TEL AVIV / LONDON (IT BOLTWISE) – Der KI-Anbieter Anthropic soll kurz vor der Unterzeichnung eines rund 7-Milliarden-US-Dollar-Deals stehen, bei dem die israelische Firma Decart übernommen werden soll. Die Parteien tauschen laut Berichten bereits fortgeschrittene Vertragsentwürfe aus, während die Gespräche mit NVIDIA nach Anthropics Angebot gestoppt wurden. Für Anthropic ist der Zeitpunkt heikel, weil das Unternehmen parallel auf einen möglichen Nasdaq-IPO im Spätsommer vorbereitet und ein prospektbezogener Zeitplan bereits gestolpert ist. Für Decart würde der Zusammenschluss einen schnellen Weg in die nächsten Wachstumsstufen bedeuten, vor allem durch den geplanten Ausbau einer Entwicklungspräsenz in Israel.

Die entscheidende Frage ist weniger der reine Kaufpreis als der Timing-Moment: Anthropic, das von ehemaligen OpenAI-Mitarbeitern gegründete KI-Unternehmen, steht laut Berichten in fortgeschrittenen Verhandlungen für die Übernahme des israelischen Startups Decart. Der Deal soll sich auf rund 7 Milliarden US-Dollar belaufen, wobei ein großer Teil der Gegenleistung als Anteile von Anthropic an die bisherigen Decart-Gesellschafter fließen würde. Bislang ist allerdings noch keine Unterschrift gefallen; die Parteien befinden sich in einem Stadium, in dem Vertragsentwürfe ausgetauscht werden, während die finale Zustimmung abgewartet wird. Damit rückt ein weiterer Baustein in die Planung von Anthropic: Das Unternehmen bereitet sich auf einen möglichen Nasdaq-IPO vor und hatte bereits einen vertraulichen Prospekt eingereicht.
Technisch betrachtet dreht sich die Attraktivität für Anthropic um Effizienzgewinne bei der Nutzung von KI-Systemen in der Praxis. Decart arbeitet an einer Technologie, die darauf ausgelegt ist, mehr Performance aus KI-Chips herauszuholen und dadurch den Rechenaufwand beim Betrieb von Modellen zu senken. In der Berichterstattung wird dabei von einer möglichen Beschleunigung „bis zu achtmal“ gegenüber typischen Referenzen gesprochen; entscheidend ist das gerade deshalb, weil sich die Branche zunehmend stärker von der reinen Trainingsphase hin zur Inferenz verlagert. Bei Inferenz müssen Modelle Antworten in Echtzeit oder sehr nahe daran liefern – und genau hier werden Rechenkosten zu einem dominanten Faktor. Anthropics Interesse würde also nicht nur „noch ein Startup“ bedeuten, sondern eine Möglichkeit, die wirtschaftliche Seite des späteren Produktskalierens zu verbessern.
Für den Markt stellt sich dabei auch die Konkurrenzlage als strategischer Verstärker dar. Decarts Gründer, Dr. Dean Leitersdorf und Moshe Shalev, sowie der mit Abstand größte Investor Sequoia favorisieren Anthropic trotz einer angeblich höheren Offerte von NVIDIA. Laut der Darstellung wurden Verhandlungen zwischen Decart und NVIDIA nach dem Auftauchen des Anthropics-Angebots abgebrochen. Der Punkt ist dabei nicht nur der Wettbewerb um die Bewertung, sondern die Architektur der zukünftigen Wertschöpfung: Anthropic verfügt derzeit über kein eigenes Entwicklungsteam in Israel, und ein Erwerb von Decart würde eine direkte Einstiegstür in das lokale KI-Ökosystem schaffen. Gleichzeitig bleiben andere potenzielle Käufer im Raum, etwa Google oder auch SpaceX, die in der Vergangenheit offenbar ebenfalls mit Decart in Verbindung gebracht wurden.
Historisch lässt sich die erwartete Bedeutung für Israel gut erklären, obwohl das Land in der LLM-Landschaft nicht immer als führender Ursprung großer Modellanbieter wahrgenommen wurde. Nach dem Rückgang von AI21 Labs – einem Unternehmen, das von Amnon Shashua gegründet wurde – war die Hoffnung auf eine schnelle Rückkehr zu einem global relevanten „Core“-Spieler zunächst gedämpft. Decart drehte diese Wahrnehmung innerhalb kurzer Zeit: Das Startup wurde 2023 registriert, machte sich rasch einen Platz auf Listen vielversprechender KI-Gründungen und wurde unter anderem auf einer 2025er Rangliste erfolgreicher israelischer Startups ganz vorne einsortiert. Dabei blieb lange offen, ob die technische Substanz in eine große, nachhaltige kommerzielle Engine übersetzt werden kann. Genau an dieser Stelle wird der Verkauf an Anthropic auch als potenziell „mehr als nur Exit“ diskutiert: Ein etabliertes Global Player-Umfeld könnte aus einem starken Technologiebeitrag ein dauerhaft skalierbares Produkt- und Forschungsprogramm machen.
