HENGDIAN, CHINA / LONDON (IT BOLTWISE) – In Hengdian kippt die Microdrama-Produktion binnen weniger Monate: Neue KI-Video-Tools erzeugen vertikale Serien deutlich günstiger. Laut chinesischen Staatsmedien wurden in den ersten drei Monaten des Jahres über 120.000 Microdramas veröffentlicht, davon 95% per KI. Für Schauspieler und Crew bedeutet das spürbar weniger Drehtage und sinkende Gagen. Gleichzeitig entstehen neue Rollen rund um Prompting, Schnitt und Skriptoptimierung, während Urheber- und Gesichtsrechtsfragen die Branche weiter prägen.

Als in Hengdian die Dreharbeiten wieder anliefen, sah es zunächst nach Routine aus: Kameraleute bauten Scheinwerfer auf, Choreografen proben Kampfszenen, und das Requisiteteam arbeitete an einem Netz, das später eine Geisel festhalten sollte. Doch hinter der Hektik zeichnet sich eine Verschiebung ab, die inzwischen auch andere Produktionsorte erfasst. Was vor wenigen Monaten noch als florierende “Microdrama”-Szene galt, wirkt heute wie ein System im Rückzug: Sets bleiben leer, weil KI-gestützte Video-Generatoren vertikale Formate zunehmend ohne klassische Live-Produktion ausspielen.
Der Hebel liegt in den Kosten und im Tempo. So berichten chinesische Staatsmedien, dass im laufenden Jahr in den ersten drei Monaten mehr als 120.000 Microdramas erschienen – mit einem KI-Anteil von 95%. Konkret werden mit neuen Tools aus vorhandenen Text- oder Story-Vorlagen schnell laufzeitfähige Clips erzeugt, sodass Teams nicht mehr für jede Episode Drehtermine, Locations, Cast und Drehbuchdurchläufe bündeln müssen. Der Effekt ist doppelt: weniger Live-Aktivitäten drücken die Zahl echter Produktionen, während Plattformen gleichzeitig mit KI-generiertem Material überflutet werden.
Für die Menschen in der Produktion wird aus der technologischen Verschiebung eine wirtschaftliche. Die 24-jährige Schauspielerin Junlin beschreibt, wie sich die Lage in Hengdian für sie konkret anfühlt: Sie findet weniger Anstellungen, der “Survival”-Spielraum schrumpft, und allein außerhalb des Sets wächst die Anspannung. Laut ihrer Schilderung schrumpfte ihre Arbeit im Juni auf sieben Drehtage; zuvor lag sie in der Frühphase bei 25 Drehtagen pro Monat in Hengdian und anderen Städten. Auch weitere Darstellungen aus dem Umfeld der Szene sprechen von drastisch reduzierten Angeboten: Wer früher als Hauptbesetzung ein Vielfaches verdienen konnte, wird jetzt mit deutlich niedrigeren Tagesraten konfrontiert, wodurch manche auf Nebenjobs ausweichen.
Um zu verstehen, warum KI-Video hier so schnell durchschlägt, lohnt ein Blick auf die Entstehung der Microdramas selbst. Das Format entstand in der Pandemie-Phase, als traditionelle Studios geschlossen waren und kurze Video-Apps wie Douyin und Kuaishou den Geschmack der Nutzer geprägt hatten. Microdramas bauen zwar auf einzelnen Episoden mit etwa 90 Sekunden Länge, fügen jedoch zusammenhängende Handlungen zu einer Länge zusammen, die an Kinofilme heranreicht. Diese Besonderheit passt wiederum gut zu KI-Workflows: Eine Story lässt sich in Szenen zerlegen, daraus lassen sich visuelle Sequenzen erzeugen und per Schnitt wieder zu Folgeformaten montieren. Hinzu kommt, dass Microdramas – samt melodramatischer Plots und teils überdrehter Wendungen – seit Jahren auch international Reichweite finden und damit eine ökonomische Dynamik erzeugten, die sehr stark auf Skalierung setzte.
