BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Siemens Healthineers muss nach Aussage von Vorstandschef Bernd Montag keine KI-Strategie als Selbstzweck verfolgen. KI soll vor allem dabei helfen, Routinen zu automatisieren und Ärztinnen sowie Ärzte bei Diagnosen zu entlasten. Den entscheidenden Hebel sieht er in kuratierten Datensätzen und in hochwertigem klinischem Kontext statt in schieren Datenmengen. Für bessere Krebstherapien müsse KI am Ende dort wirken, wo Fachwissen und Beurteilung zusammenkommen.

Siemens Healthineers: Vorstandschef sieht KI weniger als Strategie, mehr als Werkzeug für bessere Krebstherapien
Siemens Healthineers: Vorstandschef sieht KI weniger als Strategie, mehr als Werkzeug für bessere Krebstherapien (Foto: IT BOLTWISE)
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Siemens Healthineers setzt das Thema Künstliche Intelligenz in der Medizintechnik bewusst nicht als übergeordnetes Innovationsziel mit eigener Endmarke um. Vorstandschef Bernd Montag bringt den Anspruch mit der Logik „kein Endpunkt“ auf den Punkt: KI könne die Versorgung nicht automatisch „aus sich heraus“ verbessern, sondern vor allem effizienter machen. Der eigentliche Zielkonflikt im Gesundheitswesen liege aus seiner Sicht nicht nur bei der Bezahlbarkeit, sondern zunehmend auch bei Engpässen bei Fachkräften. Genau dort wird KI für das Unternehmen zur praktischen Entlastungsmaschine – und nicht zum separaten Programm namens „KI-Strategie“.

In seiner Einordnung richtet Montag den Fokus auf Krankheitsbilder, die besonders häufig zu Todesfällen führen: Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfälle. Damit ist die Debatte um KI in der Radiologie und Diagnostik nicht als neues Funktions-Feature gedacht, sondern als Antwort auf operative Engpässe. Wenn Kliniken zu wenig Personal haben, entscheidet sich laut dieser Perspektive die Qualität häufig an der Geschwindigkeit und Konsistenz von Routinenprozessen. KI soll diese Routinen „rausnehmen“, also wiederholbare Schritte effizienter machen, ohne die ärztliche Verantwortung zu ersetzen. Diese Sicht ist technisch anschlussfähig, weil sich viele Prozessschritte in der Bildgebung tatsächlich standardisieren lassen, etwa durch Vorbefunde, Plausibilitätsprüfungen oder Aufbereitungsschritte vor der eigentlichen Beurteilung.

Technisch beschreibt Montag den Kern der Herausforderung als Zusammenspiel aus Bilddaten und klinischer Interpretation. Um Diagnosen besser zu machen, brauche man CT-Bilder, aber ebenso den Befundkontext: Was hat ein Radiologe im Bild gesehen, welche Aussage wurde getroffen und wie wurde sie begründet? Entscheidend ist für ihn dabei das Gefühl für Qualität und Erfahrung, also nicht nur statistische Mustererkennung, sondern die Übertragung kuratierter Expertise in Trainingsdaten. Genau hier fällt der Verweis auf einen „kuratierten Datensatz“: Erst wenn dieser verfügbar ist, könnten Algorithmen mit KI trainiert werden. Das Unternehmen hebt damit implizit die Datenqualität gegenüber dem „Data-Lake-Prinzip“ hervor, also die Idee, nicht zwingend drei Milliarden Datenpunkte zu benötigen, sondern gute Daten, die verlässlich und eindeutig das Problem abbilden.

Diese Position fügt sich in eine breitere Entwicklung der KI-Implementierung in der Medizin ein. In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Ansätze von groß angelegtem Training mit heterogenen Datensätzen zu stärker überwachten, qualitätsgetriebenen Trainingspipelines übergegangen, gerade weil Fehlanpassungen zwischen Trainings- und Klinikrealität sonst zu unzuverlässigen Ergebnissen führen können. Für Unternehmen wie Siemens Healthineers bedeutet das: KI ist nicht nur ein Modell, sondern ein System aus Datenkuratierung, Annotation, Validierung und Integration in klinische Workflows. Wenn das Modell nur „Bilder“ sieht, aber nicht nachvollziehbar die klinische Bedeutung lernt, entsteht schnell ein Risiko für Fehlinterpretationen. Montags Hinweis auf Befunde und die Rolle erfahrener Radiologinnen und Radiologen adressiert genau diese Grenze: Ärztliches Wissen bleibt ein zentraler Bestandteil der diagnostischen Kette, und KI muss sich daran messen lassen, ob sie die Entscheidungsqualität unterstützt.

