LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Meta-Analyse wertet 38 Studien zu „Friends with Benefits“ aus und vergleicht das Beziehungsmodell mit festen Partnerschaften und einzelnen Sexualkontakten. Die Auswertung zeigt insgesamt mehr sexuelle Aspekte, aber auch erhöhte Risiken für die sexuelle Gesundheit. Gleichzeitig berichten die Teilnehmenden in diesen Arrangements weniger Gewalt und Aggression als in verpflichteten romantischen Beziehungen. Für die psychische Gesundheit finden die Forschenden nur moderate Unterschiede, die zudem durch mögliche Studiendesigns und Auswahlfaktoren verzerrt sein könnten.

„Friends with Benefits“ ist im Kern eine Beziehung auf freundschaftlicher Basis, die Sexualität einschließt, ohne dass Commitment oder Exklusivität explizit verabredet werden. Genau an dieser Mischung aus Nähe und begrenzter Verbindlichkeit setzen die neuen Ergebnisse an. Die Studie fasst über Jahrzehnte hinweg Forschung zusammen, die das Thema bislang oft uneinheitlich definiert hatte: Was in der einen Untersuchung als „casual“ gilt, wird in einer anderen durch andere Messgrößen, andere Teilgruppen oder unterschiedliche Fragebatterien abgebildet. Die zentrale Botschaft der Meta-Analyse lautet daher nicht einfach „gut“ oder „schlecht“, sondern beschreibt ein Spektrum aus vergleichsweise stärkeren Sexualparametern bei gleichzeitig höherer Belastung in der sexuellen Gesundheit.
Die Datengrundlage kommt aus einer Meta-Analyse, wie sie in der Sozial- und Gesundheitsforschung genutzt wird, um Muster zu erkennen, die einzelne Einzelstudien wegen kleiner Stichproben oder enger Studiendesigns überdecken. Das Autorenteam um Spencer B. Olmstead (University of Tennessee), Leah E. LeFebvre (University of Alabama) und Mike Allen (University of Wisconsin-Milwaukee) hat hierfür mehrere Datenbanken nach empirischen Arbeiten, Dissertationen und Präsentationen durchsucht, die „Friends with Benefits“ nicht nur thematisch erwähnen, sondern auch konkret definieren und messbar machen. Am Ende erfüllten 38 Studien die Einschlusskriterien. Weil die Originalarbeiten unterschiedliche Variablen nutzen, gruppierten die Forschenden die Befunde in fünf größere Kategorien: sexuelle Merkmale, sexuelle Gesundheitsrisiken, Gewalt bzw. Aggression, klinische psychische Gesundheit und nicht-klinische psychische Gesundheit.
Methodisch vergleichen die Autorinnen und Autoren die Gruppen über Korrelationskoeffizienten, also über Kennzahlen, die zeigen, wie stark zwei Variablen miteinander zusammenhängen. Als Vergleich dienten dabei mehrere Beziehungstypen: verlobte Paare, fest etablierte romantische Partnerschaften, Personen, die sexuelle Kontakte als „casual hookups“ beschreiben, Menschen mit gezielten Anbahnungen, die weniger als Paarbeziehung verstanden werden („booty calls“), sowie Singles. Ein „Hookup“ wird in der Studie als unverbindlicher Sexualkontakt definiert, bei dem keine Beziehungs-Erwartungen geäußert werden, während ein „Booty Call“ als Kommunikation beschrieben wird, die Sexualität zwischen Personen initiieren soll, die sich nicht als Paar sehen und außerhalb des Sex selten miteinander interagieren.
In der Kategorie „sexuelle Merkmale“ zeigt die Meta-Analyse insgesamt höhere Werte für „Friends with Benefits“ im Vergleich zu allen anderen untersuchten Beziehungstypen. Interessant wird es beim direkten Vergleich mit verpflichteten romantischen Partnerschaften: Dort berichten Teilnehmende höhere Raten für tiefes Küssen und affektives, zärtliches sexuelles Berühren. Bei „Friends with Benefits“ dagegen sind orale Praktiken und Analsex häufiger. Zudem zeichnet die Auswertung eine geschlechtsspezifische Differenz innerhalb der Casual-Arrangements: Heterosexuelle Männer berichten demnach über mehr sexuelle Merkmale als heterosexuelle Frauen. Solche Ergebnisse sollten allerdings nicht als „allgemeine Wahrheit über Geschlechter“ missverstanden werden, denn die zugrundeliegenden Studien nutzen unterschiedliche Messformate und häufig sehr spezifische Zielgruppen.
