BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Bundesregierung will die Rahmenbedingungen für Firmengründungen in Ostdeutschland gezielt verbessern. Am Auftakt eines Branchendialogs im Finanzministerium formulierte die Ostbeauftragte Elisabeth Kaiser das Ziel, dass „eines der nächsten DAX-Unternehmen aus Ostdeutschland kommt“. Finanzminister Lars Klingbeil verwies zugleich auf ein Wachstumsproblem im Ökosystem und kündigte eine stärkere Ausrichtung von Förderprogrammen an. Besonders neu sei ein Schwerpunkt der Start-up-Strategie auf Sicherheit und Verteidigung sowie die Vermeidung von Abwanderung erfolgreicher Gründungen ins Ausland.

In Ostdeutschland reicht es der Bundesregierung offenbar nicht, nur mehr Ideen zu sammeln. Der politische Fokus liegt zunehmend darauf, dass junge Unternehmen von der Gründung in die nächste Phase kommen: ins Skalieren, ins internationale Wachstum und in Richtung großer Marktbeteiligung. Am Auftakt eines Branchendialogs im Finanzministerium in Berlin hat Elisabeth Kaiser, die Ostbeauftragte, das Ziel damit verknüpft, dass „dass eines der nächsten DAX-Unternehmen aus Ostdeutschland kommt“. Damit verschiebt sich die Debatte weg vom reinen Innovations- oder Talent-Narrativ hin zu einer Frage, die in der Start-up-Wirtschaft oft als harte Grenze sichtbar wird: Wie gut funktioniert das lokale Ökosystem, wenn aus einer Firma eine wachstumsstarke Organisation mit Vertrieb, Personalaufbau und Kapitalbedarf werden soll.
Finanzminister Lars Klingbeil führte dazu eine Diagnose aus, die man in vielen Regionen wiederfindet, aber selten so deutlich ausgesprochen wird: „Sondern das Ökosystem ist einfach so, dass die Unternehmen nicht wachsen können.“ Der Hinweis zielt auf eine typische Kette aus Engpässen: fehlende Wachstumsfinanzierung zur richtigen Zeit, zu geringe regionale Nachfrage-Cluster, eine begrenzte Zahl geeigneter Unternehmens- und Behördenkontakte sowie Schwierigkeiten, Kompetenzteams schnell genug hochzufahren. Klingbeil stellte außerdem klar, dass es Deutschland nicht an Talent oder Ideen fehlt. Sein Ansatz bedeutet im Kern, dass Politik nicht nur Gründungen erleichtern, sondern Rahmenbedingungen so verändern will, dass Wachstumshemmnisse abgebaut werden – und daraus dann strukturell mehr „große“ Unternehmensbiografien entstehen.
Praktisch setzt die Bundesregierung dafür mehrere Stellschrauben an. Zum einen will sie die bestehenden Förderprogramme zielgerichteter ausrichten, damit Start-ups in den Momenten unterstützt werden, in denen die größten Risiken entstehen: in der produktions- und marktnahen Phase, wenn Teams wachsen, Standards für Sicherheit und Qualität etabliert werden müssen und gleichzeitig Produktreife sowie Vertriebsfähigkeit unter Zeitdruck stehen. Zum anderen will der Dialog mit ostdeutschen Unternehmern die Lücken im Alltag von Gründern konkretisieren. Kaiser und Klingbeil wollten wissen, was Start-ups und andere junge Unternehmen in der Region benötigen – also nicht nur abstrakte Wünsche, sondern konkrete Hindernisse im Genehmigungs-, Beschaffungs- oder Finanzierungsprozess, die eine Skalierung ausbremsen.