Auch auf Unternehmensebene zeigt der geplante Schritt, wie sehr die IPO-Logik und M&A-Strategie in dieser Phase miteinander verflochten sind. Laut Berichten wurde die Veröffentlichung des prospektbezogenen Einreichungsteils verzögert, und der Kauf von Decart könnte zu diesem Zeitplanproblem beigetragen haben. Parallel liefert Anthropic nach außen messbare Wachstumssignale: So wurde von Investorenpräsentationen berichtet, in denen die Quartalsumsätze im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahr stark angestiegen sein sollen, gleichzeitig wurde erstmals positives EBITDA genannt. Wenn diese Entwicklung stimmt, erklärt sich auch, warum ein strategischer Kauf kurz vor dem Börsengang so attraktiv wirkt: Anthropic kann in einem Schritt sowohl Technologie als auch Teamdichte einbinden, während es gleichzeitig verhindert, dass ein Rivale die Inferenz-Ökonomie mit einer entsprechenden Hardware-nahen Optimierung verbessert.
Was für Decart damit auf dem Spiel steht, ist ein klassischer Zielkonflikt zwischen technischer Mission und Business-Reife. Die erwartete Bewertung läge rund 50 % über der zuletzt genannten Größenordnung der Unternehmensbewertung, zu der Decart wenige Monate zuvor Kapital aufgenommen hatte – ein bedeutender Return, aber nicht zwingend das Vielfache, das man von einem „neuen großen“ Tech-Giganten erwarten würde, wenn das Geschäftsmodell schon vollständig in wiederkehrende Umsätze übergegangen wäre. Entsprechend könnte Anthropic nicht nur den höchsten Tabellenwert liefern, sondern auch die wahrscheinlichste Route zur Skalierung. Leitersdorf hatte laut Berichten das Ziel formuliert, Decart zu etwas zu machen, das in seiner Wirkung vergleichbar zu den großen Konsum- oder Plattformmarken ist – allerdings war das Produktportfolio nach drei Jahren noch nicht in eine klar definierte Massenmarktlösung überführt. Mit einer Integration in Anthropic würde Decart dagegen Teil der Wachstumsmaschine eines Unternehmens werden, dessen Bedarf an günstiger Inferenz mit der Verbreitung von Produkten wie Claude, Gemini und ChatGPT weiter steigt.
Gleichzeitig reicht die Wirkung über das einzelne Startup hinaus. Wenn Anthropic tatsächlich eine Entwicklungseinheit in Israel aufbaut, könnte das als Anker für weitere Expansion globaler KI-Player dienen und lokale Firmen zusätzliche Partnerschaften oder Recruiting-Dynamik bringen. Vergleichbare Effekte gab es in anderen Technologiewelten: Intel und Mobileye etwa gelten als Beispiel dafür, wie ein strategischer Zukauf ein neues Schwerpunktfeld im Land sichtbar machen kann; auch NVIDIA-Übernahmen im Netzwerkbereich werden in der Branche häufig als Signal verstanden, dass Israel bei Infrastruktur- und Chip-Ökosystemen strategisch relevant ist. Für die KI-Branche kommt hinzu, dass sich der Schwerpunkt gerade verschiebt: Weg von „immer größere Modelle trainieren“ hin zu „Modelle schneller, billiger und in Anwendungen nützlicher machen“. Ein Decart-Integration, sofern sie wie berichtet zeitnah abgeschlossen wird, könnte genau in dieses Zeitfenster fallen – und damit sowohl Anthropics Konkurrenzfähigkeit als auch Israels Position als Standort für KI-Produktivtechnologie spürbar beeinflussen.
Falls die Transaktion wie erwartet bis in den nächsten Monat unterschriftsreif wird, rückt zudem die Frage nach dem weiteren Rollout in den Vordergrund: Decart könnte eine Rolle als Plattform für die Implementierung in der lokalen Entwicklungslandschaft bekommen, während Anthropic gleichzeitig die IPO-Vorbereitung und den Integrationsfahrplan synchronisiert. Für Stakeholder bleibt dennoch entscheidend, dass der Bericht betont, es handele sich trotz des fortgeschrittenen Verhandlungsstands noch nicht um eine bereits unterschriebene Vereinbarung. Bis zur finalen Einigung dürfte daher auch die Frage offen bleiben, wie genau die Deal-Struktur die zukünftige Team- und Technologiemigration gestaltet – insbesondere in einem Markt, der die Kosten pro Anfrage zunehmend als Qualitäts- und Wettbewerbsfaktor begreift.
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