LONDON (IT BOLTWISE) – Nach einer seltenen Intervention der USA und Japans zur Stabilisierung des Yen rückt der Schweizer Franken als Alternative für beliebte FX-Carry-Trades stärker in den Fokus. Marktteilnehmer erwarten eine Rotation von Yen-Refinanzierung hin zu Schweizer-Franken-Positionen, weil ein schwankender Yen inzwischen mehr Risiko einpreist. Der Franken bleibt gegenüber dem Euro zwar deutlich stärker, zugleich hat er sich zuletzt spürbar abgeschwächt. Für die Schweizer Geldpolitik wäre eine weitere Schwächung grundsätzlich willkommen, falls die SNB bei Bedarf eingreift.

Die Wette klingt zunächst simpel: Man leiht sich Geld in einer Währung mit niedrigen Zinsen, verkauft sie am Devisenmarkt und kauft dafür Vermögenswerte in einer Währung mit höheren Renditen. Genau dieses Prinzip, das hinter dem FX-Carry-Trade steckt, bekommt in den kommenden Wochen eine neue Stoßrichtung. Hintergrund ist eine ungewöhnliche US-Japan-Intervention zur Stützung des Yen, die das Risiko erhöht, dass der Yen bei weiteren Schritten erneut unter Druck gerät. Das kann nicht nur einzelne Positionen treffen, sondern den gesamten Trade-„Appetit“ verändern: Wer sein Carry-Setup bislang stark auf den Yen als Refinanzierungswährung gestützt hat, sucht in einem regimewechselähnlichen Umfeld nach Ausweichmöglichkeiten.
Der Schweizer Franken gilt dafür aus Sicht vieler Marktteilnehmer als naheliegender Kandidat. In der Meldung wird betont, dass der Franken gegenüber dem Euro weiterhin deutlich fester notiert als vor Jahren: Er liegt demnach etwa 12% über seinem Niveau gegenüber dem Euro von vor fünf Jahren, auch wenn er zuletzt etwas nachgegeben hat. Diese Stärke erklärt sich laut Bericht nicht durch kurzfristige Schlagzeilen, sondern durch mehrere länger wirkende Faktoren: ein anhaltender Leistungsbilanzüberschuss, solide öffentliche Finanzen, niedrige Inflation und Zuflüsse in „sichere Häfen“. Genau solche Eigenschaften machen die Währung für Carry-Strategien gleichzeitig attraktiv und riskant. Attraktiv, weil die Renditesprünge zwischen Währungen den Gewinn aus Zinsdifferenzen ermöglichen; riskant, weil der Franken bei Risikoaversion oder Sonderereignissen schnell wieder als Zufluchtswert gesucht wird.
Technisch entscheidend ist dabei weniger die absolute Zinsdifferenz als die Frage, wie stark eine Währung schwankt. Carry-Trades laufen in Phasen geringer FX-Volatilität besonders gut, weil die kleinen Erträge aus den Zinsunterschieden nicht sofort durch Kursbewegungen aufgefressen werden. Laut den zitierten Marktbeobachtungen gilt zudem als praktikabler Näherungswert, dass offene Short-Positionen in einer Funding-Währung als Proxy dafür dienen können, wie groß der Carry-Trade insgesamt ausfällt. Wenn Interventionen oder politische Signale die Schwankungsanforderungen erhöhen, steigt für viele Investoren die Wahrscheinlichkeit, dass eine vormals „glatte“ Strategie plötzlich unruhig wird. Deshalb wird in der Meldung beschrieben, dass die Intervention bereits zu einem Abbau von Yen-Shorts geführt habe und dass die ausstehenden Größenordnungen näher an das heranrücken, was bislang für den Franken gilt.
Dass der Yen als Funding-Währung trotzdem nicht „über Nacht“ verschwindet, wird ebenso klar eingeordnet. Der Bericht stellt heraus, dass Trader den Yen weiterhin als tendenziell „sprunghaft“ erwarten, weil das Interventionsrisiko präsent bleibt. Für viele bleibt der Yen damit zwar weiterhin eine der am stärksten gehandelten großen Währungen, aber das Timing der Trades wird schwieriger. In der Meldung werden außerdem zwei weitere Mechanismen genannt, die die Yen-Dynamik beeinflussen: Zum einen sind es Erwartungen an künftige Zinsschritte in Japan; zum anderen die Spekulation, dass der riesige Government Pension Investment Fund seine Allokationen stärker in Richtung Inlandsinvestitionen verschieben könnte. Beide Faktoren wirken indirekt auf den Carry-Trade, weil sie die Attraktivität der Refinanzierung und die erwartete Wertentwicklung der Währung mitbestimmen.
