BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Am Kottbusser Tor startet ein Berliner Pilot zur automatisierten Videoüberwachung mit KI. Das System soll das Verhalten von Menschen live auswerten und bei bestimmten Bewegungen Alarm auslösen. Gleichzeitig zeigt der Künstler Simon Weckert, wie ein Camouflage-T-Shirt eine verbreitete Objekterkennungssoftware austricksen kann. Kritiker sehen darin nicht nur Fehleranfälligkeit, sondern auch das Risiko, Personen zu Unrecht in den Fokus zu bekommen.

Am Kottbusser Tor wird Berlin nach Mannheim und Hamburg zur dritten Stadt, die den öffentlichen Raum mit einem KI-gestützten Verhaltensscanner ausstattet. Der Plan knüpft an die seit dem vergangenen Winter beschlossene Verschärfung des Berliner Polizeigesetzes an und soll in diesem Jahr zunächst an mehreren kriminalitätsbelasteten Orten testen, bevor weitere Standorte folgen. Konkret heißt das: Kameras sollen nicht nur Bilder liefern, sondern mithilfe von Algorithmen „live“ Ereignisse interpretieren und bei bestimmten Bewegungsabläufen Alarm signalisieren. Als typische Muster werden etwa Schlagen, Treten oder Messerzucken genannt.
Besonders deutlich wird die technische Spannung zwischen Anspruch und Robustheit an einer Demonstration, die in den Räumen von Simon Weckert stattfindet. Der Künstler kühlt mit einem Ventilator einen Rechnerverbund, der aktuell Farbmuster berechnet, die für eine Objekterkennung „unsichtbar“ gemacht werden. In der Praxis funktioniert seine „Digital Camouflage“-Idee so: Ein weit verbreiteter Ansatz zur Erkennung setzt um eine Person einen grünen Rahmen und klassifiziert sie als „Person“. Sobald Weckert jedoch das mit grellbunten, zapfenartigen Formen bedruckte T-Shirt über seinen Oberkörper legt, verschwindet der Rahmen – die Maschine erkennt ihn dann nicht mehr zuverlässig, obwohl das Muster für das menschliche Auge auffällig bleibt.
Diese Art von Aushebelung trifft einen Kernpunkt, den die Berliner Debatte nun mit Nachdruck aufgreift: Wenn Trainingsdaten, Modellarchitektur und Gütekriterien nicht unabhängig bewertet werden können, bleibt die tatsächliche Fehlerquote im Feld schwer zu verifizieren. Aus der Innenverwaltung heißt es zwar, das Ziel sei, Sicherheit im öffentlichen Raum „mit innovativer Technologie“ zu stärken und polizeiliches Handeln gezielt zu unterstützen. Gleichzeitig bleibt nach Angaben der Polizei eine unabhängige Evaluation „nirgends vorgesehen“ – auch in Berlin nicht. Für Weckert ist genau diese Unsicherheit der kritische Bezugspunkt: Er verweist darauf, dass niemand verlässlich belegen könne, ob und wie eine Technologie funktioniert, die nicht unabhängig getestet wurde; zudem sei unklar, wie das System trainiert wurde und ob darin Verzerrungen stecken.
Operativ kommt die Ausstattung laut vorliegenden Angaben von der Dortmunder Firma Adesso, während die Entwicklung in anderen Städten mit Beteiligung des Fraunhofer-Instituts für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung erfolgt ist. Für Berlin nennt die Innenverwaltung geschätzte Investitionskosten in Höhe von rund 2,5 Millionen Euro und Betriebskosten von 2,1 Millionen Euro bis 2030. Der Testbetrieb soll am Roten Rathaus, in der Innenverwaltung sowie im Jüdischen Museum starten; zusätzlich ist der Einsatz zunächst am Kottbusser Tor sowie an der Warschauer Brücke geplant. Kommendes Jahr sollen unter anderem der Alexanderplatz und der Görlitzer Park folgen, daneben ist der Einsatz im Objektschutz vorgesehen.
Politisch wird parallel schon über die nächsten Schritte gesprochen. Der CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers fordert eine Ausweitung: Moderne Technik könne Gefährdungssituationen frühzeitig erkennen und Polizistinnen und Polizisten aufmerksam machen, bevor Straftaten überhaupt passieren. Der Gegenpol kommt aus mehreren Richtungen: Der Chaos Computer Club bezeichnet die Technologie als „teuren, aber gefährlichen Mumpitz“ und verweist dabei auf Ergebnisse aus einem Test in Hamburg. Dort sollen in zwei Monaten rund 1.400 Hinweise generiert worden sein, von denen nur elf polizeilich relevant gewesen seien; damit läge der Anteil nutzloser Meldungen bei deutlich über 99 %. Auch sei eine Schlägerei übersehen worden.
Mit dieser Art Bilanz rückt vor allem die Frage in den Vordergrund, wie viele Fehlalarme zu echten Handlungsketten führen. Linke und Grüne argumentieren, die Technik sei fehleranfällig und könne Personen kriminalisieren, die vom System erfasst werden. Linken-Vertreter Niklas Schrader nennt als Beispiel bereits das Liegen auf dem Boden, das aus Sicht der Software zu Einsätzen führen könnte; als Folge befürchtet er Verdrängung und Repression gegen marginalisierte Personen. Grüne-Innenpolitik greift außerdem den Gedanken der Diskriminierung auf: Vasili Franco verweist auf den Bereich am Kottbusser Tor, in dem es unter anderem auch Suchtkranke gebe, die sich teils atypisch verhalten, ohne dass automatisch eine akute Gefahr vorliegt. Sein Punkt: Sicherheitsbehörden erhielten immer mehr Werkzeuge, ohne die Wirkung im Alltag verlässlich zu überprüfen.
Bundesweit wird der Einsatz von KI-Videoüberwachung damit zugleich als Trend verstärkt. Laut den vorliegenden Angaben plant die Bundesregierung, die Bundespolizei mit der Technologie auszustatten; in Baden-Württemberg soll die Ausweitung von Verhaltensscannern mit Gesichtserkennung kombiniert werden. Zudem werden in mehreren Ländern gesetzliche Grundlagen angepasst oder die Umsetzung vorbereitet; in Bremen läuft der Testbetrieb in der Straßenbahn. Damit verschiebt sich die Diskussion von einem lokalen Pilot auf eine grundsätzliche Frage der Systemprüfung: Selbst wenn die Intention „Sicherheit“ heißt, entscheidet im Betrieb die Kombination aus Modellleistung, Trainingsumfang, Red-Teaming gegen Umgehungen wie Camouflage und einer belastbaren, unabhängigen Bewertung. Solange diese Bausteine fehlen oder nicht vorgesehen sind, bleibt das Risiko, dass aus Fehlinterpretationen reale Entscheidungen werden.
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