BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) sieht wegen steigender Hitze ein spürbar höheres Risiko für Arbeits- und Wegeunfälle. Laut DGUV hat sich die Zahl der „heißen Tage“ ab 30 Grad seit den 1950er Jahren etwa verdreifacht. Ab 30 Grad gebe es zudem rund 8 Prozent mehr Arbeitsunfälle als bei Temperaturen zwischen 10 und 15 Grad. Für Wegeunfälle im Straßenverkehr nennt der DGUV- Hauptgeschäftsführer sogar etwa 17 Prozent mehr.

Wer im Sommer „nur“ an wetterbedingte Unannehmlichkeiten denkt, unterschätzt offenbar den direkten Einfluss auf Sicherheit am Arbeitsplatz. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) weist in ihren aktuellen Ausführungen darauf hin, dass sich Häufigkeit und Intensität von Hitze in den vergangenen Jahrzehnten verändert haben und dadurch das Unfallgeschehen messbar beeinflusst wird. Stephan Fasshauer, Hauptgeschäftsführer der DGUV, verbindet die Entwicklung nicht mit vagen Gefühlslagen, sondern mit temperaturabhängigen Vergleichen aus eigenen Datensätzen.
Im Kern geht es um Schwellenwerte: Laut DGUV hat die Zahl der „heißen Tage“ mit mindestens 30 Grad in Deutschland seit den 1950er Jahren etwa um das Dreifache zugenommen. Ab Temperaturen von 30 Grad sieht die DGUV zudem einen statistischen Sprung: Bei dieser Kategorie lägen nach ihren Angaben etwa 8 Prozent mehr Arbeitsunfälle vor als bei Temperaturen zwischen 10 und 15 Grad. Bei den Wegeunfällen im Straßenverkehr nennt Fasshauer sogar eine deutlich höhere Differenz von rund 17 Prozent.
Technisch betrachtet lässt sich der Zusammenhang plausibel über mehrere Wirkmechanismen erklären, die in der Praxis zusammenkommen. Hitze kann die körperliche Leistungsfähigkeit reduzieren, Flüssigkeits- und Elektrolythaushalte belasten und damit die Fähigkeit zur sicheren Bedienung von Maschinen oder zum konzentrierten Arbeiten verschlechtern. Gerade Tätigkeiten auf einem Gerüst, an einer Maschine oder während des Fahrens erfordern dauerhaftes Situationsbewusstsein. Fasshauer betont in diesem Zusammenhang, dass nachlassende Konzentration gerade bei sicherheitskritischen Tätigkeiten schwerwiegende Folgen haben kann.
Auch der Umfang der verlorenen Arbeitszeit macht die Dimension deutlich. Nach DGUV-Angaben gingen allein im Jahr 2023 in Deutschland schätzungsweise 37 Millionen Arbeitsstunden durch Hitze verloren. Diese Zahl ist mehr als nur ein Effekt auf Produktivität: Wenn Arbeitszeit wegfällt oder Tätigkeiten verlagert werden, steigen gleichzeitig die Anforderungen an Organisation, Einsatzplanung und Ersatzprozesse. Dann wirken sich Hitzeperioden nicht nur auf die direkte Unfallwahrscheinlichkeit aus, sondern auch auf die Rahmenbedingungen, unter denen Personal im Schichtbetrieb oder bei Umplanungen arbeitet.
Für die Datengrundlage verweist die DGUV auf den jährlichen Bericht „Lancet Countdown on Health and Climate Change“ aus dem Fachjournal The Lancet. Die aktuellsten Werte lägen dabei für 2023 vor. Dass eine Unfallversicherung Klimadaten aus der Public-Health-Forschung heranzieht, ist bemerkenswert, weil es die Brücke zwischen dem „Klima als Hintergrund“ und „Klima als betrieblicher Risikofaktor“ schlägt. Für Unternehmen entsteht daraus ein klarerer Handlungsmodus: Hitze lässt sich nicht nur als saisonales Wetterrisiko behandeln, sondern als planbare Einflussgröße im Arbeitsschutz.
Der praktische Hebel ist Prävention, und genau den stellt die DGUV in den Mittelpunkt: Hitze-bedingte Ausfälle sollen vermieden werden, die Leistungsfähigkeit erhalten und Menschen gesund gehalten werden. In der Umsetzung bedeutet das häufig, Maßnahmen zeitlich an Hitzetage zu koppeln, etwa über zusätzliche Pausen, angepasste Schichtfenster oder Anforderungen an die Einsatzplanung für Outdoor-Arbeiten. Gleichzeitig lohnt sich die Betrachtung der gesamten Prozesskette vom Betrieb bis zur An- und Abreise, weil Wegeunfälle laut DGUV besonders stark auf Temperaturspitzen reagieren. Damit rückt auch der „Randbereich“ in den Fokus, der in vielen Unternehmen historisch weniger Aufmerksamkeit bekam als die unmittelbaren Produktions- oder Baustellenabläufe.
Für die weitere Entwicklung ist entscheidend, wie schnell Präventionskonzepte aus den Risikokennzahlen in den Alltag übersetzt werden. Wenn sich die Zahl heißer Tage dauerhaft erhöht und die Unfallzahlen bereits an klaren Temperaturspannen hängen, wird aus saisonaler Sensibilität eine kontinuierliche Sicherheitsplanung. Für Sicherheitsfachkräfte und Geschäftsführer ist das auch eine Frage der Datenqualität: Eigene Kennzahlen sollten sich mit externen Risikoprofilen aus Berichten wie dem „Lancet Countdown“ abgleichen lassen, um die Wirksamkeit von Maßnahmen nach Hitzewellen nachzuhalten. So wird aus der Warnung eine Steuerungsgröße, die nicht nur reagiert, sondern Risiken im Vorfeld reduziert.
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