WARSAW / LONDON (IT BOLTWISE) – Hitzewellen kippen in Europa und Japan eine lange Arbeitskleid-Tradition: Immer mehr Männer gehen bei hohen Temperaturen in Shorts ins Büro. Japans „Cool Biz“-Kampagne lockerte in diesem Jahr zusätzlich die Vorgaben bis hin zu T-Shirts und Sneakern. In Großbritannien und anderen Business-Hubs melden Händler steigende Umsätze bei Leinenhosen und eine Verschiebung zu leichterer Business-Mode. Parallel verlangen Gewerkschaften in Deutschland, die Kleiderordnung bei Hitze zeitweise zu lockern oder ganz aufzuheben.

Hitzewellen bringen Männer in Shorts ins Büro: Cool Biz, Retail-Trends und Gewerkschaften
Hitzewellen bringen Männer in Shorts ins Büro: Cool Biz, Retail-Trends und Gewerkschaften (Foto: IT BOLTWISE)
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Wenn Temperaturen so hoch steigen, dass „Dress-down Fridays“ im Alltag kaum noch ausreichen, rückt plötzlich etwas so Praktisches wie die Arbeitskleidung in den Mittelpunkt: Shorts statt langen Hosen. In Tokio hatte Japans Hauptstadtpolitik bereits zuvor über die „Cool Biz“-Kampagne für einen weniger formellen Dresscode geworben. Für dieses Jahr geht die Initiative einen Schritt weiter, indem sie das Tragen von längeren Hosen noch stärker relativiert und auch T-Shirts sowie Sneaker als Alternative für das Büroalltag tauglich macht. Der Effekt wirkt dabei nicht wie ein einmaliger Modetrend, sondern wie eine Anpassung an klimatische Bedingungen, die in den vergangenen Jahren in vielen Regionen spürbarer geworden sind.

Europa liefert dafür den nächsten Verlauf: Mit zunehmenden Hitzewellen folgten andere Beschäftigte in den Modus aus Tokio. In den Handelsdaten zeigt sich, dass nicht nur „Hemmung“ abgebaut wird, sondern auch die Nachfrage nach körperfreundlichen Stoffen sprunghaft anzieht. In Großbritannien berichten Händler, dass Leinen-Shorts und Anzüge aus luftdurchlässigen Materialien gleichzeitig stärker nachgefragt werden. Besonders deutlich wird das bei Marks & Spencer: Die Verkäufe von Herren-Leinenhosen zwischen Juni und Juli sollen laut Angaben des Unternehmens um 183 % im Vergleich zum selben Zeitraum des Vorjahres gestiegen sein. Solche Zahlen sprechen weniger für „moralische“ Zustimmung als für ein echtes Konsumverhalten, das Händler nun mit Sortimenten, Nachproduktion und Lieferlogistik abfedern müssen.

Das Muster passt auch zu Produktentscheidungen großer Modeketten. So kündigte ein europäischer Anbieter an, leichtere Kleidung stärker ins Zentrum zu rücken und die Veröffentlichung der herbstlichen Linien in den späteren Jahresverlauf zu verschieben. Dahinter steckt im Kern ein klassischer Trade-off im Mode- und Planungsprozess: Unternehmen müssen kurzfristige Wetterrealitäten gegen saisonale Kalenderoptimierung abwägen. Die Aussage, man gehe bei Klimaveränderung nicht „zurück“, klingt dabei wie ein Strategiewechsel in der Sortimentsplanung. Gleichzeitig zeigt das Beispiel, dass auch „Business“ seine visuellen Regeln anpasst: In den Straßenbildern von Londoner Vierteln mit hoher Bürodichte bis hin zu Großstadtbereichen in Frankfurt wird Business-Mode zunehmend von Stoffdicke und Passform dominiert, nicht mehr nur von Krawatte, Sakko und langer Hose.

