LONDON (IT BOLTWISE) – Indiens große IT-Dienstleister geraten spürbar unter Druck, weil Kunden immer mehr Programmier- und Automatisierungsaufgaben intern mit KI abdecken. Laut einem Branchensprecher rutschen die Vorteile klassischer Zeit- und Personalmodelle zunehmend auf die Kundenseite. Vertragswerke verschieben sich in Richtung ergebnisbasierter Leistungskennzahlen, teils mit späteren Zahlungen und Kostenteilung. Für Einsteiger am Arbeitsmarkt bedeutet das vor allem: weniger Bedarf an massenhafter einfacher Softwarearbeit.

Indiens IT-Dienstleistungsbranche steht vor einer spürbaren Neuausrichtung, weil Künstliche Intelligenz einfache Programmier- und Standardaufgaben zunehmend automatisiert. Dadurch ändert sich nicht nur der technische Arbeitsalltag, sondern auch das Geschäftsmodell: Kunden verlangen nach messbaren Ergebnissen statt nach pauschal abgerechneter Arbeitskraft. Genau an dieser Stelle wird es für die etablierten Größen wie Tata Consultancy Services und Infosys unbequem, denn ihr klassisches Wachstumsprinzip beruhte stark darauf, viele Mitarbeitende über viele Stunden in Projekten zu halten. Die Branche gilt als besonders groß mit einem Marktvolumen von 315 Milliarden Dollar, doch der Wettbewerb um „billige Stunden“ wird durch KI-gestützte Eigenfertigung deutlich unattraktiver.
Der Wandel wird in der Vertragslogik sichtbar, nicht nur in Marketingfolien. Branchenvertreter berichten, dass Beratungs- und IT-Dienstleister Aufträge verlieren, weil Kunden Aufgaben mit KI intern erledigen, und dass gleichzeitig die Unsicherheiten rund um neue Technologien zu kürzeren Vertragslaufzeiten führen. In mehreren Fällen wird die Vergütung daher so umgebaut, dass sie stärker an Zielerreichung gekoppelt ist. Jimit Arora vom Beratungsunternehmen Everest Group brachte die Verschiebung auf den Punkt: „Für die Dienstleister ist die Marktlage verzweifelt. Die Vorteile liegen eindeutig aufseiten der Kunden“.
Technisch betrachtet passt diese Entwicklung gut zu dem, was in KI-Projekten ohnehin passiert: Ein Teil der Wertschöpfung wandert von menschlicher Handarbeit hin zu Modellen, Integrationsarbeit und Qualitätsmessung. Wenn ein Provider früher vor allem Code „produzierte“, wird er heute eher dafür verantwortlich gemacht, dass Funktionen, Automatisierungen oder Prozessverbesserungen im Betrieb tatsächlich wirken. Bei TCS zeigt sich diese Tendenz in einer konkreten Kennzahl: Der TCS-Chef K. Krithivasan erklärte, dass mittlerweile rund 80 Prozent der Verträge im Bereich Finanz-, Personal- und sonstige Geschäftsdienstleistungen auf ergebnisbasierten Leistungskennzahlen beruhen. Laut einem Insider habe sich dieser Anteil verdoppelt, seit KI Ende 2023 im Massenmarkt einen Durchbruch geschafft hat.
Ein Beispiel, wie sich das in der Praxis anfühlt, liefert die Vertragsgestaltung im Cloud-Management: Der Energiekonzern E.ON soll den Dienstleister HCLTech im ersten Jahr gar nicht bezahlen, wie aus einem entsprechenden Vertrag hervorgeht. Zahlungen sollen erst ab dem zweiten Jahr fließen und an Effizienzsteigerungen gekoppelt sein. Auch auf der Preis-Ebene wird verhandelt: Der Chef des mittelständischen IT-Anbieters Persistent Systems erklärte, dass Kunden für die gleiche Arbeit teils 25 bis 30 Prozent weniger Geld verlangen. Daneben existieren Modelle, in denen Anbieter und Kunde die durch KI erzielten Kosteneinsparungen teilen. So beschreibt der Text einen im Februar geschlossenen Vertrag über KI und Automatisierung zwischen Cognizant und dem Stuttgarter Lkw-Bauer Daimler Truck, bei dem die Aufteilung der Einsparungen Bestandteil der Vereinbarung gewesen sein soll.
Für den Markt hat diese Verschiebung eine klare Branchenwirkung: Sie senkt die Relevanz von Masse als Hauptargument. Früher war die schiere Zahl an Mitarbeitenden ein entscheidender Hebel für die großen IT-Konzerne, weil viele einfache Aufgaben entlang von Personalplanung und Stundenabrechnung skalieren konnten. Wenn KI jedoch Routineanteile übernimmpt, rückt statt „wer kann wie viele Stunden liefern?“ stärker die Frage in den Vordergrund: „Wer kann Ergebnisse schnell messen, Risiken begrenzen und bei Bedarf iterieren?“ Genau dort sehen Beobachter Chancen für kleinere, agilere Firmen wie Persistent oder Coforge, die seit Quartalen zweistellig wachsen, während die Umsätze der Giganten wie TCS oder Infosys stagnieren. Die Logik dahinter: Hungrigere Anbieter passen ihre Liefermodelle schneller an, bauen engere Feedbackschleifen ein und argumentieren stärker über Betriebs- und Outcomes als über Kapazität.
Die vielleicht tiefgreifendste Folge betrifft das sogenannte Pyramidenmodell, also die groß angelegte Einstellung vieler Hochschulabsolventen für einfache Programmieraufgaben. V. Balakrishnan, ein ehemaliger Finanzvorstand von Infosys, formulierte die Richtung sehr deutlich: „Dieses Modell ist tot“. Mit KI-Agenten brauche man die einfache Programmierarbeit nicht mehr, so seine Schlussfolgerung. Für die Branche bedeutet das mehr als einen kurzfristigen Einbruch bei Entry-Level-Rollen: Es verschiebt den Bedarf hin zu Engineering-Kompetenzen, Modellintegration, Test- und Qualitätsstrategie sowie domänenspezifischer Prozesskenntnis. So entsteht eine Neuausrichtung, in der Indiens IT-Riesen ihre Rolle neu definieren müssen – nicht nur, indem sie KI einsetzen, sondern indem sie ihre gesamten Vertrags- und Leistungsversprechen an eine Welt anpassen, in der Arbeitsergebnisse schneller automatisierbar sind als zuvor angenommen.
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