LONDON (IT BOLTWISE) – Eine IW-Studie zeigt, dass sich das Produktivitätswachstum in Deutschland stark verlangsamt hat. Um den Wohlstand dauerhaft zu sichern, nennen die Autoren ein jährliches Ziel von 1,6 %. Besonders hohe Hebel sehen sie bei Bürokratieabbau, Digitalisierung und KI-Nutzung. Gleichzeitig verschärfen Demografie und Energiekosten den Druck auf die Industrie.

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) ordnet die aktuelle Wirtschaftslage in Deutschland über ein klares Leistungskennzeichen: die Produktivität. In der Studie vom 16. August 2026 wird beschrieben, dass die Zuwächse in den 1980er- und 1990er-Jahren noch im Schnitt bei rund 2 % lagen. In den 2010er Jahren rutschten sie auf 1 %, und in den vergangenen sechs Jahren verlangsamte sich das Wachstum nochmals auf lediglich 0,3 %. Die Botschaft ist damit weniger eine Momentaufnahme, sondern ein Trend mit Wirkung auf die gesamte Lohn-, Investitions- und Innovationsfähigkeit.
Um diesen Pfad zu drehen, leiten die Studienautoren einen Zielwert ab: Für dauerhaft gesicherten Wohlstand sei eine jährliche Steigerung von 1,6 % nötig. Technisch betrachtet liegt der Fokus dabei auf der Frage, wie schnell zusätzliche Wertschöpfung pro Arbeitsstunde entsteht und wie stark Engpässe bei Ressourcen, Prozessen und Kompetenzen bremsen. Deshalb werden fünf Hebel herausgestellt: Digitalisierung, Künstliche Intelligenz (KI), Innovationen, Bürokratieabbau und Investitionen. Der Bericht macht zugleich deutlich, dass beim Thema Digitalisierung ein spürbarer Nachholbedarf besteht, weil digitale Workflows in Produktion, Verwaltung und Dienstleistung direkt auf Durchlaufzeiten, Fehlerquoten und Skalierbarkeit einzahlen.
Besonders konkret werden die Erwartungen bei der KI- und Digital-Komponente. Laut den Angaben des IW hinkt Deutschland bei der KI-Nutzung mit einer Quote von 26 % hinter Vorreitern wie Dänemark mit 42 % her. Wird dieser Rückstand schneller aufgeholt, soll bis 2034 ein Produktivititätsplus von 9,3 % erreichbar sein. Beim digitalen Wirtschaftsanteil wird ebenfalls ein Vergleich gezogen: Wenn Deutschland das Niveau der Schweiz erreichte, bei der der Anteil der Digitalwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei 6 % liegt (Deutschland: unter 2 %), könnte die Produktivität langfristig um 5 % steigen. Dass solche Effekte nicht nur in Statistiken, sondern auch in der Praxis sichtbar werden, hängt allerdings von der Implementierung ab: KI wirkt selten als „Plug-in“, sondern braucht Datenqualität, Prozessintegration und eine saubere Modell- und Betriebsstrategie.
Neben dem Potenzial benennt die Studie auch Angriffsflächen. Fachlich wird kritisiert, dass das in der Analyse genannte Faktor-5-Modell für das Produktivitätspotenzial rechnerisch fragil sei: Wenn das Grundwachstum statt bei 0,3 % bei 0,5 % läge, würde sich lediglich ein Faktor-3-Wirkraum ergeben. Zusätzlich werden in der Studie kurz- und langfristige Effekte getrennt: Bürokratieabbau wird kurzfristig mit einem Plus von 1,6 % als stärkster Hebel bewertet, während KI mit 0,6 % und Investitionen mit 0,4 % deutlich dahinterliegen. Langfristig werden hingegen die größten Impulse bei Forschung und Entwicklung (13 %) sowie bei KI-Nutzung (9,3 %) erwartet. Genau hier wird sichtbar, warum sich Produktivitätsprogramme zeitlich staffeln müssen: Schnelle Vereinfachung hilft sofort, während FuE und KI-Transformation oft mehrere Jahre bis zur Skalierung brauchen.