Gerade deshalb lohnt der Blick auf die Grenzen der neuen Freiheit. Auch wenn Shorts im Alltag ankommen, bleiben viele Akteure bei „smarter“ Kleidung und versetzen die Diskussion in Richtung Länge, Schnitt und Anmutung statt völliger Regelauflösung. Ein großes Beispiel liefert die Praxis in einem der größten norwegischen Bankhäuser: Dort sind Shorts und Röcke für Mitarbeitende grundsätzlich möglich. Zugleich wird aber auf „smartere“ Varianten verwiesen, also eher auf Kleidungsstücke mit moderater Länge, nicht auf sehr sportlich codierte Formen wie kurze 1970er-Style-Soccer-Shorts oder stark an „Ballerina“-Ästhetik angelehnte Schnitte. Für Unternehmen ist das entscheidend, weil Kleiderordnungen meist weniger der Mode als der Steuerbarkeit von Auftreten, Sicherheitsanforderungen und Kundenwahrnehmung dienen.

In anderen Fällen kippt die Debatte in Richtung Arbeits- und Gesundheitsschutz. In Deutschland melden große Gewerkschaften, dass Dresscodes bei höheren Temperaturen gelockert oder zeitweise ausgesetzt werden sollten. Ein berufsbezogener Gesundheitsfachbezug wird dabei ausdrücklich genannt: Sommer würden heißer, Hitzewellen häufiger und die Belastung für Beschäftigte nehme spürbar zu. Das ist für HR- und Arbeitsschutzabteilungen relevant, weil sich hier das Argument von „Tradition“ zu „Arbeitsfähigkeit“ verschiebt. Während viele Unternehmen noch nach wie vor auf Leitfäden setzen, in denen Mitarbeitende bei Hitze etwa auf Wasser, Pausen und passende Kleidung verwiesen werden, entsteht mit solchen Forderungen politisch und organisatorisch Druck: Wer Kleiderordnungen beibehalten will, muss gleichzeitig deutlich machen, wie die gesundheitliche Belastung reduziert wird.

Dass die Anpassung nicht immer konsensual verläuft, zeigt ein Protestfall in Warschau. Dort entschied sich ein Busfahrer, aus Protest gegen die Standarduniform mit langen, überwiegend polyesterbasierten Hosen vorübergehend in einem Rock zur Arbeit zu erscheinen. Er begründete das mit der Erfahrung, dass diese Materialien zum Schwitzen und Überhitzen führen. Parallel sammelte eine Kollegin oder ein Kollege im Umfeld des Falls mehr als 400 Unterschriften für eine Petition an die zuständige Transportbehörde, um Busfahrern das Tragen von Shorts bei Hitze zu ermöglichen. Solche Petitionen verändern die Dynamik: Sie verschieben Diskussionen vom individuellen „Style“-Thema hin zu einer formalen, regelbasierten Frage der Arbeitsumgebung. Gleichzeitig zeigt das Beispiel, wie schnell sich in städtischen Diensten auch kulturelle Grenzen bewegen, sobald Hitze für die Betroffenen nicht mehr nur unbequem, sondern leistungsrelevant wird.

Am Ende verdichten sich drei Entwicklungen zu einer neuen Logik für den Arbeitsalltag. Erstens wirkt der öffentliche Sektor als Vorbild, weil Kampagnen wie „Cool Biz“ konkrete Zielbilder liefern und so die Hemmschwelle senken. Zweitens reagiert der Handel mit sichtbaren Anpassungen, etwa durch Sortimentsverschiebungen und messbare Nachfrageeffekte bei Leinen- und Kurzformen. Drittens treiben Gewerkschaften und Gesundheitsargumente die Diskussion weg von „Regeln gegen Mode“ hin zu „Regeln für Arbeitsfähigkeit“. Für Unternehmen bedeutet das: Kleiderordnungen werden zunehmend zu einem anpassungsfähigen Rahmen, der Wetterdaten, Sicherheits- und Kundenkontexte sowie die tatsächliche Belastung der Mitarbeitenden berücksichtigen muss. Kurz gesagt: Shorts sind nicht nur eine Sommererscheinung, sondern ein Indikator dafür, wie stark sich Arbeitskultur an das Klima anpassen muss.


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