LONDON (IT BOLTWISE) – Frauen sind in der Medizin zwar stark vertreten, doch in Führungsrollen bleibt ihr Anteil deutlich zurück. In Berichten zu akademischen Karrieren werden „sham peer reviews“, Diskriminierung und Einschüchterung als wiederkehrende Hürden beschrieben. Laut JAMA Network Open lag der Anteil der Frauen 2023 bei 45 % der Fakultät, aber nur bei 25 % der Department Chairs. Betroffene berichten außerdem, dass selbst Sicherheitsbedenken im Klinikalltag oft nicht gehört werden.

„Sham peer reviews“ und Belästigung: Warum Frauen in der Medizin Führung hart erkämpfen
„Sham peer reviews“ und Belästigung: Warum Frauen in der Medizin Führung hart erkämpfen (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Karrierekurve von Ärztinnen wirkt auf dem Papier gut: Im Jahr 2023 stellten Frauen laut JAMA Network Open über die Hälfte der US-Medizinstudierenden (55 %) und 45 % der Dozierenden an Medizinschulen. In derselben Auswertung wird aber sichtbar, wie schnell diese Dynamik kippt: Nur 25 % der „Department Chairs“ waren von Frauen besetzt. Der Abstand ist nicht nur ein statistisches Detail, sondern ein Hinweis darauf, dass sich Hürden verstärken, sobald Personalverantwortung, Budgetentscheidungen und formale Einflusskanäle gefragt sind.

Technisch betrachtet geht es dabei weniger um fehlende Qualifikation als um die Mechanik von Entscheidungsprozessen im Krankenhaus- und Hochschulbetrieb. Wenn Leistungsbeurteilungen, Gutachterläufe oder Reakkreditierungen als Gatekeeper dienen, können Verzerrungen in jedem Schritt „mitlaufen“ – vom Ton in Beurteilungen bis zur Frage, wer als „risikoarm“ für eine Beförderung gilt. Genau in diesem Kontext wird in dem Bericht das Konzept der „sham peer review“ beschrieben: Eine Kollegin oder ein Kollege erhebt dabei offenbar nicht gerechtfertigte Vorwürfe, um eine Ärztin oder einen Arzt zu blockieren. Die Konsequenzen reichen von verlorener Zeit und Angriffen auf das professionelle Ansehen bis hin zum vollständigen Ausstieg aus der klinischen Karriere.

Der Konflikt wird in dem Material anhand mehrerer Beispiele und Forschungsbezüge konkret. In einer im selben Journal veröffentlichten Arbeit aus dem Jahr 2024 wird berichtet, dass Frauen, die als Medizinschulleitungen agieren, im Vergleich zu Männern mehr Aufwand leisten mussten, um voranzukommen, während sie zugleich weniger Unterstützung und weniger Chancen auf Führungspositionen durch ihre eigenen Institutionen erhielten. Dazu passt eine weitere Beobachtung, die im Text mit einer Studie von Forscherinnen und Forschern an der Washington University verknüpft wird: 2019 fanden sie implizite und explizite Verzerrungen, die Männer mit „Karrieren“ und Chirurgie assoziieren, Frauen dagegen mit Familie und Familienmedizin. Solche Muster können sich in Auswahlkriterien, in der Interpretation von Verhalten („Durchsetzungsfähigkeit“ versus „unangepasst“) und in der Bereitschaft niederschlagen, kritische Rückmeldungen überhaupt als sachlich anzusehen.

Auch das Thema Bullying, Belästigung und Diskriminierung wird als vielschichtiges System beschrieben, nicht als Einzelfall. Sarah Temkin, die einen Dokumentarfilm über die Herausforderungen weiblicher Chirurginnen geleitet hat, schildert das Spannungsfeld zwischen Titel und echter Handlungsfähigkeit: In ihrer Darstellung entstand eine Situation, in der sie Verantwortung trug, aber nicht über die nötige Autorität verfügte. Gleichzeitig heißt es, dass Sicherheitsbedenken von Frauen häufig nicht ausreichend ernst genommen werden. Der Bericht benennt zudem eine besondere Dynamik: Wenn in jüngeren Jahren sexuelle Belästigung und „kleine Sticheleien“ dominieren, können sich die Probleme später in offenerer Form zeigen und damit den Zugang zu erfolgreichen Führungsentscheidungen begrenzen.

Für Betroffene wird damit auch die organisatorische Risikoabwägung komplizierter. Ärztinnen sollen sich entscheiden, ob sie Vorfälle melden, ohne die Sorge, dass sich dies negativ auf die Versorgungsqualität oder auf die eigene berufliche Zukunft auswirkt. Pringl Miller, Gründerin einer Selbsthilfe- und Advocacy-Organisation für Ärztinnen und Ärzte, wird im Text mit der Erfahrung vieler Betroffener zusammengeführt: Es geht um ein Bündel aus Bullying, Belästigung, Diskriminierung und Retaliation, das als „durchdringend“ beschrieben wird. Besonders folgenreich ist dabei die wiederkehrende Angst, dass „sham peer reviews“ die tatsächliche Leistung überlagern, weil Gutachterprozesse auf Wahrnehmungen statt auf nachprüfbaren Daten reagieren können.

Die Markt- und Systemfolgen lassen sich in dem Bericht auch medizinisch begründen. Es wird auf eine 2023 in JAMA veröffentlichte Arbeit verwiesen, nach der Patientinnen und Patienten von Chirurginnen weniger häufig starben, weniger Wiederaufnahmen erlebten und seltener schwere Komplikationen hatten. Damit kollidiert das Personalproblem direkt mit Versorgungszielen: Wenn Ärztinnen durch Kulturprobleme gedrängt oder aus Angst vor Retaliation aus dem Beruf gedrängt werden, sinkt nicht nur die Diversity in Teams, sondern potenziell auch die Verfügbarkeit von Fachkräften mit nachweisbaren Behandlungsergebnissen. Der Text spannt zudem den Bogen zu historischen Veränderungen: Während 1970, als weniger als 8 % der Ärztinnen im Berufsbild waren, der Verlust vieler Personen nicht sofort den Arbeitsmarkt umkrempelte, wird die Belastung heute als strukturelles Systemproblem beschrieben, weil Frauen inzwischen einen deutlich größeren Anteil der Belegschaft stellen.

Für die nächsten Schritte ergibt sich daraus eine klarere Aufgabenverteilung als „mehr Sensibilisierung“. In dem Material wird gefordert, dass Akteure aus akademischer Medizin, Berufsverbänden, Krankenhäusern und auch die Politik ihre Aufmerksamkeit auf die Funktionsweise von Beförderungs- und Prüfsystemen richten. Entscheidend ist, dass nicht nur Vorfälle benannt werden, sondern dass Institutionen nachweisbar in die Prozesse eingreifen: etwa dort, wo Auswahlroutinen, „chair presence“-Kriterien oder Peer-Review-Schleifen in der Praxis Raum für Bias eröffnen. Wenn das System weiter darauf baut, dass Betroffene ihre Geschichten allein auf persönlichem Risikoebene erzählen, bleibt die Abschreckung bestehen. Der Text argumentiert deshalb, dass die Lösung nicht automatisch kommt – und dass Führungsebene, Strukturen und Kontrolle gemeinsam adressiert werden müssen.


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