LONDON (IT BOLTWISE) – Neue Analysen verbinden täglich konsumierte zuckerhaltige Getränke mit einem erhöhten Risiko für Magenkrebs. In den Daten aus zwei US-Kohorten lag die Wahrscheinlichkeit bei Personen, die mindestens ein zuckerhaltiges Getränk pro Tag tranken, bei etwa dem 2,45-Fachen im Vergleich zu Nichtkonsumenten. Besonders ausgeprägt war das Risiko bei Frauen, während Männer im gleichen Vergleich ungefähr doppelt so betroffen waren. Untersucht wurden auch Faktoren wie Lebensstil und Vorerkrankungen – dennoch handelt es sich um eine Beobachtungsstudie ohne Kausalbeweis.

Wer täglich zu zuckerhaltigen Getränken greift, bekommt dafür nun auch eine epidemiologische Verbindung über den Magenkrebs hinaus. In einer Analyse, die in Gastro Hep Advances veröffentlicht wurde, berichten Forschende um Andrew T. Chan von der Massachusetts General Hospital, dass der regelmäßige Konsum solcher Getränke in einer US-Bevölkerung statistisch mit der Entstehung von Magenkrebs zusammenhing. Der zentrale Befund lautet: Wer mindestens ein zuckerhaltiges Getränk pro Tag trank, hatte im Vergleich zu Menschen, die nie zu zuckerhaltigen Getränken griffen, eine etwa 2,45-fach erhöhte Wahrscheinlichkeit, an Magenkrebs zu erkranken.
Die Studie nutzt dazu zwei große Langzeit-Kohorten, die Nurses’ Health Study und die Health Professionals Follow-Up Study. Insgesamt flossen Angaben von 112.284 Teilnehmenden ein, die zwischen 1986 und 2022 über Fragebögen im Zwei-Jahres-Rhythmus zu Ernährung, Lebensstil, Krankheitsgeschichte und späteren Krankheitsereignissen Auskunft gaben. Erfasst wurden unter anderem zuckerhaltige Getränke wie kohlensäurehaltige Erfrischungen, Punsch, Limonade und Sportdrinks – und damit genau jene Produktkategorie, die in vielen Alltagsroutinen eine Rolle spielt. Während des Beobachtungszeitraums traten 278 dokumentierte Fälle von Magenkrebs auf, auf deren Basis die Risikoschätzung erfolgte.
Entscheidend ist dabei nicht nur die Richtung, sondern auch die Einordnung der Stärke des Zusammenhangs. Die Forschenden definierten die tägliche Exposition als mindestens eine Portion von 8 Unzen (237 ml). Nach dem statistischen Abgleich für mögliche Störfaktoren im Risiko-Umfeld (etwa Lebensstilvariablen und weitere Einflussgrößen, wie in der Studie beschrieben) blieb der Zusammenhang bestehen: Insgesamt war das Risiko mehr als doppelt so hoch. Gleichzeitig zeigte sich eine geschlechtsspezifische Ausprägung: Bei Frauen lag die Risikoerhöhung bei etwa dem Dreifachen gegenüber Nichtkonsumentinnen; bei Männern fiel sie im Vergleich geringer aus, mit ungefähr dem doppelten Risiko. Damit adressiert die Arbeit zwar ein gemeinsames Muster, deutet aber auch an, dass Wirkungswege im Körper je nach biologischem Kontext unterschiedlich stark ausgeprägt sein könnten.
Für die Interpretation ist außerdem wichtig, was die Studie nicht geliefert hat. Die Daten stammen aus Beobachtungen: Fragebögen messen Verhalten und sind damit zwangsläufig Annäherungen. Beobachtungsdesigns können Korrelationen sichtbar machen, aber sie beweisen keinen Kausalzusammenhang. Die Autorinnen und Autoren können daher nicht ausschließen, dass weitere Faktoren – etwa Unterschiede in Ernährungsmustern, in der ärztlichen Versorgung oder in ungemessenen Vorbelastungen – den Zusammenhang mit beeinflusst haben. Als zusätzliche Limitationen nennt das Team, dass Informationen zur Infektion mit Helicobacter pylori nur begrenzt vorlagen. H. pylori gilt als etablierter Risikofaktor für Magenkrebs, und wenn hierzu die Datenlage lückenhaft ist, kann das die Interpretation erschweren. Ebenso fehlten vollständige Aufzeichnungen zu allen Aspekten der Gesundheits- und Familienhistorie einiger Teilnehmender im Detail.
Auch die Frage nach Ersatzprodukten wird adressiert, allerdings ohne neuen dramatischen Treffer. Trotz der öffentlichen Debatte über mögliche gesundheitliche Risiken künstlich gesüßter Getränke fanden die Forschenden in den vorliegenden Daten keine Assoziation zwischen künstlich gesüßten Getränken und dem Auftreten von Magenkrebs. Das ist für Risikokommunikation relevant, weil es eine Differenzierung erlaubt: Nicht jede „süße“ Getränkegruppe scheint biologisch identisch zu wirken. Zu den vermuteten Mechanismen für den Zusammenhang mit zuckerhaltigen Getränken nennt die Studie mehrere Ansätze, darunter Gewichtszunahme, Insulinresistenz, Störungen im Steroidhormonhaushalt, Entzündungsprozesse, DNA-Schäden sowie Veränderungen im Mikrobiom (Dysbiosis). Gleichzeitig betonen die Autorinnen und Autoren, dass die genauen biologischen Pfade bislang noch nicht abschließend untersucht sind und zukünftige Arbeiten sowohl die Bestätigung der Ergebnisse als auch die zugrunde liegenden Mechanismen genauer prüfen sollen.
Für den Markt und die Praxis bedeutet das: Die Ergebnisse liefern weiteres Argumentationsmaterial in einer Debatte, die häufig über generische „Zucker ist ungesund“-Botschaften hinaus will. Dass es sich zugleich um die erste Studie in einer US-Population handelt, die eine solche Assoziation für Magenkrebs zeigt, macht den Befund besonders anschlussfähig. Unternehmen im Lebensmittel- und Getränkesegment werden deshalb voraussichtlich stärker darauf achten, wie sie Zuckergehalte, Portionsgrößen und Konsummuster kommunikativ und produktseitig adressieren. Für Kliniken und Präventionsprogramme stellt sich weniger die Frage, ob Zucker in Lebensmitteln generell relevant ist, sondern wie konsequent sich der Alltag von Konsumentinnen und Konsumenten in Richtung weniger zuckerhaltiger Optionen verändern lässt – und welche Endpunkte dabei neben bekannten Risiken wie Adipositas und Typ-2-Diabetes zusätzlich in den Fokus rücken. Bis belastbare Kausaldaten vorliegen, bleibt der wichtigste Schritt jedoch: Rückfragen an die eigene Trinkroutine ernst nehmen und in der Forschung gezielt nach Mechanismen suchen, die die beobachteten Zusammenhänge biologisch plausibel machen.
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