Auch wirtschaftlich ist die Aussage bemerkenswert, weil das Unternehmen damit in der öffentlichen Diskussion um KI auf einer Linie mit einer eher pragmatischen Go-to-Market-Denkweise bleibt. Siemens Healthineers ist seit 2021 im DAX, dem Leitindex mit den 40 führenden börsennotierten Unternehmen Deutschlands, gelistet. Zugleich zählt der Konzern gemessen am Umsatz zu den fünf größten Medizintechnikunternehmen weltweit und ist laut Einordnung der Branche in Europa führend. Im abgelaufenen Geschäftsjahr setzte das Unternehmen mit rund 75.000 Beschäftigten mehr als 23 Milliarden Euro um. Vor diesem Hintergrund wirkt die Argumentation „KI ist kein Endpunkt“ wie eine strategische Übersetzung: KI wird nicht als eigenständiger Marketing-Schwerpunkt verkauft, sondern als Werkzeug, das sich in Diagnostik und Therapie verlässlich einsetzen lässt – dort, wo sich Effizienzgewinne und Qualitätsanforderungen konkret treffen.

Im Marktkontext lässt sich die Relevanz dieser Herangehensweise gut einordnen. Gerade bei KI-Anwendungen in der Bildgebung konkurrieren Anbieter häufig nicht nur um Modellgüte, sondern um Datenzugang, Validierungsstärke und um die Fähigkeit, KI-Funktionen in bestehende Systeme und Prozesse zu integrieren. Wenn Siemens Healthineers betont, dass es nicht auf die schiere Menge an Daten ankommt, sondern auf kuratierte, klinisch sinnvolle Datensätze, zielt das auf ein schwieriges, aber zentrales Differenzierungsmerkmal: Unternehmen können KI-Modelle nur dann skalieren, wenn die Datenpipeline zuverlässig ist und die Qualität über Standorte hinweg stabil bleibt. Nebenbei spielt auch das Thema Vertrauen eine Rolle: In der Klinik zählt nicht nur die Trefferquote, sondern auch Nachvollziehbarkeit, die Bedienbarkeit im Alltag und die Frage, wie Ärztinnen und Ärzte KI-Ergebnisse in ihre Entscheidungen einbetten. Genau deshalb wirken Montags Aussagen zu „guten Daten“ und zum unersetzlichen ärztlichen Wissen wie ein Leitmotiv für die Produktisierung.

Für Entscheider in Krankenhäusern und Medizintechnik-Organisationen steckt darin eine klare Botschaft: KI-Projekte sollten nicht primär nach „AI-Statement“ bewertet werden, sondern danach, wie gut sich die Datenbeschaffung, Annotation und Validierung realistisch durchführen lässt. Wenn KI-Algorithmen nur auf theoretisch großen Datensätzen trainieren, aber nicht die klinische Perspektive abbilden, steigt der Aufwand für spätere Re-Trainings und die Unsicherheit im Betrieb. Die von Montag geforderte Verbindung aus CT-Bildern, Befunden und Expertise deutet dagegen auf einen Ansatz hin, bei dem KI eher als Assistenzschicht funktioniert, die Radiologinnen und Radiologen schneller ans Ziel bringt. Gleichzeitig bleibt als Erfolgsmaßstab offen, wie genau KI im Tagesgeschäft die Zeit bis zur verlässlichen Diagnose senkt und wie robust die Systeme bei unterschiedlichen Patientengruppen und Bildgebungsprotokollen bleiben.

Am Ende entscheidet sich die Debatte um KI in der Medizintechnik daran, ob sie die „Endpunkte“ erreicht, die Montag explizit benennt: bessere Krebstherapien. Er beschreibt die eigene Logik so, dass der Unternehmensfokus nicht darin besteht, „eine KI-Strategie“ zu definieren, sondern auf dem Weg zu verbesserten Therapieergebnissen zu prüfen, welche Rolle KI spielen kann. Dabei wird zugleich deutlich, dass KI nicht die letzte Instanz sein soll, sondern die Kette verbessern soll, in der Menschen diagnostizieren, interpretieren und behandeln. Wenn diese Balance gelingt, kann KI in der Praxis tatsächlich mehr sein als eine Labortechnologie: Sie wird zur Infrastruktur, die Ressourcenknappheit in der Medizin adressiert, ohne die ärztliche Verantwortung zu verschieben.


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