KARLSRUHE/PULA / LONDON (IT BOLTWISE) – Vier Jahre nach den Nord-Stream-Anschlägen hat die Bundesanwaltschaft einen zweiten Verdächtigen in Kroatien festnehmen lassen. Der Ukrainer Wolodymyr Z. soll unter anderem gemeinschaftlich das Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion geplant oder ermöglicht haben, wie die Ermittler darlegen. Die Justiz ordnet ihn außerdem einer Rolle als ausgebildeter Taucher bei den Einsätzen an der Ostsee zu. Der Schritt folgt auf die Festnahme eines mutmaßlichen Drahtziehers im Jahr 2025 und die bereits erfolgte Anklageerhebung in Hamburg.

Nord-Stream-Ermittlungen: Zweiter Verdächtiger in Kroatien festgenommen
Nord-Stream-Ermittlungen: Zweiter Verdächtiger in Kroatien festgenommen (Foto: IT BOLTWISE)
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Vier Jahre nach den Anschlägen auf die Nord-Stream-Pipelines konkretisiert sich die Ermittlungsarbeit erneut: Die Bundesanwaltschaft ließ den Ukrainer Wolodymyr Z. in Kroatien festnehmen, wie die Karlsruher Behörde mitteilte. Im Zentrum steht dabei nicht nur das Festhalten einer weiteren Person, sondern die Frage, wie sich die einzelnen Rollen der mutmaßlichen Beteiligten zu einem technischen und logistischen Ablauf zusammensetzen. Die Sprengungen hatten die beiden Pipelines im September 2022 so stark beschädigt, dass danach kein Gas mehr durchgeleitet werden konnte. Nord Stream 1 transportierte zu diesem Zeitpunkt bereits russisches Erdgas, während Nord Stream 2 noch nicht in Betrieb war.

Nach den Angaben der Ermittlungsbehörden geht es bei dem zweiten Verdächtigen insbesondere um die Vorwürfe im Zusammenhang mit der Sprengstoffexplosion. Damit knüpft die Verfolgung an frühere Verfahren an: Die Person war im Herbst 2025 bereits in Polen festgenommen worden, anschließend lehnte die polnische Justiz damals den deutschen Auslieferungsantrag ab, sodass der Mann wieder freikam. Für die aktuellen Ermittlungen ist genau diese Kette bedeutsam, weil sie zeigt, wie stark das Verfahren von internationalen Zuständigkeiten, Beweis- und Übergabefragen abhängt. Aus Ermittlersicht ist der Schritt in Kroatien daher auch ein Signal, dass die Ermittler die operative Spur weiterhin als belastbar ansehen und nun einen neuen Zugriff auf die Person erreichen konnten.

Technisch und operativ skizziert die Bundesanwaltschaft zudem ein mögliches Einsatzbild: Wolodymyr Z. soll laut Vorwürfen als ausgebildeter Taucher an den Tauchgängen in der Ostsee beteiligt gewesen sein, bei denen Sprengsätze an den Gasleitungen platziert wurden. Für den Transport sollen er und seine Mittäter demnach eine Segeljacht genutzt haben, die in Rostock startete. Auffällig ist dabei weniger die Frage nach dem Schiff als solche, sondern die Kombination aus Unterwasser-Expertise, geplanter Logistik und der Notwendigkeit, die Ausführung über mehrere Stationen hinweg zu orchestrieren. In der Darstellung der Ermittler spielt zudem die Tarnung eine Rolle: Mit Hilfe gefälschter Ausweispapiere soll die Jacht über Mittelsmänner bei einem deutschen Unternehmen angemietet worden sein.

Die zeitliche Einordnung fügt sich in eine bereits sichtbar fortgeschrittene Phase der Strafverfolgung: Ende August 2025 konnte der mutmaßliche Drahtzieher der Operation, Serhij K., an der Adria-Küste gefasst werden – wie aus dem Verfahren hervorgeht, war er dort im Urlaub mit seiner Familie. Auch hier ist der internationale Rahmen entscheidend: Der Zugriff erfolgte auf Grundlage eines Europäischen Haftbefehls. Anschließend hat die Bundesanwaltschaft einige Wochen später Anklage gegen ihn am Hanseatischen Oberlandesgericht Hamburg erhoben. Für Beobachter ist das ein wichtiges Indiz, dass die Ermittlungen nicht bei der Identifizierung stehen geblieben sind, sondern die Verfahrensakten in Richtung gerichtliche Prüfung weitergeschoben wurden.

