente der Versicherer pro 10.000 Euro Vertragsguthaben garantiert. Hinzu können Beitragsgarantien und Zusatzversicherungen kommen, etwa für Berufsunfähigkeit oder für Hinterbliebene. Daneben betont der Beitrag, dass auch besondere Konstellationen wie besonders günstige Riester-Banksparpläne oder Fondssparpläne relevant sein können. Außerdem greift Krehl einen häufigen Denkfehler auf: Abschlusskosten, die bereits gezahlt wurden, sollten nicht einfach als „durchschnittlich vergangen“ bewertet werden. Entscheidend sei vielmehr, was von hier an noch anfällt, statt den historischen Durchschnitt fortzuschreiben.
Ob eine Zwischenlösung sinnvoll ist, zeigt der dritte Modellfall: Eine 55-Jährige besitzt einen Riester-Vertrag aus 2005 mit voller Beitragsgarantie. Das Guthaben beträgt 42.000 Euro, die Kosten liegen bei 1,1 Prozent, die Person verdient 45.000 Euro brutto und zahlt jährlich 1.800 Euro ein. Bei unverändertem Vertrag bis 65 ergibt die Rechnung rund 85.200 Euro. Bleibt der Vertrag, wird aber nur in die neue Förderung gewechselt, läge der Wert bei etwa 89.500 Euro. Beim vollständigen Wechsel ins Altersvorsorgedepot kommt das Modell auf rund 94.700 Euro. Damit liefert der komplette Wechsel zwar das höchste Endvermögen, aber nur, wenn man die vorhandenen Garantien und den garantierten Rentenfaktor aufgibt. Genau diese Trade-off-Logik erklärt, warum die Zwischenlösung – „alt bleibt alt, Förderung passt sich an“ – in späteren Lebensphasen für manche Haushalte attraktiver sein kann, sofern ein Rückwechsel in die alte Förderung ausgeschlossen bleibt.
Die neue Förderung folgt außerdem einer anderen Mechanik als der klassische Riester-Zulagenansatz. Für die ersten 360 Euro Eigenbeitrag pro Jahr legt der Staat 50 Cent je eingezahltem Euro drauf, für Einzahlungen zwischen 360 und 1.800 Euro kommen weitere 25 Cent pro Euro hinzu; die maximale Grundzulage liegt damit bei 540 Euro im Jahr. Voraussetzung ist mindestens eine Einzahlung von 10 Euro im Monat. Kinderzulagen können zusätzlich wirken, und nicht jede Familie profitiert automatisch. Der Beitrag nennt vor allem Haushalte mit niedrigem Einkommen, mehreren Kindern und sehr kleinen Eigenbeiträgen als Gruppen, die nicht vorschnell wechseln sollten, weil die bisherige Förderung unter bestimmten Bedingungen günstiger sein kann. Gutverdiener wiederum könnten über die steuerliche „Günstigerprüfung“ profitieren.
Für die Frage „wann sollte man wechseln?“ gibt Krehl kein starres Alterslimit. Stattdessen gilt laut dem Text: Je kürzer die Restlaufzeit, desto weniger stark wirkt der Kostenvorteil eines günstigeren Depots. Gleichzeitig steigt der Wert bestehender Garantien. Außerdem wird in der Phase kurz vor dem Ruhestand das Risiko relevanter, unmittelbar vor der Auszahlungsphase von einem Börsenrückgang getroffen zu werden. In diesem Kontext sieht das Gesetz laut Darstellung für das Standarddepot vor, das Kapital vor Beginn der Auszahlungsphase schrittweise in einen risikoärmeren Fonds umzuschichten. Zusätzlich ist der Auszahlungszeitraum im neuen System grundsätzlich frühestens ab 65 und spätestens mit 70 Jahren verankert; wer bei seinem alten Vertrag einen früheren Auszahlungsbeginn vereinbart hat, sollte diesen Unterschied vor einer Umstellung einrechnen.
Technisch und finanziell führt der Beitrag damit zu einer Schlussfolgerung, die über „Kosten vergleichen“ hinausgeht: Nicht nur Riester-Konditionen zählen, sondern die Gesamtsituation. Krehl nennt als Ansatz, dass man betrachten muss, wie dauerhaft gespart werden kann, ob sichere Rücklagen vorhanden sind und wie viel Geld bereits an der Börse investiert ist. Sie warnt explizit davor, ausschließlich auf die Rendite zu schauen: Wer keine Reserve hat, an die er jederzeit kommt, sei „dort falsch“, egal wie hoch die Förderung ausfällt. Auch das Bundesfinanzministerium gibt laut Artikel keine pauschale Empfehlung, sondern verweist auf die jeweilige Lebenssituation und Präferenzen. Für Riester-Sparer bedeutet das: 2027 ist nicht automatisch das „Wechseljahr“, sondern vor allem das Jahr, in dem sich die individuelle Rechnung lohnt – abhängig davon, welche Garantien noch im Altvertrag stecken und welche finanziellen Puffer im Ernstfall die Strategie tragen.
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