Gleichzeitig steht die Szene unter politischem und regulatorischem Druck: Zensurbehörden ziehen die Kontrolle an und planen neue Regeln, die ab September gelten sollen. Für die Produktion bedeutet das mehr als nur inhaltliche Anpassungen; es wirkt auch auf die technische Umsetzung, weil KI-gestützte Generatoren Inhalte schneller variieren können als traditionelle Prozesse. Damit steigt der Bedarf, dass Skripte und visuelle Motive zuverlässig in die genehmigte Richtung gelenkt werden. Im Hintergrund verschärft sich außerdem der Wettbewerb: Ein hyper-optimierter Produktionsmodus mit langen Arbeitstagen – bis in den Bereich von 18 bis 20 Stunden – war schon in der Live-Welt extrem. KI macht diese Skalierung nun für mehr Akteure erreichbar, wodurch die Marktpreise für Projektdienstleistungen sinken.
Genau dort entstehen neue Jobprofile, die eher nach Software- und Medienproduktion klingen als nach klassischem Schauspiel. Die 21-jährige Studentin und Startup-Gründer Tan Chen beschreibt, wie sein Team Skripte oder Romane “optimiert”: Narrative werden verdichtet, Spannung hochgezogen, Charakter- und Set-Entscheidungen getroffen und daraus ein Storyboard gebaut. Erst dann kommt das Prompting ins Spiel: Mitarbeitende, die als “Card-pullers” beschrieben werden, nutzen Eingabeanweisungen, um wiederholt KI-Videoabschnitte zu generieren, bis die Szenen visuell und inhaltlich zusammenpassen. Die Bezahlung steht dabei unter Druck; anfangs lagen Preise bei rund 1.000 Yuan pro Minute für Projekte, später werden je nach Anfrage auch deutlich niedrigere Sätze genannt. Parallel verschiebt sich die Wertschöpfung: Nicht mehr Cast und Drehplan bestimmen die Qualität, sondern die Fähigkeit, Text in eine stabile visuelle Sprache zu übersetzen und die resultierenden Clips sauber zusammenzusetzen.
Eine zusätzliche Reibungsfläche bildet das Urheber- und Gesichtsrecht. In der Szene wird berichtet, dass KI-Charaktere, die realen Darstellern ähneln, zum Konfliktthema geworden sind; in mindestens einem Fall soll es zu einer gerichtlichen Entscheidung und Entschädigungszahlungen gekommen sein. Andere Schauspielerinnen und Schauspieler wirken jedoch pragmatischer, weil Nachweise über eine konkrete Herkunft der Gesichtlichkeit als schwer gelten. Yu Shutian schildert, dass sie das Problem eher in der Technologie als in einzelnen Erstellern verortet und deshalb zunächst keinen Rechtsweg beschritten hat; statt dessen will sie KI als Werkzeug nutzen und sich mehr in Richtung Regie verlagern. Für die Plattformen bleibt dennoch die Nachfrage nach “realen Menschen” ein Thema: In jüngsten Bewertungen und Ranglisten werden AI-Formate zwar sichtbar, aber zugleich tauchen echte Darsteller-“Drames” weiterhin in den Topplätzen auf.
Damit bleibt die zentrale Frage offen, wie sich die Branche langfristig neu sortiert. Auf der einen Seite werden studioähnliche Räume und Lebensgröße-Sets weniger zwingend, wenn visuelle Welten künftig schneller aus Text und Prompts entstehen. Auf der anderen Seite argumentieren Schauspielerinnen und Schauspieler, dass KI emotionale Nuancen nicht in voller Bandbreite ausdrücken könne – und dass gerade neuere Talente besonders verwundbar sind, weil ihre Einstiegschancen an die sinkende Zahl echter Dreharbeiten gekoppelt sind. In Hengdian zeigt sich die Transformation folglich nicht nur als technischer Fortschritt, sondern als beschleunigte Neuverteilung von Arbeit: KI übernimmt Teile der Produktion, Menschen verschieben sich in Schnittstelle, Regie und neue Produktionsrollen – und kämpfen zugleich darum, dass der Markt ihre Rolle nicht komplett wegoptimiert.
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