ISRAEL / LONDON (IT BOLTWISE) – Laut Branchenangaben steht Anthropic kurz vor einem großen Deal mit dem israelischen KI-Startup Decart. Für die Gründer könnte sich der Wert ihrer Beteiligung auf rund $1 Mrd. bis $1,5 Mrd. je Person belaufen, weil sie den Deal stark in Eigenkapital ausgelegt haben. Decart soll dabei vor allem als R&D-Standort für die effizientere Nutzung von KI-Modellen auf mehreren Chip-Architekturen weiterlaufen. Parallel rückt die Frage in den Fokus, wie stark der Zeitpunkt der Aktienausübung die Steuerlast der Exit-Erlöse beeinflusst.

Der mögliche Deal zwischen Anthropic und dem israelischen Startup Decart hat vor allem eine strategische Nebenwirkung: Er zeigt, wie sich der Fokus bei Künstlicher Intelligenz vom reinen Modell-Training hin zu Kosten- und Effizienzfragen verschiebt. Während viele Teams noch den nächsten „großen Durchbruch“ an die Wand malen, wird in solchen Übernahmen zunehmend die Frage verhandelt, wie sich bestehende Modelle in Produktion effizienter betreiben lassen. Decart gilt dabei als Entwicklergruppe, die das Zusammenspiel aus Modellen und Hardware praxisnah optimiert – ein Paket, das in einer Phase mit intensivem Wettbewerb um Unternehmens-Workloads besonders wertvoll ist.
Im Kern geht es um einen Abschluss „in den finalen Phasen“: Anthropic soll für Decart voraussichtlich eine Obergrenze von $6 Milliarden zahlen, mit einem Schwerpunkt auf Aktien statt Cash. Hintergrund ist, dass Dean Leitersdorf und Moshe Shalev sowie ihr Team laut Branchenabschätzungen einen Beherrschungsanteil von zusammen etwa 64% behalten konnten. Damit besitzt die Gründergruppe einen „Wert auf dem Papier“, der auf rund $4 Milliarden beziffert wird. Zusätzlich ist Orian Leitersdorf, der Bruder von Dean Leitersdorf und seit dem vergangenen Jahr Chief Scientist bei Decart, in der erwarteten Wertverteilung der drei Gründer berücksichtigt; je Person werden grob $1 Milliarden bis $1,5 Milliarden als Größenordnung genannt.
Die Vergleichslinie zu früheren KI-Exits ist deshalb so stark, weil im Umfeld von Decart eine ähnliche Mechanik greift: Nicht die Geschwindigkeit der operativen Umsätze, sondern die Struktur des Aktienpakets entscheidet über das Vermögensprofil. Berichten zufolge hat die Gründergruppe bewusst eine insgesamt kleinere Spitzenbewertung akzeptiert, jedoch im Gegenzug Anteile an einem Unternehmen erhalten, das laut Angaben auf dem Weg zu einem sehr großen Börsengang sein soll. In der Darstellung wird Anthropic als Kandidat für den größten IPO in der Unternehmensgeschichte beschrieben, inklusive einer genannten Bewertung von $2 Billionen und erwarteten Jahresumsätzen von $100-120 Milliarden bis zum Jahresende. Ob diese Rahmendaten eintreffen, ist für den heutigen Deal-Zeitpunkt nicht entscheidend – aber die erwartete Liquidität in der Zukunft bestimmt, warum der Deal für die Gründer finanziell attraktiv wirkt.
Dass neben Anthropic auch Nvidia als Käufer im Gespräch war, unterstreicht zudem den Technologie- und Infrastruktur-Fokus. Leitersdorfs Team soll laut Einschätzungen ein höheres Angebot von Nvidia erhalten haben, das auf $7-8 Milliarden geschätzt wurde, während Anthropic die Obergrenze bei $6 Milliarden gesetzt hat. Im Ergebnis bleibt die zentrale Wettbewerbsfrage: Wer kann KI-Beschleunigung nicht nur „trainieren“, sondern dauerhaft im Betrieb effizienter machen? Decart wird in diesem Zusammenhang als R&D-Stützpunkt für Anthropic beschrieben, der insbesondere die Laufzeiteffizienz der Modelle über mehrere Chip-Typen hinweg verbessert – mit Bezug auf NVIDIAs GPUs, Googles TPU-Prozessoren und Amazons „Infernasia“-Prozessoren.