Die Dringlichkeit wird im Text zusätzlich über Demografie und Kostenargumente aufgeladen. Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zufolge erreicht das Erwerbspersonenpotenzial 2025 den Höhepunkt und sinkt 2026 voraussichtlich um 41.000 auf 48,6 Millionen Personen. Damit stehen laut der Darstellung erstmals mehr Rentenabgänge als Nachrücker im Arbeitsmarkt gegenüber. Eine Analyse von McKinsey beziffert die demografischen Folgen auf einen jährlichen Rückgang des BIP um 0,7 %. Parallel verschärft der Standortwettbewerb den Kostendruck: Aus dem Energiewende-Barometer der IHK geht hervor, dass 49 % der Unternehmen von gestiegenen Strompreisen berichten; 40 % der Industriebetriebe erwägen daraufhin Produktionsverlagerungen, bei Großunternehmen sogar fast 60 %.
Konkrete Zahlen machen den Unterschied in der Praxis greifbar: Beim Automobilzulieferer KACO kostet eine Arbeitsstunde in Deutschland 49,50 Euro, in Ungarn dagegen 15,60 Euro. Zudem nennt Mercedes, dass die Produktion in Ungarn um 70 % günstiger sei als an heimischen Standorten. Die Konsequenz sind nicht nur Investitionsentscheidungen, sondern auch Beschäftigungseffekte. Das EY-Industriebarometer wird im Bericht so zusammengefasst, dass seit 2019 bereits jeder 14. Industriearbeitsplatz verloren ging, in der Automobilbranche sogar jeder sechste. BMW plane aktuell den Abbau von 8.000 Stellen, und eine Umfrage von Horvath erwarte, dass 60 % der Unternehmen bis 2030 mit weiter sinkenden Beschäftigtenzahlen rechnen. Damit erklärt sich, warum Produktivitätshebel in der Unternehmenspraxis zunehmend mit Personalplanung, Automatisierung und Standortstrategien verkoppelt sind.
Auch die gesamtwirtschaftliche Lage unterstreicht den Handlungsdruck. Zwar meldete das Bundeswirtschaftsministerium für das zweite Quartal ein leichtes BIP-Wachstum von 0,2 % gegenüber dem Vorquartal, gleichzeitig stieg die Zahl der Insolvenzen im Zeitraum von August 2025 bis Juli 2026 um 8,3 % auf 18.478 Fälle. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Forderung nach einer neuen Standortstrategie an Gewicht, insbesondere mit Blick auf Gründungen und technologische Innovationen. Für Unternehmen heißt das: Wer Künstliche Intelligenz und Digitalisierung nicht nur als Pilot, sondern als durchgängige Betriebsfähigkeit aufsetzt, kann sich Skalierung und Kostenvorteile erarbeiten. Gleichzeitig sollte die KI-Entwicklung eng mit Prozessdaten und Qualitätskennzahlen verbunden werden, damit die versprochenen Produktivitätseffekte nicht in der Prototypenphase stecken bleiben.
Am Ende hängt die Wirksamkeit der IW-These aber an einer nüchternen Umsetzung: Bürokratieabbau kann kurzfristig Durchlaufzeiten freisetzen, doch ohne Investitionen und ohne ausreichende FuE-Basis bleibt die langfristige Dynamik begrenzt. Die enthaltenen Vergleichswerte zu Digitalisierung und KI-Nutzung liefern dafür klare Leitplanken, während die Kritik am Modell mahnt, Annahmen und Grundraten bei der Planung realistisch zu behandeln. Genau diese Kombination aus Tempo (für schnelle Hebel) und Substanz (für FuE und KI-Betrieb) entscheidet darüber, ob Deutschland den Zielkorridor von 1,6 % pro Jahr überhaupt erreichen kann.
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