ZÜRICH / LONDON (IT BOLTWISE) – DocMorris dreht nach einem frühen Minus wieder ins Plus und hebt gleichzeitig seine Umsatz- und Ergebnisprognose an. Das Management sieht den Außenumsatz in Lokalwährungen im laufenden Jahr um 9 bis 13 Prozent steigen. Die operativen Kosten bleiben jedoch vorerst hoch, weil außerordentliche Ausgaben im Zusammenhang mit einer Restrukturierung und KI-Nutzung deutlich zunehmen. Besonders E-Rezept und verschreibungspflichtige Medikamente treiben den Wachstumskurs.

Zu Beginn des Börsentages sah es nach einer Enttäuschung aus: DocMorris-Aktien standen am Mittwoch zunächst moderat im Plus, drehten dann ins Minus und fielen wieder aus der Erholungsbewegung heraus. Im weiteren Verlauf kam jedoch Bewegung zurück, zeitweise lag das Papier mit +0,62 Prozent bei 9,69 Schweizer Franken. Auf der vorbörslichen Handelsplattform Tradegate waren die Titel zuvor bereits um umgerechnet zwölf Prozent nach oben geschossen. Im selben Umfeld legten auch die Papiere von Redcare Pharmacy um 1,21 Prozent auf 58,60 Franken zu – ein Hinweis darauf, dass der Markt die aktuelle Geschäftsentwicklung beider Versandapotheken weiterhin eng im Blick hat.
Der wichtigste Treiber der Neubewertung kommt aus dem Ausblick: DocMorris hebt die Prognose an, will dabei den Außenumsatz in Lokalwährungen im Gesamtjahr um 9 bis 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr steigern. Bisher war hier nur ein Plus im mittleren einstelligen Bereich bis hin zu einem niedrigen Zehnprozentwert im Raum. Gleichzeitig bleibt das Bild beim Ergebnis vorsichtig: Das um Sondereffekte bereinigte Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) soll bei minus 10 bis minus 17,5 Millionen Schweizer Franken liegen – zuvor hatte das Unternehmen noch bis zu 25 Millionen Verlust erwartet. Damit setzt DocMorris zwar einen klaren Verbesserungsakzent, signalisiert aber weiterhin, dass der Weg zur operativen Stabilität im laufenden Jahr nicht linear verläuft.
Dass die Zahlen trotz Prognoseanhebung nicht sofort „grün“ werden, erklärt sich durch Kostenpositionen, die aktuell schwerer wiegen als die Umsatzdynamik. Laut Berichten ordneten Analysten die Entwicklung in den Kontext einer Restrukturierung, die auch mit der Nutzung Künstlicher Intelligenz zusammenhängt. In der Einordnung hieß es: „Alles in allem ein Schritt in die richtige Richtung, aber das Management muss beweisen, dass all die Umbaumaßnahmen die Kosten nachhaltig senken und die Effizienz erhöhen“, lautet das Resümee des Experten Martin Comtesse von der US-Bank Jefferies. Für Anleger ist genau diese Verknüpfung entscheidend: Eine KI-gestützte Neuausrichtung kann Prozesse automatisieren und Entscheidungen beschleunigen, verursacht in der Übergangsphase aber häufig erst einmal höhere Aufwände – etwa für Datenanbindung, Modellbetrieb, Integrationen und organisatorische Umstellungen.
Operativ zeigt DocMorris dennoch messbare Fortschritte. In den ersten sechs Monaten konnte der bereinigte operative Verlust von 28,8 auf 10,9 Millionen Franken mehr als halbiert werden; besonders im zweiten Quartal fiel der Wert besser aus als noch zum Jahresstart. Auch die Profitabilität verbesserte sich, unter anderem dank niedrigerer Kundenbindungskosten. Unter dem Strich sank der Fehlbetrag ebenfalls von 61,6 auf 53,1 Millionen Franken. Gleichzeitig standen jedoch Sonderausgaben in Höhe von rund 7,6 Millionen Franken auf der Rechnung, unter anderem im Zusammenhang mit der Schließung des Standorts in Ludwigshafen sowie der Umsetzung der neuen KI-Strategie. Damit ist die Unternehmenslogik klar: Das erste Halbjahr bündelt Umbruchkosten, das zweite Halbjahr soll dafür vergleichbar hohe Kosteneinsparungen ermöglichen.
Ein wesentlicher Gegenpol sind die wachstumsstarken Produkt- und Servicebereiche. Der Außenumsatz stieg um knapp 10 Prozent auf 628 Millionen Franken. Besonders auffällig ist das Wachstum im Segment Digital Services: Hier legte der Umsatz um gut 71 Prozent zu. Dazu zählen unter anderem das digitale Einlösen von E-Rezepten, die Vermittlung von Online-Arztbesuchen, KI-gestützte Gesundheitsassistenten sowie Online-Beratungen. Neben der Plattformlogik dahinter (Patientenfluss, Datenaustausch, Termin- und Beratungsprozesse) ist für Investoren vor allem die Frage relevant, wie stark sich diese Dienste in Wiederbestellungen, Kundenbindung und operative Margen übersetzen lassen. Im selben Atemzug zog auch das Geschäft mit verschreibungspflichtigen Medikamenten an – um 38 Prozent, im zweiten Quartal sogar mit einem Plus von fast 46 Prozent.
DocMorris begründet den kräftigen E-Rezept-Anstieg mit einem erheblichen Zustrom neuer Kunden sowie höheren Wiederbestellraten. Für das Gesamtjahr erwartet der Konzern beim Bereich der verschreibungspflichtigen Medikamente nun ein Wachstum von 40 Prozent – damit doppelt so hoch wie bisher. Auch die Mittelfristziele bleiben unverändert: Für den Umsatz werden weiterhin jährliche Wachstumsraten von rund 15 Prozent sowie eine operative Marge von rund 8 Prozent erwartet. Beim freien Barmittelfluss (Free Cashflow) nennt das Unternehmen ebenfalls eine konkrete Richtung: Er soll im Laufe des kommenden Jahres die Nulllinie erreichen. Damit setzt DocMorris auf eine Kombination aus Umsatzhebel (E-Rezept und Rezeptexterne Services) und Kostenhebel (Restrukturierung und Effizienzsteigerung) – und genau hier entscheidet sich, ob die KI-Strategie nachhaltig Kosten senkt oder ob zusätzliche Transformationsrunden nötig werden.
Während die Prognose angehoben wurde, bleibt die kurzfristige Aktienreaktion bei einigen Marktteilnehmern dennoch gedämpft. Die Schweizer Großbank UBS beließ DocMorris auf „Neutral“ und nannte ein Kursziel von 10,70 Franken. Laut Analyst Sebastian Vogel sei am Mittwoch mit einer eher durchwachsenen Reaktion auf den Quartalsbericht zu rechnen, weil höhere Ziele sowie das damit verbundene Potenzial im Konsens nicht vollständig getroffen würden. Zudem gelte der Free Cashflow weiterhin als negativ. Für den weiteren Verlauf heißt das: Der Markt wird weniger die Prognoseanhebung als alleinigen Wohlfühlimpuls bewerten, sondern vor allem die Kontinuität der Kostensenkung im zweiten Halbjahr und die Frage, ob die starken Wachstumsraten im E-Rezept-Umfeld sich auch in eine stabilere Ergebnislinie überführen lassen.
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