BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Künstliche Intelligenz vereinfacht das Erstellen von Beschwerden und Klageschriften deutlich. Dadurch beobachten Gerichte und Schlichtungsstellen zunehmend einen Wandel im Schriftverkehr und steigende Fallzahlen. Beim Arbeitsgericht Berlin stieg die Zahl der Verfahren im bisherigen Jahresverlauf auf mehr als 16.000, während es im gesamten Jahr 2024 ähnlich viele waren. Für Sozialgerichte meldet der deutsche Richterbund zudem einen Anstieg auf über 263.500 Klagen im vergangenen Jahr.

Wer heute mit Behörden, Dienstleistern oder dem Arbeitgeber im Streit liegt, kann die rechtliche Argumentation auf Knopfdruck vorbereiten lassen: Künstliche Intelligenz (KI) in Form großer Sprachmodelle erzeugt innerhalb weniger Minuten Beschwerden, Einsprüche oder Klageschriften. Im Kern geht es dabei weniger um den „letzten Schliff“ als um die Fähigkeit der Systeme, sich sprachlich an Formulierungen aus Rechtstexten anzulehnen und dabei auf die aktuelle Gesetzeslage Bezug zu nehmen. Für den Alltag von Gerichten und Verwaltungsstellen kann das spürbare Folgen haben: Wenn mehr Menschen ohne anwaltliche Vorarbeit formgerecht wirken wollen, steigen nicht nur die Eingänge, sondern häufig auch der Arbeitsaufwand für Prüfung, Zuordnung und weitere Bearbeitung.
Besonders sichtbar wird die Belastung dort, wo Verfahren zahlenmäßig stark nach oben gehen. Beim Arbeitsgericht Berlin sind den Angaben einer Sprecherin zufolge allein im bisherigen Jahresverlauf mehr als 16.000 Verfahren eingegangen; diese Größenordnung entspricht laut Darstellung in etwa dem gesamten Jahr 2024. Für 2025 wird zudem berichtet, dass mehr als 18.600 Verfahren eingegangen sind, wobei ein Großteil Kündigungsschutzklagen betraf. Parallel dazu zeigen auch Sozialgerichte in Deutschland eine deutliche Zunahme: Der deutsche Richterbund beziffert für die bundesweit 68 Sozialgerichte mehr als 263.500 Klagen im vergangenen Jahr, im Schnitt rund 10 % mehr als im Vorjahr. Noch auffälliger ist die Dynamik bei Eilverfahren mit einstweiligem Rechtsschutz: Fast 40.000 Fälle, nachdem es 2024 26.995 waren.
Ob KI tatsächlich der Haupttreiber dieser Entwicklung ist, lässt sich in der Praxis kaum sauber nachweisen. Laut Aussage der Arbeitsgerichtssprecherin wurde nicht im Detail untersucht, ob klagende Parteien KI einsetzen. Die Wahrnehmung im Gerichtsbetrieb folgt dennoch Indizien: Von Rex, Geschäftsführer des Versicherungsombudsmann e. V., berichtet, Juristen träfen zunehmend auf Schlichtungsanträge, die entweder sehr ähnlich aufgebaut seien oder teilweise sogar gleich wirkten. Zusätzlich fällt die zeitliche Häufung auf: Allein in den ersten fünf Monaten 2026 seien dort rund 50 % mehr Beschwerden eingegangen als im Vorjahreszeitraum. Der Versicherungsombudsmann ordnet daraus keinen Beweis ab, aber er sieht die Kombination aus Wiederholmustern und plötzlicher stilistischer Veränderung als möglichen Hinweis.
Konkreter wird es bei dem, was in der Bearbeitung „auffällig“ wirkt. In der Darstellung heißt es, dass sich die Art des Schriftverkehrs im Verlauf eines Verfahrens teils abrupt ändert: Zunächst kurz und knapp gehaltene Anträge würden danach von umfangreichen Schreiben abgelöst, die ausführliche Verweise auf Rechtsprechung enthalten. Von Rex macht dazu ebenfalls die notwendige Einschränkung: Diese Beobachtung sei kein Beweis für KI-Einsatz. Gleichzeitig könne der abrupte Wechsel in Stil, Umfang und juristischer Argumentation ein Indikator sein. Ähnliche Muster nennt die Schlichtungsstelle Reise und Verkehr, die bei Konflikten mit Reiseunternehmen vermittelt; auch dort wird für das erste Halbjahr ein Antragsrekord beschrieben, begleitet von umfangreicheren Schreiben mit ausführlichen Angaben zu Gesetzes-Paragrafen.
Aus der Technik- und Forschungsbrille lässt sich das Phänomen als „agentic flooding“ beschreiben – ein Begriff, den Chris Schmitz, Doktorand an der Hertie School in Berlin, gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen in einem wissenschaftlichen Paper prägt. Gemeint ist die durch KI-Agenten erzeugte Flut an Anträgen: Agenten können Aufgaben in mehreren Schritten automatisieren, von der Formulierung bis zur Argumentationsstruktur, sodass sich aus vielen einzelnen Eingaben ein massiver Workload ergibt. Schmitz betont dabei, dass nicht nur die Zahl der Anfragen zählt, sondern auch die Reaktionsfähigkeit der Verwaltung. Die Hauptgefahr sieht er nicht allein in Verzögerungen, sondern in bürgerunfreundlichen Gegenmaßnahmen, etwa wenn digitale Kanäle geschlossen werden oder Richterinnen und Richter mehr Fälle ohne Begründung ablehnen können. Im Vergleich zur Privatwirtschaft sei die Verwaltung stärker an Vorgaben gebunden und müsse mit Auflagen umgehen, die im Streitfall typischerweise nachvollziehbar sein müssen.
Die Gegenstrategie beginnt laut Schmitz nicht bei „KI als Antwort auf KI“, sondern bei Basisarbeit: Behörden sollten zuerst die seit Jahrzehnten „vernachlässigte“ Verwaltungs-Digitalisierung vorantreiben. Dazu gehöre, dass sich Verbraucher in mehr Verwaltungsprozessen online ausweisen müssen – zum Beispiel über eine sogenannte ID-Wallet. Daneben nennt Schmitz Prozesse, die deterministisch ablaufen könnten: mit Programmen bearbeiten, bei denen kein Mensch dauerhaft auf die konkrete Einzelfallentscheidung schauen muss, weil die Regeln klar definierbar sind. Solche Schritte zielen darauf, den institutionellen Engpass an der richtigen Stelle zu entlasten. Erst danach könne man prüfen, ob KI in Ermessensentscheidungen sinnvoll oder riskant ist. Für Unternehmen und Dienstleister im Umfeld der Justiz bedeutet das: KI-gestützte Erstellung von Eingaben wird zwar leichter, doch der eigentliche Wettbewerb verlagert sich auf die Fähigkeit, Workflows, Identitätsprüfung und Datenmanagement so zu gestalten, dass die Verwaltung auch bei hoher Eingangsmenge handlungsfähig bleibt.
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