HEIDELBERG / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie aus der Charité? nein: aus dem Umfeld der Heidelberger Universitätsklinik zeigt ein anderes Muster bei Trichotillomanie. Negative Gefühle begleiten zwar den Wunsch, Haare zu ziehen, sagen spätere Episoden aber insgesamt nicht zuverlässig voraus. Stattdessen wirken Langeweile und Müdigkeit über den Tagesverlauf wie stabilere Frühindikatoren. Die Ergebnisse stützen damit eher Erklärungen über Stimulation und Gewohnheit als das klassische Emotionsregulations-Modell.

Trichotillomanie wird in vielen klinischen Lehrbüchern bislang vor allem als Strategie zur Emotionsregulation beschrieben: Wer unter Spannung, Angst oder Traurigkeit leidet, greift sich an die Haare und erlebt anschließend Erleichterung. Eine neue Untersuchung aus dem Team um Christina Gallinat (Heidelberg University Hospital) stellt dieses Leitbild jetzt differenziert in Frage. Laut der Veröffentlichung in Comprehensive Psychiatry zeigt sich zwar, dass negative Gefühle mit dem Drang einhergehen können. Entscheidend ist jedoch, dass sie die Wahrscheinlichkeit späterer Haarzieh-Episoden nicht zuverlässig erhöhen, wenn man den Verlauf engmaschig im Alltag abbildet.
Technisch betrachtet liegt der Mehrwert der Studie weniger in der Diagnose, sondern im Messdesign. Frühere Arbeiten stützten sich häufig auf retrospektive Fragebögen: Teilnehmende mussten rückblickend über Wochen hinweg einschätzen, welche Emotionen sie wann erlebt hatten und ob sie in dieser Phase Haare gezogen hatten. Genau solche Befragungen sind anfällig für Gedächtnisverzerrungen, weil flüchtige Zustände und momentane Impulse nicht sauber rekonstruiert werden können. Das neue Studiendesign nutzt daher eine ökologische Momentanbeurteilung (ecological momentary assessment), bei der die Teilnehmenden mehrere Male am Tag per Smartphone kurze Zustandsfragen beantworten.
Das praktische Vorgehen war dabei konsequent auf Tagesdynamik ausgelegt. An der Studie nahmen 61 erwachsene Personen mit Trichotillomanie teil, die über zehn Tage hinweg jeweils sieben kurze Textnachrichten erhielten. In jeder Runde sollten sie den aktuellen Drang zum Haareziehen auf einer Skala von eins bis fünf bewerten und zugleich angeben, ob sie seit dem letzten Hinweis Haare gezogen hatten. Zusätzlich wurden emotionale Zustände erfasst, darunter negative Emotionen, positive Emotionen, Boredom (Langeweile), tiredness (Müdigkeit) sowie rumination – also das wiederholte, nicht hilfreiche Grübeln über eigene Belastungen oder persönliche Probleme.
Für die Auswertung trennte das Team zwei Zeithorizonte. Erstens betrachteten sie prospektive Zusammenhänge: Führt ein Zustand zu einem Zeitpunkt dazu, dass in einigen Stunden später eher gezogen wird? Zweitens prüften sie parallele Zusammenhänge: Welche Emotionen und welcher Drang treten genau dann auf, wenn die Person gerade in der jeweiligen Erhebungsrunde Haare gezogen hat? In der prospektiven Analyse zeigte sich ein klarer Vorteil für das, was den Drang vorauszusetzen scheint: Frühere Impulse sagten stark voraus, ob die Teilnehmenden beim nächsten Check-in erneut Haare ziehen würden. Außerdem häufte sich das Verhalten in bestimmten Tagesabschnitten, weil eine frühere Episode ein weiteres Ziehen später begünstigte. Unter den erfassten emotionalen Variablen war in diesem Zeitschnitt jedoch nur Langeweile ein verlässlicher Prädiktor für spätere Haarzieh-Episoden; negative Gefühle erwiesen sich hingegen als statistisch nicht signifikant.
Im parallelen Bild verschob sich das Muster leicht. Der Drang war dort besonders eng mit dem unmittelbaren Geschehen verknüpft: Je stärker der Drang in derselben Erhebungsrunde ausfiel, desto wahrscheinlicher war das gleichzeitige Haareziehen. Auch Langeweile hing mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für ein aktuelles Ziehen zusammen. Wiederholt blieb die Rolle negativer Emotionen auf der Ebene des unmittelbaren Auftretens ohne tragfähige statistische Beziehung. Noch deutlicher wurde die Differenz, als das Team den Drang selbst in den Fokus rückte: Ein früherer Drang sagte die spätere Drangstärke stark voraus, während Müdigkeit zusätzlich zukünftige Steigerungen des Drangs ankündigte. Dagegen konnten negative Emotionen, Langeweile und Grübeln die späteren Drangschübe nicht zuverlässig vorhersagen.
Zusammengeführt sprechen die Ergebnisse für ein alternatives Erklärungsmodell. Negative Emotionen können zwar den Wunsch begleiten, sie sind aber über den Verlauf des Tages offenbar nicht die primären Auslöser für zukünftige Episoden. Vielmehr scheinen Langeweile und Müdigkeit stabilere Indikatoren zu sein. Das passt zu der Hypothese, dass repetitive Handlungen wie Haarziehen eher dazu dienen, das eigene Erregungs- bzw. Stimulationsniveau zu regulieren – also Unteraktivierung entgegenzuwirken, statt ausschließlich belastende Gefühle zu dämpfen. Damit rückt eine alltagstaugliche Perspektive in den Vordergrund: Nicht die Stimmung allein, sondern der Zustand der kognitiven und körperlichen Aktivierung könnte den nächsten Schritt Richtung Verhalten wahrscheinlicher machen.
Wichtig ist zugleich, die Grenzen der Studie sauber zu benennen. Die Erhebungsintervalle lagen bei bis zu vier Stunden; Emotionen können jedoch viel schneller schwanken. Es ist also möglich, dass ein starker Impuls oder ein kurzer Angstschub zwischen zwei Befragungszeitpunkten auftritt, zu einem Ziehen führt und danach bereits wieder abflaut. Zusätzlich wurden keine Umwelt- oder Situationsfaktoren systematisch mit erfasst, etwa ob die Person allein ist, ob gerade am Computer gearbeitet wird oder in welchem Raum sie sich befindet. Genau diese Kontextvariablen könnten sowohl Langeweile als auch das Haarziehen beeinflussen. Schließlich basiert das Design auf einer Gruppe freiwillig teilnehmender Personen; damit könnten Menschen mit geringerer Motivation oder geringerem Einblick in ihre Zustände unterrepräsentiert sein. Für künftige Studien empfiehlt sich daher eine höhere zeitliche Auflösung sowie die Einbindung von Aktivitäten und physischer Umgebung, um den Mechanismus besser zu entknoten und daraus gezieltere Therapieansätze abzuleiten.
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