Für die lokale Umsetzung ist außerdem die Größenordnung der Teams relevant. Falls der Erwerb abgeschlossen ist, soll Decart als R&D-Zentrum fortgeführt werden; genannt werden 89 Beschäftigte in Israel und weitere 17 im US-Kontext. Ergänzend wird geschildert, dass Anthropic parallel seine Entwicklungstätigkeit in London ausbaut und dort einen 15.000 Quadratmeter großen Standort mit 200 Mitarbeitenden aufbaut. Dieses Muster passt in eine breitere Marktbewegung: Unternehmen bauen nicht nur Modelle, sondern auch Engineering-Kapazität entlang der gesamten Wertschöpfungskette auf – vom Inferenz-Engineering bis zur Hardware-Abstrahierung für unterschiedliche Beschleuniger.
Auch im Wettbewerb um Unternehmens-Kunden wird sichtbar, dass Go-to-Market und Engineering zunehmend verzahnt gedacht werden. Für einen weiteren Player im Markt wird beschrieben, dass er Aktivitäten ausweitet, um mehr Corporate-Kunden zu gewinnen und dafür erfahrene Vertriebsrollen aus dem Cloud-Umfeld rekrutiert. Gleichzeitig wird in der Darstellung betont, dass dieser Wettbewerber keine lokalen operativen Strukturen in Israel aufbauen will. Für Decart wirkt das wie ein klares Signal: Wer als R&D-Zulieferer für Effizienz im KI-Betrieb gilt, schafft sich eine Eintrittskarte in größere Plattform-Ökosysteme – selbst wenn der Vertrieb und die Kundennähe regional unterschiedlich organisiert sind.
Mit dem Deal rückt schließlich ein Thema in den Vordergrund, das viele Tech-Investoren unterschätzen: Steuerlogik bei Anteilsübertragungen. Laut Angaben von Adv. (CPA) Racheli Guz-Lavi, Managing Partner und Head of Tax Department bei APM Law Firm, gilt „Receiving shares in lieu of cash“ als steuerrelevant, auch wenn die Gründer zunächst eine illiquide Position erhalten. Unter bestimmten Bedingungen könne sich jedoch der Steuerzeitpunkt verschieben, sodass das Ereignis erst bei der späteren Ausübung der Aktien wirksam werde. Falls ein Teil der Erlöse über eine sekundäre Transaktion in Cash umgewandelt werde, falle die Steuer dafür zum Zeitpunkt des Verkaufs an. Entscheidend sei dabei nicht nur die Frage, „wie viele Milliarden“ die Gründer „auf dem Papier“ halten, sondern wann die Anteile liquid werden, zu welchem Wert sie realisiert werden und wie sich damit die Steuer in Gegenwart und Zukunft verteilt.
Für die Steuer- und Finanzplanung in Israel ist die Größenordnung zusätzlich greifbar: Angenommen, die Gründer würden ihre Anteile zu den aktuellen Werten ausüben, wird ein Betrag von rund NIS 12 Milliarden genannt. Daraus ergibt sich eine mögliche Einkommenssteuerbelastung von etwa NIS 4,2 Milliarden, inklusive maximaler Capital-Gains-Steuer von 30% und maximaler Surtax von 5%. Unabhängig davon, wie genau sich die finale Bewertung und Ausübungskaskade gestaltet, zeigt der Fall Decart deutlich, wie sehr sich bei KI-Deals die Wertschöpfung heute aus drei Bausteinen zusammensetzt: technisches Know-how für effiziente Inferenz, die Kapitalmarkt-Story des Zielunternehmens sowie die konkrete Ausgestaltung der Auszahlung in Equity.
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