LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie der Universität Duisburg-Essen stellt die gängige Stress-Erklärung bei Smartphone-Exzess infrage. Demnach ist nicht die negative Stimmung der Haupttreiber, sondern die individuell empfundene Versuchung zum Online-Gehen. Die Forschenden begleiteten dafür 900 Erwachsene über 14 Tage wissenschaftlich. Gleichzeitig zeigten die Daten, dass intensive Mediennutzung Stress sogar häufig verstärkt.

Studie zeigt: Nicht Stress, sondern Versuchung treibt Smartphone-Exzess
Studie zeigt: Nicht Stress, sondern Versuchung treibt Smartphone-Exzess (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer nach einem stressigen Arbeitstag automatisch zum Smartphone greift, bekommt nun Rückenwind für eine psychologisch präzisere Sichtweise. Die Universität Duisburg-Essen kommt in einer Untersuchung zu einem Ergebnis, das sich deutlich vom klassischen „Stress macht’s“-Narrativ absetzt: Nicht der wahrgenommene Stresspegel erklärt problematische Internet- bzw. Smartphone-Nutzung am besten, sondern die subjektive Versuchung, digitalen Reizen nachzugeben. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse am 30. Juli im Fachjournal PLOS One – ein Hinweis darauf, dass die Frage nach den Mechanismen nicht nur im Alltag, sondern auch methodisch sauber untersucht wurde.

Im Kern geht es um den sogenannten „Temptation“-Effekt, also das Verlangen, online zu gehen. Das Team um Dr. Silke M. Möller und Andreas Oelker nutzte dafür eine Vergleichslogik zwischen emotionalen Zuständen und dem Drangmoment selbst. In den Daten zeigt sich: Akuter Stress und negative Stimmung treten zwar häufig als Auslöser auf, sie funktionieren jedoch eher als Startsignal für das Bedürfnis nach Ablenkung. Entscheidend für riskante Nutzungsmuster ist dann die Stärke der Versuchung – und vor allem, wie gut Personen in diesen Momenten widerstehen können. Damit verschiebt die Studie den Fokus von der reinen Stressreduktion hin zu Impulskontrolle als zentraler Stellschraube.

Die Untersuchungsanlage macht deutlich, warum das Ergebnis als mehr als nur eine Bauchgefühl-Korrektur gelesen werden sollte. Zunächst wurden 1.200 Erwachsene befragt. Davon begleiteten die Forschenden 900 Personen über 14 Tage wissenschaftlich, um zeitliche Zusammenhänge zwischen emotionalen Zuständen, dem Temptation-Erleben und dem tatsächlichen Nutzungsverhalten besser einzuordnen. Gerade diese zweite Phase ist für das Verständnis relevant: Exzessive Nutzung ist selten ein einzelnes Ereignis, sondern eine wiederkehrende Dynamik. Die Studie versucht daher, nicht nur „was“ Menschen berichten, sondern auch „wann“ der Griff zum Smartphone plausibel getriggert wird.

Ein weiterer Befund stützt die These, dass das Smartphone in solchen Momenten oft nicht als Bewältigungshilfe funktioniert. Laut den Daten entspannt intensive Mediennutzung nicht – im Gegenteil: Sie steigert das Stresslevel und verschlechtert die Stimmung. Das ist für die Praxis wichtig, weil es den Selbstversuch vieler Nutzerinnen und Nutzer erklärt: Man greift zur App, um kurzfristig runterzukommen, fühlt sich aber im Verlauf oft schlechter. Technisch betrachtet lässt sich das als zyklische Rückkopplung beschreiben: Höhere Belastung erhöht das Drangerleben, das Drangerleben begünstigt die exzessive Nutzung, und diese wiederum verstärkt die Belastung. Genau an dieser Stelle setzt die Studie an, indem sie nicht nur den Stress als „Mitfahrer“ behandelt, sondern den Drang als „Motor“.

Für Prävention und Intervention folgt daraus eine klare Konsequenz: Strategien sollten stärker auf die Bewältigung von Versuchungsmomenten ausgerichtet werden. Wer lernt, den Drang bewusst zu erkennen, kann alternative Handlungsroutinen aufbauen – und damit die Wahrscheinlichkeit senken, dass der nächste Trigger automatisch in Online-Aktivität übersetzt wird. Interessant ist dabei auch die Empfehlung der Autoren, klassische Stressreduktionsmethoden nicht zu verwerfen, aber stärker zu prüfen, wie sie im Alltag gegen den Versuchungsimpuls wirken. Im gleichen Atemzug wird digitale Ablenkung als alleinige Gegenmaßnahme relativiert, weil sie im Datenbild nicht als nachhaltige Stresspufferung erscheint.

Für Unternehmen und Teams mit digital geprägten Arbeitsabläufen ist die Studie auch deshalb anschlussfähig, weil sie ein technologisches Problem als psychologischen Prozess behandelt. Wenn die Versuchungsstärke und die Widerstandsfähigkeit dominieren, wird „mehr Kontrolle durch Technik“ allein nicht automatisch reichen: Selbst wenn Benachrichtigungen reduziert sind, bleibt der innere Impuls relevant. Praktisch bedeutet das, dass Präventionsangebote – etwa in Form von Trainings zu Achtsamkeit, kurzen Atemübungen oder Routinen zum Ausgleich – so gestaltet werden sollten, dass sie genau in den Drangmoment hineinwirken. Die Autoren nennen dabei unter anderem das bewusste Minimieren externer Reize, etwa durch das Ausschalten von Benachrichtigungen, ebenso wie körperliche Bewegung als Ausgleich zu statischen Online-Phasen. Ergänzend passen Atemtechniken, weil sie das Nervensystem in Sekunden bis Minuten beruhigen und damit die Wahrscheinlichkeit senken können, dass der Temptation-Effekt in unkontrolliertes Scrollen oder exzessive Online-Aktivität kippt.

Ein letzter Punkt, der aus der Studie heraus besonders relevant wirkt: Die Kontrolle über das eigene Nutzungsverhalten wird vor allem über den kompetenten Umgang mit inneren Impulsen erreicht – nicht ausschließlich über die Reduzierung äußerer Belastungsfaktoren. Genau das macht die Botschaft anschlussfähig an moderne Ansätze der Verhaltenspsychologie, bei denen nicht nur Situation, sondern auch die kognitive und emotionale Verarbeitung im Moment der Entscheidung trainiert wird. Für Nutzerinnen und Nutzer heißt das weniger „Verzicht“, mehr „Protokoll“: Drang erkennen, alternative Schritte einleiten, und dabei die Datenlage im Hinterkopf behalten, die eine reine Medienpause als Stresslöser nicht bestätigt. Der Beitrag enthält zudem einen Hinweis, dass es sich nicht um Anlageberatung handelt, sondern um eine Einordnung zur Problematik exzessiver Nutzung; konkrete Angaben zu Kursen, Unternehmen oder Märkten werden darin nicht als Gewähr dargestellt.


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