Die zweite große Säule der Ergebnisse betrifft sexuelle Gesundheitsrisiken. Hier zählen die Autoren unter anderem die Häufigkeit von Kondomnutzung, die Anzahl insgesamt berichteter Sexualpartner, Raten sexuell übertragbarer Infektionen sowie den Gebrauch von Drogen oder Alkohol während sexueller Begegnungen. „Friends with Benefits“ schneiden in dieser Dimension schlechter ab: Höhere Risiken als in fest verbindlichen romantischen Beziehungen und auch mehr als bei Menschen, die vollständig single sind. Die Risiko-Niveaus liegen dabei ungefähr auf dem Level von Personen, die nur einmalige Casual-Hookups eingehen. Als plausible Erklärung nennt das Autorenteam den Charakter des Arrangements: Wenn ein Modell ohne klare Exklusivität gelebt wird, erhöht sich oft die Gesamtzahl der Sexualpartner; außerdem können parallele „Friends-with-Benefits“-Dynamiken entstehen, was die Expositionswahrscheinlichkeit für sexuell übertragbare Infektionen systematisch steigern kann.
Beim Thema Beziehungsschädigung im weiteren Sinne, also Gewalt und Aggression, kippt das Bild teilweise. In dieser Kategorie – gemessen an physischen Gewaltausprägungen, emotionalem Missbrauch, psychologischer Kontrolle und Täuschung – berichten Teilnehmende in „Friends with Benefits“ im Mittel weniger Gewalt und Aggression als in verpflichteten romantischen Beziehungen. Die Forschenden führen das auf die fehlende formale Bindung zurück: Weil „Friends with Benefits“ typischerweise weniger dauerhaft ist und die Dynamik leichter beendet werden kann, fällt es Täterinnen und Tätern möglicherweise schwerer, Macht über längere Zeiträume zu etablieren. Für die Praxis bedeutet das: Unverbindlichkeit ist nicht automatisch Schutz, aber sie kann in einzelnen Konstellationen die Spielräume für Kontrolle und schrittweise Eskalation reduzieren.
Auch die psychische Gesundheit wird differenziert betrachtet. Das Team trennt klinische Indikatoren wie messbare Symptome von Angst, Depression und suizidalen Gedanken sowie antagonistische Persönlichkeitsmerkmale von nicht-klinischen Größen wie allgemeinem Wohlbefinden, Körperzufriedenheit, Einsamkeit, Eifersucht und Alltagsstress. Insgesamt besteht nur ein schwacher Zusammenhang mit schlechteren mentalen Gesundheitsoutcomes: „Friends with Benefits“ ist im Mittel mit leicht mehr psychischen Herausforderungen assoziiert als feste Partnerschaften oder das Single-Leben. Bei nicht-klinischen Maßen berichten die Teilnehmenden außerdem mehr Schwierigkeiten als bei reinen Casual-Hookups; bei klinischen Größen zeigt sich jedoch kein signifikanter Unterschied zwischen „Friends with Benefits“ und dem Hookup-Setting.
Gleichzeitig betonen die Autorinnen und Autoren mehrere Limitationen, die für eine belastbare Interpretation entscheidend sind. Viele der eingeschlossenen Arbeiten basieren auf Querschnittsdaten, also auf Momentaufnahmen. Damit lässt sich nicht kausal klären, ob ein „Friends-with-Benefits“-Arrangement psychische Gesundheit tatsächlich direkt beeinflusst. Außerdem bleibt die Möglichkeit von Auswahl- oder Seleektionseffekten: Menschen mit ohnehin erhöhten Levels an Depression, Angst oder geringem Selbstwert könnten eher zu diesem Beziehungsmodell greifen als zu einer verpflichteten Partnerschaft. Hinzu kommt, dass der Großteil der Literatur Studierende adressiert haben, häufig junge, weiße, heterosexuelle und cisgeschlechtliche Personen. Für ältere Erwachsene, unterschiedliche kulturelle Hintergründe oder Menschen mit diversen sexuellen und geschlechtlichen Identitäten könnten die Muster abweichen. Für weitere Forschung empfehlen Olmstead, LeFebvre und Allen daher vor allem standardisierte Messinstrumente sowie Untersuchungen, die die Perspektiven beider Partner innerhalb derselben „Friends-with-Benefits“-Konstellation gleichzeitig erfassen, um die Balance zwischen Freundschaft, sexueller Intimität und Wohlbefinden genauer zu verstehen.
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