BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Laut DGB-Ausbildungsreport 2026 fühlt sich jeder zweite Azubi psychisch belastet. Als häufige Treiber nennt die Erhebung Leistungs-, Zeit- und Verantwortungsdruck sowie Personalmangel im Ausbildungsbetrieb. Neben dem Job spielt auch die private Lage eine Rolle: Besonders die finanzielle Situation belastet viele Teilnehmende. Gleichzeitig sinkt die Zufriedenheit mit der Lehrstelle auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Erhebung.

Die Zahlen aus dem aktuellen Ausbildungsreport des Deutschen Gewerkschaftsbunds zeigen ein Muster, das viele Betriebe aus dem Alltag kennen dürften: Junge Menschen in der Ausbildung erleben Stress nicht nur als punktuelles Problem, sondern als wiederkehrenden Zustand. Der Report basiert auf einer Befragung von 13.227 Auszubildenden aus 25 besonders häufigen Ausbildungsberufen und nimmt in diesem Jahr die mentale Gesundheit besonders in den Fokus. Dabei sagt gut jede zweite Person in Ausbildung, sie fühle sich psychisch belastet – ein Wert, der den Blick auf Ausbildungsverträge verschiebt: Es geht weniger nur um Inhalte und Durchlaufzeiten, sondern um die Bedingungen, unter denen Lernen und Berufseinstieg stattfinden.
Für die Belastung nennt der DGB mehrere berufliche Auslöser, die eng miteinander verzahnt sind. Leistungs-, Zeit- und Verantwortungsdruck sowie Personalmangel tauchen in der Auswertung jeweils bei rund einem Fünftel der Befragten als Grund auf. Diese Verknüpfung ist relevant, weil Personalmangel häufig nicht isoliert wirkt: Wenn zu wenig Betreuung verfügbar ist, steigen Anforderungen an Eigenorganisation, Korrekturschleifen werden seltener, und Tätigkeiten können sich stärker auf Engpässe im Tagesgeschäft konzentrieren. Der Report ordnet daneben private Faktoren gleichwertig ein: 49,9 Prozent geben an, ihre finanzielle Situation belaste sie, 35 Prozent nennen die Wohnsituation, und 65,3 Prozent berichten, sie könnten von ihrer Ausbildungsvergütung weniger gut oder gar nicht selbstständig leben.
Auch die finanzielle Lage steht damit nicht im luftleeren Raum. Der Ausbildungsreport nennt konkrete Begleiterscheinungen der wirtschaftlichen Realität: Fast ein Drittel erhält Geld von den Eltern, etwa jede achte Person arbeitet zusätzlich neben der Ausbildung. Damit entsteht eine zusätzliche Belastungsschleife aus Zeit, Erschöpfung und möglicherweise weniger Raum für Lernphasen. Gleichzeitig beschreibt der Report, dass die Vergütung und die Lebenshaltung in vielen Fällen offenbar nicht ausreichen, um den Alltag parallel zur Qualifizierung stabil zu bewältigen. Wer neben dem Ausbildungsalltag in einem Nebenjob arbeitet, verschiebt häufig auch die Erholungszeit – und genau dort liegen in der psychischen Gesundheit oft die „unsichtbaren“ Engstellen.
Während die mentale Belastung im Vordergrund steht, zeigt sich parallel ein deutlicher Rückgang der Zufriedenheit. Der DGB berichtet für 2026, dass der Anteil der Auszubildenden, die mit ihrer Ausbildung zufrieden oder sehr zufrieden sind, gegenüber dem Vorjahr um 5,9 Prozentpunkte gesunken ist und mit 65,7 Prozent den niedrigsten Wert im Rahmen des Ausbildungsreports erreicht. Die Unterschiede nach Ausbildungsrichtung sind dabei bemerkenswert: Besonders zufrieden äußern sich Azubis unter anderem in Bereichen wie Versicherungen sowie in verschiedenen technischen und verwaltungsnahen Berufen. Am unteren Ende der Skala stehen dagegen Ausbildungsrichtungen wie Friseure, Maler, Tischler sowie weitere Dienstleistungs- und Gewerbebereiche. Solche Spannen sind für Organisationen, die Ausbildung steuern, ein klarer Hinweis darauf, dass Strukturen vor Ort und die konkrete Ausgestaltung im Betrieb einen erheblichen Einfluss haben.
Der DGB leitet aus den Ergebnissen außerdem Mängel bei der Ausbildungsqualität ab. So müssen 35,4 Prozent der Auszubildenden regelmäßig Überstunden leisten – das entspricht einem Anstieg um 3,1 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr. Zudem steigt der Anteil der Personen, die nach eigenen Angaben immer oder häufig ausbildungsfremde Tätigkeiten verrichten müssen: Mit 16,3 Prozent erreicht dieser Wert einen neuen Höchststand. Auch die Betreuung wird problematisiert: 8,9 Prozent geben an, sie hätten keinen zuständigen Ausbilder, weitere 11,6 Prozent sagen, ihr Ausbilder sei selten oder nie verfügbar. Ergänzend nennt der Report, dass etwa ein Fünftel der jungen Leute einen Beruf lernt, der ursprünglich nicht geplant war; 8,4 Prozent bezeichnen ihren Lehrberuf sogar als Notlösung, bei jungen Frauen liegt dieser Anteil bei 9,2 Prozent.
Der Zusammenhang mit der Zufriedenheit wird im Report besonders deutlich an der Frage „Wunschberuf vs. Notlösung“. Bei denen, die in ihrem Wunschberuf ausgebildet werden, sind 78,6 Prozent mit der Ausbildung zufrieden oder sehr zufrieden. In der Notlösung liegt dieser Anteil hingegen nur bei 29 Prozent, wodurch sich die Abbruchgefahr nach Darstellung des DGB deutlich erhöht. Solche Zahlen sind auch aus Marktlogik plausibel: Wenn der Lehrstellenmarkt angespannt ist, sinkt die Passgenauigkeit zwischen Interessen und Angeboten, und aus „Plan B“ kann in der Praxis eine dauerhafte Belastung werden. Parallel zeigt der Report den Kontext: Die Zahl neu abgeschlossener Ausbildungsverträge 2025 liegt mit rund 476.000 um 2,1 Prozent niedriger als im Vorjahr, während die Nachfrage um 0,7 Prozent steigt; 19,9 Prozent der Bewerbenden finden demnach keine passende Stelle.
Für Unternehmen, Kammern und Ausbildungsakteure folgt daraus eine klare Handlungslogik: Mentale Gesundheit ist kein „Nebenprodukt“ guter Ausbildung, sondern eine Zielgröße, die sich in Planung, Kapazität und Betreuung konkret abbilden lässt. Wenn Überstunden und ausbildungsfremde Tätigkeiten zunehmen, verschlechtert sich nicht nur die Qualitätswahrnehmung, sondern auch die Voraussetzung, um Ausbildungsinhalte verlässlich zu lernen. Gleichzeitig deuten die Daten darauf hin, dass finanzielle Stabilität und Wohnsituation in den Alltag hineinwirken – etwa über zusätzliche Nebentätigkeiten oder die Abhängigkeit von Zuwendungen aus dem familiären Umfeld. Wer Ausbildungsqualität als Produkt betrachtet, muss folglich auch die Lieferkette aus Zeitbudgets, Betreuungsquote und realen Lebenshaltungskosten mitdenken; andernfalls verschiebt sich die Zufriedenheit weiter nach unten, und der Effekt kann bei Notlösungen besonders schnell in Richtung Vertragsabbrüche kippen.
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