Bei der relativen Bewertung wird der Schweizer Franken besonders konkret. Laut Bericht sind die Zinsen derzeit bei 0% in der Schweiz, während in Japan 1% genannt werden. Damit schält sich der Franken als „offensichtliche“ Alternative heraus: Wenn die SNB die Währung ohnehin an den Zielkorridor heranführt oder bei Bedarf stützt bzw. schwächen lässt, kann eine Carry-Rotation zusätzlich dazu beitragen, dass der Druck auf die Schweizer Exportpreise nicht weiter steigt. Entsprechend heißt es, dass die SNB eine Schwächung grundsätzlich begrüßen würde, weil sie bereits signalisiert habe, bei Notwendigkeit einzugreifen. Dass ein solcher Schritt nicht nur aus institutionellem Wunschdenken besteht, zeigt der Blick auf die Kursentwicklung: Der Franken wird bei etwa 0,9385 gegenüber dem Euro verortet und damit nahe seinem schwächsten Stand seit rund einem Jahr. Gegenüber dem Euro hat er sich dem Bericht zufolge um rund 4% von einem 11-Jahres-Hoch bei etwa 0,9 im März entfernt; gegenüber dem US-Dollar ist er demnach fast 7% unter dem 11-Jahres-Hoch von Januar.
Konkreter wird die Lage durch Zielkorridore und Bank-Empfehlungen, die den Markt in Bewegung setzen können. Rabobank habe vergangene Woche ihren 9- bis 12-Monats-Zielwert für EUR/CHF auf 0,95 von 0,94 angehoben, was die Erwartung stützt, dass der Franken weiter nachgeben könnte. Daneben wird eine strategische Empfehlung genannt: BofA empfehle, den Schweizer Franken gegen den Yen zu verkaufen, mit einem Ziel von 190 Yen pro Franken. Aktuell werden 196 Yen genannt, zuvor waren es um 200 Yen gewesen, bevor die jüngste Intervention das Setup verändert hat. Die Argumentation basiert dabei laut Bericht auf der stabilisierenden Wirkung, die für Japans Zahlungsbilanz erwartet wird, sowie auf der Tatsache, dass sich die Refinanzierung in Schweizer Franken attraktiver anfühlt als in der japanischen Währung.
Der Wechsel in den Portfolios ist damit weniger ein „Entweder-oder“ als ein fortlaufender Anpassungsprozess. ING beschreibt den Schritt als Rotation, aber noch nicht als voll etabliertes Muster: Der Bericht zitiert Chris Turner, Global Head of Markets bei ING, mit der Einschätzung: „It’s going to take a lot to shift away from the yen as a funding currency, but there is a lot out there to shake people out of that habit.“ Und auch Fredrik Repton, Senior Portfolio Manager bei Neuberger Berman, ordnet die Marktmechanik aus Trader-Sicht ein: „If you look at the performance of euro-Swiss, that’s probably more instructive to how the market environment has been shaping up.“ Interessant ist hier die stille Logik: Anleger schauen nicht nur auf den Yen, sondern auf die relative Preisbildung über EUR/CHF als sichtbaren Indikator dafür, wie stark der Markt bereit ist, Carry-Positionen umzuschichten.
Für Unternehmen und Treasury-Abteilungen entsteht daraus ein praktisches Szenario: Die oft unterschätzte Zweitwirkung von Carry-Trades liegt nicht nur im Kapitalmarkt, sondern in den Wechselkursen, die Finanzierungskosten und Absicherungslogiken beeinflussen. Wenn der Franken als Funding-Währung häufiger genutzt wird und damit tendenziell Abwärtsdruck erfährt, kann das die Kostenseite für Schweizer Exporteure und die Ertragsplanung in Fremdwährungen spürbar verändern. Gleichzeitig sollten Verantwortliche nicht davon ausgehen, dass die Volatilität „einfach verschwindet“: Sobald Märkte wieder in einen risk-on Modus kippen oder Interventionen neu kalibriert werden, können sich Carry-Setups schnell drehen. Für die nächsten Sitzungen dürfte daher weniger die Frage „welche Währung ist korrekt“ im Vordergrund stehen, sondern: Wie stabil bleibt das Zins- und Interventionsumfeld, und wie schnell preist der Markt neue Schwankungsrisiken ein.
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