LONDON (IT BOLTWISE) – Die niederländische Regierung will die Verteidigungsausgaben bis 2035 auf 3,5% des BIP steigern, stößt dabei aber auf Widerstand bei Versicherern. Gespräche mit großen heimischen Instituten zur Finanzierung von Defence-Firmen scheitern vor allem an der Beschaffung verlässlicher Informationen zur Prüfung potenzieller Lieferanten. Versicherer sehen sich zudem stärker für Anleihen als für direkte Beteiligungen aufgestellt. Gleichzeitig steigt der Druck, die Industrie durch mehr Kapazitäten und passende Finanzierungsinstrumente zu skalieren.

Niederländische Versicherer zögern bei Defence-Investments trotz höherer NATO-Ziele
Niederländische Versicherer zögern bei Defence-Investments trotz höherer NATO-Ziele (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Niederlande treiben ihre Verteidigungsplanung spürbar voran, doch bei der Finanzierung zeigt sich ein strukturelles Problem: Versicherer wollen zwar Kapital bereitstellen, finden aber keinen praktikablen Weg, Defence-Unternehmen so zu prüfen, wie es ihre internen ESG-Regeln verlangen. Ausgangspunkt ist das niederländische Ziel, die Ausgaben bis 2035 auf 3,5% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zu erhöhen, weil die Regierung damit ihre NATO-Verpflichtungen erfüllen will. Laut Schätzung des Verteidigungsministeriums bedeutet das zusätzlich etwa 16 bis 19 Milliarden Euro pro Jahr. Genau an diesem Punkt werden Gespräche aus dem Jahr 2024 mit großen inländischen Versicherungsgruppen über einen möglichen Rahmen für Defence-Investments zäh und bleiben seit dem vergangenen September ohne neue Termine.

Im Kern geht es um Due Diligence in einem Umfeld, das für klassische Investoren schwer zugänglich ist. Die Versicherer fordern Unterstützung des Staates, wenn es um das Screening von Verteidigungsfirmen geht, weil Defence-Ketten und Produktdetails häufig unter Geheimhaltungsanforderungen fallen. Der Branchenverband der Versicherer sagt dabei offen, dass es an eigener Expertise fehle, um die notwendige Prüfung in der „untransparenten“ Defence-Branche mit der nötigen Tiefe durchzuführen. Das Verteidigungsministerium hält dem entgegen, dass die Prüfung letztlich bei Investoren liege und der Staat hier keine Rolle als „Screening-Partner“ übernehmen sollte. Diese Differenz trifft auch auf einen konkreten Informations-Engpass: Zwar hat das Ministerium eine Website gestartet, um öffentliche Informationen zu Lieferanten zu bündeln, die Versicherungsseite bewertet die Daten aber als nicht ausreichend, um die eigenen ESG-Fallstricke sauber abzudecken.

Dass die Hürden nicht nur regulatorisch, sondern auch portfolio-ökonomisch wirken, zeigen die Gespräche über passende Anlageformen. Analysten und der Versicherungsverband argumentieren, dass das Risikoprofil vieler Versicherer stärker zu festverzinslichen Instrumenten passt als zu direkten Equity-Positionen in Defence-Unternehmen. Ein größerer Teil der Portfolios liegt bei Versicherern typischerweise in Fixed-Income, während direkte Beteiligungen oft größere unternehmens- und lieferkettenbezogene Informationspflichten auslösen. Der Verband nennt daher die Idee eines staatlich ausgestellten Defence-Bonds als „natürlicheren“ Investitionskanal: Ein solches Papier würde ESG- und Risikoanforderungen anders strukturieren, weil die Prüfung stärker auf Emittenten- und Produktlinien fokussieren könnte. Für einen Marktbezug ist auch relevant, dass niederländische Versicherer und institutionelle Investoren allein in Fixed-Income einen großen Hebel haben: Die großen Häuser NN Group, ASR Nederland und Achmea wiesen zum Ende Juni insgesamt fast 146 Milliarden Euro in festverzinslichen Portfolios aus, mit dem größten Anteil in Richtung Staatsanleihen.

