BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein Team am HZB hat Fraktonen in einem Quanten-Festkörpermodell nachgewiesen und damit einen langen experimentellen Suchprozess konkretisiert. Fraktonen gelten als Quasiteilchen an den Eckpunkten magnetischer Domänenwände und zeichnen sich durch ihre nahezu unbewegliche Dynamik aus. Entscheidend war, die bisher nur in stark verallgemeinerten Eichfeldtheorien mögliche Vorhersage auf ein realistisches Modell zu übertragen und Quanteneffekte im Rechenansatz abzubilden. Für die nächste Phase nennen die Forschenden die Entwicklung realer Materialien; als Kandidaten werden Rydbergatom-Simulatoren ins Spiel gebracht.

HZB-Forscher weisen Fraktonen in Quanten-Spinflüssigkeiten nach
HZB-Forscher weisen Fraktonen in Quanten-Spinflüssigkeiten nach (Foto: IT BOLTWISE)
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Fraktonen werden in der theoretischen Physik seit Jahren als Kandidaten für einen ungewöhnlichen Mechanismus gehandelt, der Quantenphänomene besonders robust machen könnte. In klassischen Bildern bewegen sich Teilchen typischerweise frei durch den Raum; bei Fraktonen dagegen ist die Situation anders: Sie tauchen als Quasiteilchen an den Eckpunkten magnetischer Domänenwände zwischen unterschiedlichen Spinordnungen auf und gelten als quasi unbeweglich. Genau diese eingeschränkte Mobilität wäre in der Theorie ein Vorteil, wenn sich damit Quanteninformationen gegen typische Störungen stabilisieren ließen. Bisher blieb die Übertragung solcher Ideen auf realere Modelle und vor allem auf experimentell beobachtbare Signaturen jedoch schwierig.

Damit rückt jetzt ein praktischer Schritt in den Fokus: Ein Team um Prof. Dr. Johannes Reuther und Dr. Nils Niggemann hat nach eigenen Angaben die theoretische Vorhersage zu Fraktonen aus sehr verallgemeinerten Eichfeldtheorien in ein Quanten-Festkörpermodell übertragen und dort in numerischen Simulationen einen Nachweis erbracht. Der Ausgangspunkt sind Quantenspinflüssigkeiten, also exotische Materialzustände in Kristallen, bei denen die magnetischen Momente der Elektronen selbst am absoluten Nullpunkt keine starre Ordnung bilden. Stattdessen bleiben sie wie in einer Flüssigkeit ständig in Bewegung. Als Referenzrahmen lässt sich diese „fehlende“ feste Ordnung gut mit dem vergleichen, was man bei Gitterschwingungen kennt: In Kristallen beschreibt man deren kollektive Schwingungen über Phononen. Fraktonen sind dagegen nicht „normale“ kollektive Anregungen, sondern entstehen aus dem Zusammenspiel vieler Spins in einem Setting, in dem Domänenwände und ihre Geometrie eine entscheidende Rolle spielen.

Der entscheidende Engpass lag laut Beschreibung der Forschenden darin, dass frühere Modellansätze die Quanteneffekte nicht in der richtigen Stärke abbilden konnten. Entweder waren die Quanteneffekte zu stark und führten dazu, dass die fraktonartige Materiephase zerstört wurde, oder sie waren zu schwach, sodass Fraktonen nur als klassische Teilchen ohne relevante Quanteneigenschaften existierten. Der aktuelle Fortschritt besteht deshalb weniger in einer „neuen“ Annahme über Fraktonen als in einer verbesserten Modellierung des Festkörpers, insbesondere in der Abbildung von Spin-Wechselwirkungen. In den Simulationen wird damit ein Szenario möglich, in dem die fraktonenrelevante Physik nicht durch falsche Parameter oder vereinfachte Wechselwirkungen glattgebügelt wird, sondern als quantenmechanische Emergenz plausibel nachweisbar wird.

Technisch betrachtet verschiebt dieser Schritt den Fokus von rein formalen Feldtheorien hin zu einem Festkörperbild, das Quanteneffekte explizit berücksichtigt. Das ist auch deshalb relevant, weil reale Experimente typischerweise genau diese Art von Materialbeschreibung verlangen: Nicht die mathematische Klasse einer Eichfeldtheorie bestimmt später die Messsignatur, sondern wie Spins, Wechselwirkungen und Symmetrien in einem konkreten Modell die entsprechenden Anregungen hervorbringen. Reuther verweist hierzu auf den Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus der experimentellen Festkörperphysik am HZB: Gerade bei der Frage, welche Wechselwirkungsparameter im Modell „experimentell nachempfindbar“ sind, kann dieser Abgleich den Unterschied machen, ob ein theoretischer Nachweis nur auf dem Papier funktioniert oder als Blaupause für die spätere Realisation taugt.

Für den Markt und die Forschungslandschaft bedeutet das vor allem eins: Quantenmaterialien und Quantensimulatoren gewinnen als Entwicklungsumgebung für schwer zugängliche Phasen weiter an Bedeutung. Fraktonen werden zwar nicht als fertiges „Produkt“ geliefert, aber der Weg dorthin folgt einer Technologie-Logik, die man auch aus anderen Quantenbereichen kennt: Erst kommt die rechnerische Plausibilität, dann die Identifikation von experimentell messbaren Merkmalen, und schließlich die Umsetzung in einem Plattformaufbau, der genau diese Merkmale stabil auslesen kann. Im Artikel wird als nächste Herausforderung explizit genannt, reale Materialien zu entwickeln, die die Eigenschaften des theoretischen Modells widerspiegeln. Als besonders interessante Kandidaten für die experimentelle Realisation werden Rydbergatom-Simulatoren genannt – ein Ansatz, bei dem sich Spin-ähnliche Freiheitsgrade in kontrollierter Weise nachbilden lassen, um Phasen zu testen, die sich im klassischen Festkörperdesign nur schwer herstellen oder eindeutig verifizieren lassen.

Auch wenn der aktuelle Schritt zunächst „nur“ über Simulationen führt, ist er inhaltlich mehr als eine Bestätigung der Theorie: Er reduziert die Lücke zwischen dem, was in idealisierten Formulierungen berechenbar ist, und dem, was sich in einem Quanten-Festkörpersetting überhaupt konsistent darstellen lässt. Das stärkt die Chance, dass aus dem theoretischen Fraktonenbild später robuste Messstrategien entstehen. Mit Blick auf die Publikationsbasis ist die Originalarbeit in den „Nature Communications“ (2026) verortet, inklusive der DOI 10.1038/s41467-026-74797-0. Für Forschende, die an quantenrobuster Speicherung, emergenten Photonen oder an der generellen experimentellen Kontrolle von Quantenspinflüssigkeiten arbeiten, liefert der Ansatz damit einen konkreteren Modellpfad, an dem sich Hypothesen zur Messbarkeit und zur Plattformwahl künftig ausrichten können.


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