Dass bis heute für die Anschläge niemand zur Rechenschaft gezogen wurde, bleibt allerdings der zentrale juristische Status quo. Die jetzt bekannt gewordene Festnahme eines weiteren Verdächtigen ändert daran zwar den Zuschnitt der möglichen Tatbeteiligung, setzt aber keine abschließende Schuldentscheidung voraus. Gerade im Zusammenspiel mehrerer Länder zeigt sich, wie sehr Strafverfahren bei grenzüberschreitenden Sachverhalten an der Verfügbarkeit von Personen, an Übergabewegen und an der späteren gerichtsfesten Verwertung von Unterlagen hängen. Für die Verteidigungs- und Ermittlungsarbeit bedeutet das: Selbst wenn einzelne Beteiligte festgenommen werden, müssen sich die Rollen in späteren Beweisaufnahmen präzise zuordnen lassen – insbesondere bei Vorwürfen, die stark auf technische Abläufe wie Tauchphasen, Platzierung und Transportlogistik rekurrieren.

Inhaltlich lohnt auch der Blick darauf, was solche Verfahren für die technische Sicherheits- und Resilienzdebatte rund um kritische Infrastruktur bedeuten. Nord-Stream-Anschläge sind ein Extremfall, aber die Mechanik dahinter – die Verwundbarkeit von Anlagen, die in Randzonen von Überwachung und Kontrolle liegen, sowie die Bedeutung von zuverlässiger Risikoanalyse auf mehreren Ebenen – wird in der Branche wiederkehrend diskutiert. Der vorliegende Stand zeigt zudem, dass Ermittler bei komplexen Taten offenbar versuchen, operative Details über mehrere Indizketten zusammenzuführen: von der Anmietung und der Tarnung bis zur unter Wasser erforderlichen Umsetzung. Für Unternehmen und Behörden ist das weniger ein unmittelbarer technischer Handlungsplan als vielmehr eine Bestätigung, wie wichtig forensische Dokumentierbarkeit und internationale Abstimmung im Ernstfall sind.

Für den weiteren Verlauf ist entscheidend, ob die neuen Ermittlungsansätze zu belastbaren Beweisen führen, die in einem Gerichtsverfahren standhalten. Die Festnahme in Kroatien kann den Takt der weiteren Schritte verändern, etwa bei der Vernehmung, beim Abgleich von Spuren und beim Aufbau einer kohärenten Darstellung der mutmaßlichen Beteiligung. Gleichzeitig bleibt das Kernelement unverändert: Es gibt ein Ermittlungsverfahren mit konkreten Tatvorwürfen, aber noch keine gerichtliche Entscheidung, die die Vorwürfe als erwiesen feststellt. In dieser Phase steht damit weniger die Schlagzeile im Vordergrund, sondern die Frage, wie sich die Rollenbilder – Taucherkompetenz, Transport über eine Segeljacht, gefälschte Ausweispapiere und mögliche Mittelsmänner – durch Aktenlage und Zeugenaussagen zusammenfügen lassen.

Auch wenn die aktuellen Meldungen primär strafrechtlich sind, treffen sie technisch und organisatorisch den Nerv von „kritischer Infrastruktur“: Wer Anlagen wie Pipelines angreift, setzt offenbar auf Präzision, Timing und das Ausnutzen von Koordinationslücken. Dass die Anklage gegen Serhij K. bereits in Hamburg erhoben wurde, macht klar, dass der juristische Prozess in eine Phase übergeht, in der Detailfragen über die Tatplanung und Ausführung nicht mehr nur Ermittlungsarbeit bleiben, sondern zur gerichtlichen Prüfung werden. Der zweite Festgenommene erweitert nun den Kreis der mutmaßlich Beteiligten – und damit die Aufgabe, die komplexe Operation in nachvollziehbare, beweisbare Schritte zu zerlegen.


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