BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der BVR warnt davor, die Mindestreserve im Euroraum von 1 auf 2 Prozent zu erhöhen. Laut Verband würde das die Zinsausgaben der Notenbanken kurzfristig um rund vier Milliarden Euro pro Jahr senken, gleichzeitig aber die Ertragskraft der Banken im gleichen Umfang belasten. Im Zentrum der Kritik steht auch, dass ein geldpolitisches Instrument nach Auffassung des BVR nicht als Ersatz für die Deckung von Notenbank-Defiziten dienen sollte. Zudem sieht der Verband Risiken für Wettbewerbsverzerrungen und eine mögliche Verschiebung von Einlagen außerhalb des Euroraums.

Die Debatte um eine mögliche Anhebung der Mindestreserve trifft den Euroraum an einer Stelle, an der sich Geldpolitik und Bankenprofitabilität besonders berühren: bei der Frage, wie unverzinste Reserven die Bilanzmechanik von Notenbanken entlasten können, ohne die Kreditwirtschaft zugleich zu schwächen. Der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) spricht sich dagegen aus, die unverzinste Mindestreserve von derzeit 1 Prozent auf 2 Prozent zu verdoppeln. Aus seiner Sicht würde das kurzfristig zwar die Zinsausgaben der Notenbanken reduzieren, aber im gleichen Ausmaß die Ertragskraft der Banken drücken.
Der technische Kern der Argumentation liegt in der Zahlungslogik zwischen Notenbank und Geschäftsbank: Wenn Notenbanken Überschussliquidität vergüten, entstehen bei ihnen Zinsaufwendungen. Der BVR verweist auf das aktuelle Zinsniveau im Euroraum: EZB sowie 21 nationale Zentralbanken verzinsen die Überschussliquidität von rund 2,12 Billionen Euro derzeit mit 2,25 Prozent. Daraus leiten sich nach BVR-Berechnung jährliche Zinsausgaben von etwa 48 Milliarden Euro ab. Eine Erhöhung der unverzinsten Mindestreserve von 1 auf 2 Prozent würde demnach die Zinsbasis verringern und die Zinsausgaben der Notenbanken um rund vier Milliarden Euro jährlich senken.
Genau an diesem Punkt setzt die wirtschaftspolitische Einordnung des BVR an: Eine Maßnahme, die sich primär als Entlastung der Notenbankbilanzen liest, könnte nach Ansicht des Verbands die Zielsetzung der Geldpolitik verfehlen. Die Präsidentin des BVR, Marija Kolak, formuliert es in der Mitteilung ausdrücklich: „Damit würde die Maßnahme der EZB die aktuelle Zielsetzung der Europäischen Kommission entgegenlaufen, die Wettbewerbsfähigkeit der Kreditwirtschaft zu stärken“. Sie kritisiert außerdem, ein geldpolitisches Instrument würde damit „zur Entlastung der Notenbankbilanzen und für quasi fiskalische Zwecke zweckentfremdet“ und sei aus ordnungs- und geldpolitischer Sicht abzulehnen.
Auf der strategischen Ebene geht es dabei nicht nur um Schlagworte, sondern um die Frage, wie Verantwortlichkeiten innerhalb des Euroraums verteilt bleiben. Kolak stellt klar, dass das Ziel der Geldpolitik Preisstabilität sei und die Mindestreserve kein „Reparaturwerkzeug“ für Notenbankbilanzen darstelle. Der BVR argumentiert zudem mit der Ursachenlage der aktuellen Verluste: Diese seien vor allem eine Spätfolge der außergewöhnlichen Geldpolitik der vergangenen Jahre. In der Logik des Verbands wäre es daher der „falsche Weg“, diese Kosten nun über eine höhere unverzinste Mindestreserve dem Bankensystem aufzubürden.
Als wichtigen Kontext nennt der BVR den Status quo der Mindestreserven: Bereits seit September 2023 werden die Mindestreserven der Banken nicht mehr verzinst. Das macht die Debatte so brisant, weil die wirtschaftliche Wirkung einer weiteren Erhöhung über den Reservedeckungsmechanismus direkt in die Bankmargen hineinwirkt. Hohe Mindestreservesätze können laut BVR außerdem Wettbewerbsverzerrungen erzeugen. Gleichzeitig nennt der Verband das Risiko einer Verlagerung von Einlagen auf Finanzplätze außerhalb des Euroraums, also eine Verschiebung der Refinanzierungs- und Liquiditätsströme weg von dortigen Geschäftsmodellen.
Auch wenn der BVR die Abwägung damit stark zugunsten der Banken schlägt, bietet seine Alternativsicht einen konsistenten geldpolitischen Pfad: Zur Verringerung der Notenbankverluste hält er den „weiteren strukturierten Abbau der Anleihebestände“ für den sachgerechteren Weg. Das würde perspektivisch auch die Überschussliquidität senken. Damit verknüpft der Verband die Bilanzfrage der Notenbanken wieder stärker mit klassischen geldpolitischen Stellschrauben, statt mit einer Reserve-Parameteränderung, deren Nebeneffekte sich vor allem im Bankensektor zeigen könnten.
Für die Kreditwirtschaft in Deutschland und im Euroraum ist der Punkt unmittelbar praktisch: Banken steuern ihre Liquiditäts- und Ertragsplanung anhand der Kosten für Refinanzierung, regulatorischer Anforderungen sowie der Rendite ihrer liquiditätsnahen Positionen. Wenn Mindestreserven weiter steigen und zugleich unverzinst bleiben, verschiebt sich ein Teil des Kapitals aus ertragsfähigen Verwendungen in einen unverzinsten Puffer. Selbst wenn die Gesamtentlastung bei den Notenbanken rechnerisch möglich ist, bleibt aus Sicht des BVR die Verteilung der Lasten ungleich: Der kurzfristige Gewinn auf Zentralbankebene würde in der Unternehmensrealität der Banken als Belastung sichtbar.
Branchenpolitisch lässt sich die Debatte zudem als Testfall für die Balance zwischen makroökonomischer Steuerung und institutioneller Zielklarheit lesen. Der Verband argumentiert, dass Instrumente der Geldpolitik nicht dazu genutzt werden sollten, strukturelle oder quasi-fiskalische Defizite zu kompensieren. Gleichzeitig zeigt der Verweis auf die vergangenen Jahre, dass Verluste nicht einfach „heute entstanden“ sind, sondern aus der geldpolitischen Ausgangslage resultieren. Wenn sich nun ein Vorschlag zur Reserveanpassung durchsetzen würde, müsste die Politik die Wirkungen deshalb in mehrere Richtungen gleichzeitig betrachten: auf Preisstabilität, auf die Ertragsfähigkeit der Kreditwirtschaft und auf die Funktionsfähigkeit des Binnenmarkts.
Wer die Diskussion in der Tiefe nachverfolgen will, bekommt in der Mitteilung einen konkreten Anknüpfungspunkt: Der BVR verweist auf eine aktuelle Analyse in der Ausgabe „BVR Volkswirtschaft Kompakt“ zur Mindestreserve. Dort werden die Zusammenhänge zwischen Mindestreserve, Überschussliquidität, Zinsausgaben und den erwarteten Effekten auf das Bankensystem zusammengeführt. Bislang bleibt der Kern jedoch in der Schwebe: Ob eine Erhöhung von 1 auf 2 Prozent tatsächlich politisch durchgesetzt wird und wie stark die Nebenwirkungen auf Wettbewerb und Einlagenströme ausfallen, ist eine Frage der konkreten geldpolitischen Entscheidungslage.
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