Dass Wirtschaftsförderung dabei nicht auf Technik-Romantik reduziert bleibt, zeigt eine Formulierung aus der Veranstaltung: Deutschland müsse in bestimmten Bereichen wirtschaftspolitisch unabhängiger werden, auch im Energie- und Verteidigungsumfeld. In dieser Logik können junge, innovative Unternehmen nicht nur als Ideenlieferant auftreten, sondern als Entwicklungspartner, die schneller Prototypen in Anwendungen überführen, etwa durch spezifische Branchenexpertise oder durch neue Prozess- und Sicherheitskonzepte. Klingbeil machte dazu den Bedarf deutlich: „Wir brauchen so etwas wie eine neue Gründerzeit.“ Der Ausdruck „Gründerzeit“ ist dabei mehr als Rhetorik, weil er auf eine Systemfrage abzielt: Wer Investitionen anstößt, muss auch dazu beitragen, dass Unternehmen die Folgeinvestitionen und Marktchancen erhalten, die zum Durchbruch führen.
Wichtig ist zudem der zeitliche und inhaltliche Bezug zur zuletzt vorgestellten Start-up-Strategie. Laut Angaben zur politischen Planung sollen junge Unternehmen gezielt in ihrer Wachstumsphase unterstützt werden; erstmals setzt die Strategie einen Schwerpunkt im Bereich Sicherheit und Verteidigung. Das ist für Ostdeutschland vor allem deshalb relevant, weil sich dort häufig eine besonders ausgeprägte Industrie- und Zulieferlandschaft mit dem Bedarf nach sicherer, resilienter Technologie verbinden lässt. Außerdem adressiert die Strategie ein Problem, das viele Regionen kennen: Erfolgreiche Gründungen wandern bei internationaler Expansion nicht selten ins Ausland. Die Bundesregierung will verhindern, dass genau dieser Schritt zum „Wegziehen“ eines zuvor aufgebauten Unternehmens-Ökosystems führt, anstatt lokalen Nutzen in Form von Wachstum, Beschäftigung und Folgegründungen zu verstetigen.
Aus technischer Perspektive hängt die Skalierung in Sicherheit und Verteidigung oft an mehr als nur an Kapital. Dazu gehören Entwicklungs- und Integrationsfähigkeit in vorhandene Systemlandschaften, saubere Nachweisprozesse für Qualität und Sicherheit sowie eine schnelle Iteration zwischen Prototyp und Pilot. Wenn Förderlogik sich an Wachstumsphasen orientiert, stellt sich damit auch die Frage, wie unterstützende Maßnahmen organisiert sind: Werden Teams beim Aufbau von Vertrieb, bei der Vorbereitung von Kooperationen und bei der Standardisierung ihrer Produkte mitgedacht, oder endet die Förderung bereits an der Schwelle zur Markteinführung? Die Aussage, dass das Ökosystem Unternehmen am Wachstum hindere, legt nahe, dass die Lücke weniger im frühen Experiment liegt, sondern im Übergang zur produktiven Nutzung und in die „Second-Stage“-Finanzierung hinein.
Für Entscheider in Unternehmen und für Start-up-Investoren ist der Branchendialog deshalb auch ein Signal, dass Förderpolitik stärker als zuvor mit unternehmerischen Wachstumsrealitäten verknüpft werden soll. Wer jetzt in Ostdeutschland agiert, kann davon profitieren, wenn Programme nicht nur auf Gründungshygiene, sondern auf Skalierungsfähigkeit ausgerichtet sind – etwa durch bessere Schnittstellen zu Beschaffungsprozessen, durch Förderinstrumente mit passender Laufzeit oder durch Begleitung in Phasen, in denen Personalaufbau und internationale Expansion gleichzeitig stattfinden. Gleichzeitig bleibt abzuwarten, wie die Maßnahmen konkret ausgestaltet werden und welche Auswahlkriterien die „zielgerichtete“ Ausrichtung der Förderprogramme im Alltag der Start-ups bestimmt. Klar ist aber: Die Regierung versucht, aus dem politischen Zielpfad „neue Gründerzeit“ eine operative Veränderung im Ökosystem abzuleiten – mit dem Anspruch, dass daraus künftig auch große Börsen- und Unternehmensgeschichten in Ostdeutschland entstehen.
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