BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Medizinische Dienst Bund hat für 2025 gemeldet, dass im vergangenen Jahr rund 11.700 Verdachtsfälle zu vermuteten Behandlungsfehlern begutachtet wurden. In jedem vierten Fall bestätigten sich Schäden; in 2.700 Fällen waren die Fehler ursächlich. Besonders kritische „Never Events“ mit möglichen Todesfolgen traten dennoch auf, obwohl Checklisten eigentlich Standard sein sollten. Gefordert werden nun mehr Transparenz, ein sanktionsfreies Meldesystem und Register für Fehler sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich.

Behandlungsfehler in Deutschland: Statistik zeigt hohe Dunkelziffer
Behandlungsfehler in Deutschland: Statistik zeigt hohe Dunkelziffer (Foto: IT BOLTWISE)
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In der Debatte um Patientensicherheit verschiebt sich der Fokus zunehmend von Einzelfällen hin zu messbaren Mustern. Der Medizinische Dienst Bund hat dazu eine Statistik vorgelegt, die für das Jahr 2025 auf Begutachtungen im Vorjahr verweist: Insgesamt wurden demnach rund 11.700 Verdachtsmeldungen zu vermuteten Behandlungsfehlern im Auftrag der Krankenkassen geprüft. Entscheidend ist dabei weniger die reine Zahl als die Trefferquote: In jedem vierten Fall bestätigten sich Schäden, also ein Niveau, das Fragen nach Erkennung, Meldedisziplin und Systemrobustheit aufwirft.

Während 2.700 Fälle betroffen waren, in denen Behandlungsfehler auch ursächlich für die erlittenen Schädigungen waren, zeigt die Statistik zugleich die existenzielle Spitze des Problems. In 97 Fällen führten die Fehler zum Tod von Patientinnen und Patienten oder trugen wesentlich dazu bei; weitere 150 Fälle stufte die Expertenorganisation als gravierende Vorfälle ein, die mit Vorkehrungen zur Patientensicherheit wie Checklisten eigentlich nicht vorkommen sollten. Der Vorstandsvorsitzende Stefan Gronemeyer stellte genau diese Logik heraus: Nicht „wer ist schuld“, sondern „wie konnte das passieren“ muss zur leitenden Frage werden, weil sich an der Fehlerentstehung die Wirksamkeit von Prozessen messen lässt.

Technisch betrachtet geht es bei den beschriebenen „Never Events“ um wiederkehrende Mechanismen, die in der Routine trotz Standardschutzmaßnahmen auftreten können. In der Meldelogik werden etwa vergessene Tupfer nach Operationen genannt sowie Verwechslungen von Körperteilen oder Patientinnen und Patienten. Solche Muster sind typisch für Situationen, in denen mehrere Informationsquellen parallel laufen: Teams wechseln, Ergebnisse werden mündlich übergeben, Dokumentation und reale Durchführung treffen zeitweise nicht exakt dieselbe Version der Wahrheit. Genau deshalb setzt der geforderte Ansatz auf Systemlernen: Ein verpflichtendes, pseudonymisiertes Meldesystem soll nicht einzelne Verantwortlichkeiten sanktionieren, sondern Erkenntnisse über Schwachstellen für die Wiederholungssperre liefern.

Für die politische und organisatorische Dimension ist außerdem die Dunkelziffer zentral. Gronemeyer betonte, dass viele vermeidbare Schädigungen nicht erkannt, nicht gemeldet und nicht untersucht werden; zudem gebe es in Deutschland keine zentrale Erfassung von Behandlungsfehlern, weshalb die exakte Zahl geschädigter Patientinnen und Patienten unbekannt bleibt. Als Größenordnung verwies er auf wissenschaftliche Auswertungen von Krankenakten: Demnach kommen vermeidbare Schäden bei zwei bis vier Prozent allein der Klinikbehandlungen vor, was grob 350.000 bis 700.000 Fällen pro Jahr entspräche. Damit wird klar, warum rein retrospektive Aufarbeitung allein zu kurz greift und warum Transparenz und Sicherheitsnetze bereits vor dem Schadensereignis ansetzen müssen.

Auch das Melde- und Anspruchssystem steht unter Druck, weil Betroffene selten über genügend Anhaltspunkte verfügen, um Fehler gezielt zu identifizieren. Wenn Versicherte vermutete Behandlungsfehler haben, können sie sich zwar an Krankenkassen oder an Sachverständige sowie Schlichter wenden, die medizinische und juristische Gutachten nach sich ziehen. In der Praxis erfolgt die Information über einen Fehler aber oft nur dann, wenn Patientinnen und Patienten aktiv danach fragen. Deshalb wird eine gesetzliche Informationspflicht für solche Fälle diskutiert; ergänzt wird das Spektrum durch Forderungen nach einem zentralen Register für Behandlungsfehler in ambulanten und stationären Settings sowie nach einem Härtefallfonds für Geschädigte, die ansonsten lange in Verfahren geraten oder keine ausreichende Anerkennung finden.

Zur wirtschaftlichen Einordnung kommt hinzu, dass Patientensicherheit nicht nur Ethik- und Qualitätsfrage ist, sondern auch ein Effizienzthema. Der Medizinische Dienst Bund argumentierte, dass „jeder vermeidbare Schaden“ weniger Leid bedeutet und gleichzeitig unnötige Folgekosten vermeidet. In der Debatte um Beitragssätze, Finanzierungslücken und Einsparpotenziale wird damit ein bislang schwerer zu greifender Hebel adressiert: Prävention entlang sauberer Prozessketten, die Risiken in der Versorgung systematisch senkt, statt Schäden später zu verwalten. Diskutiert werden zudem fairere Beweisregeln, weil Betroffene bislang Fehler und Schaden nachweisen müssen und auch die Kausalität zwischen beiden darlegen sollen; die AOK fordert dabei bereits seit längerem, dass künftig eine überwiegende Wahrscheinlichkeit von mehr als 50 Prozent ausreichen soll. Im Ergebnis hängt die weitere Umsetzung davon ab, ob das Gesundheitswesen die Rolle von Meldesystemen, Registern und Informationspflichten so verankert, dass Lernen schneller möglich wird – und nicht erst, wenn der Schaden bereits eingetreten ist.


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