Ein zweiter Vorschlag setzt direkt am Finanzierungsmechanismus an, statt am Prüfprozess zu drehen: Die Niederlande könnten laut Versicherungsverband ein „souveränes Tool“ für Defence-Schuldtitel aufsetzen, ähnlich wie Frankreich es im Zuge seines europäischen Defence-Push stärker institutionalisiert. Der Gedanke dahinter ist zweigeteilt. Erstens würde sich das investierbare Volumen verbreitern und damit die Chance steigen, dass sich auch größere institutionelle Tickets bündeln lassen. Zweitens würde sich die Pflicht zum Vetting von Defence-Firmen teilweise auf den Schuldinstrument-Emittenten verlagern, sodass Versicherer weniger „End-to-End“-Detailarbeit in der Lieferantenkette leisten müssten. Als Beispiel wird auf französische Programme verwiesen: Eine staatlich gestützte öffentliche Investmentbank startete zuletzt zwei Initiativen, darunter ein Defence Fund mit 450 Millionen Euro für Retail-Investoren und ein europäischer European Defence Bonds-Ansatz über 1 Milliarde Euro für institutionelle Investoren, der vor allem kleine und mittlere Defence-Firmen adressieren sollte.

Selbst wenn ein Rahmen zustande kommt, bleibt aber ein Marktproblem: Der niederländische Defence-Sektor ist im Vergleich zu großen europäischen Industriestandorten kleiner, was institutionelle Investoren oft vor eine Skalierungsfrage stellt. Das Verteidigungsministerium beziffert die jährlichen Einnahmen der heimischen Industrie für 2025 auf rund 10,2 Milliarden Euro. Dazu kommen zwar spezialisierte Kompetenzen – vom Bau von Kriegsschiffen über Radarsysteme bis hin zu UAV-Drohnen und C4ISR-Systemen –, aber die Zahl hinreichend großer Projekte und Deal-Größen bleibt begrenzt. Der CEO des niederländischen Defence-Industrieverbands NIDV macht diesen Punkt konkret: Institutionelle Investoren könnten einzelne „Ticket“-Größen als zu klein empfinden. Die PwC Nederland schätzt zudem, dass das Ministerium bis 2030 etwa 62 Milliarden Euro für Defence-Equipment ausgeben müsse, davon rund 41 Milliarden Euro für niederländische Hersteller, entweder direkt oder über Unteraufträge.

Für den Aufbau zusätzlicher Industrie-Kapazitäten wird parallel ein massiver Produktionssprung als nötig beschrieben: PwC geht davon aus, dass die Kapazität der Hersteller bis 2030 um das 3- bis 4-fache gesteigert werden müsste. In der Breite existiert dafür zwar eine Basis aus rund 400 inländischen Komponenten- und Subsystem-Anbietern, etwa für Metallteile, Motoren, Fahrgestelle und Sensorsysteme. Doch bis zu einer gemeinsamen Leistungssteigerung im benötigten Umfang fehlen häufig die Finanzierungsbrücken, gerade für Scale-ups. Hans Huigen nennt hierfür einen möglichen Fonds, der als Darlehensinstrument zwischen 300 und 500 Millionen Euro ausspielen könnte, um Skalierungsrisiken abzufedern. Gleichzeitig bleibt die zentrale Aussage: Es geht weniger darum, Renditen zu erhöhen, sondern vor allem das Risiko im frühen Ausbau zu reduzieren. Auch einzelne Versicherer zeigen bereits Schritte, allerdings in kleineren Dimensionen: ASR Nederland hat demnach im vergangenen Jahr eine erste Defence-Investition getätigt und signalisiert bis zu 100 Millionen Euro pro Transaktion, während Achmea seine Defence-Exponierung von 20 Millionen Euro auf 150 Millionen Euro im Jahr 2025 erhöht hat und weiteres Wachstum erwartet. Für größere Sprünge sieht die Versicherungsseite aber weiterhin Bedarf an zusätzlichen und verlässlicheren Informationen von staatlicher Seite – andernfalls könnte ein erheblicher Kapitalpool, der für die NATO-Ziele gebraucht wird, dauerhaft „auf der Seitenauslage“ bleiben.


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