LONDON (IT BOLTWISE) – In den Wechseljahren nehmen Gelenkschmerzen und Steifheit deutlich zu, wie eine Meta-Analyse mit 93.021 Frauen nahelegt. Der Östrogenabfall hängt dabei mit Veränderungen in Geweben des Bewegungsapparats zusammen, darunter Knochen, Sehnen und Knorpel. Gleichzeitig zeigen weitere Auswertungen, dass Hormonersatztherapien nicht zuverlässig gegen konkrete Gelenkbeschwerden helfen. Für die Praxis rückt deshalb ein multimodaler Ansatz aus Bewegung, Kraftaufbau und Gewichtsmanagement in den Vordergrund.

Gelenkbeschwerden in den Wechseljahren wirken für viele Betroffene wie ein schleichender Prozess: Erst werden Knie, Hüften oder Finger häufiger „steif“, später kommen Schmerzen dazu, die sich morgens besonders bemerkbar machen. Was medizinisch auffällt, ist dabei nicht nur die Häufigkeit, sondern auch der Zusammenhang mit dem hormonellen Übergang. Eine Meta-Analyse, die 37 Studien aus 22 Ländern mit insgesamt 93.021 Frauen ausgewertet hat, zeigt eine klare Zunahme von Muskel- und Gelenkbeschwerden über die Zeit der hormonellen Umstellung: In der Prämopause berichten etwa 40 Prozent betroffen, in der Perimenopause steigt der Anteil auf 57 Prozent und nach der Menopause liegt er bei 59 Prozent.
Der Mechanismus dahinter wird in der Fachliteratur vor allem über die Rolle von Östrogen erklärt: Östrogenrezeptoren sind in Geweben des Bewegungsapparats nachgewiesen, unter anderem in Knochen, Muskeln, Sehnen, Bändern sowie im Knorpel. Sinkt der Östrogenspiegel, ändern sich diese Gewebe physiologisch so, dass Schmerzen und Steifheit wahrscheinlicher werden. Ein im Jahr 2024 geprägter Fachbegriff fasst diese Beobachtung breiter zusammen: „musculoskeletal syndrome of menopause“. Er beschreibt Beschwerden, die über die klassischen Symptome hinausgehen und mit dem Verlust einer protektiven Wirkung von Östrogen auf Gelenkstrukturen zusammenhängen.
So eindeutig die Assoziation klingt, so differenziert fällt die Frage aus, wie stark Hormonersatztherapien Gelenkbeschwerden gezielt beeinflussen. Eine im Jahr 2026 veröffentlichte Meta-Analyse, die 57 Studien mit rund 4 Millionen Frauen umfasst, fand keinen signifikanten Zusammenhang zwischen einer Hormontherapie und der Linderung von Gelenkbeschwerden. Interessant ist jedoch der Kontrast zur Behandlung anderer klimakterischer Symptome: Bei Hitzewallungen zeigen Auswertungen für Frauen unter 60 Jahren ein günstiges Nutzen-Risiko-Verhältnis. Für die Versorgung bedeutet das, dass Hormone zwar als Option für bestimmte Beschwerden diskutiert werden, aber nicht automatisch als „Gelenktherapie“ gelten sollten.
Genau deshalb empfehlen Fachleute einen multimodalen Ansatz, der mehrere Stellschrauben gleichzeitig bedient. Regelmäßige Bewegung, gezieltes Krafttraining und eine Gewichtsreduktion bei bestehendem Übergewicht werden dabei als besonders wirksam eingeordnet, weil sie nicht nur die Schmerzsignale beeinflussen, sondern auch Funktion, Belastbarkeit und Stoffwechsel im Zielgewebe verbessern. Auch der Umgang mit morgendlicher Steifheit folgt diesem Prinzip: Dr. MichèI Gleich nennt als häufige Auslöser eine nächtliche Bandscheibenauffällung sowie eine inaktive Muskulatur und „verklebte“ Faszien. Wenn Schmerzen oder Steifheitsgefühle länger als 15 bis 30 Minuten anhalten, sollten außerdem Ursachen wie chronischer Bewegungsmangel, muskuläre Dysbalancen, Verschleiß, ungünstige Schlafpositionen, Bandscheibenprobleme oder entzündlich-rheumatische Erkrankungen mit in die Abklärung einfließen.
Für die Mobilisierung direkt nach dem Erwachen werden von Dr. MichèI Gleich fünf Übungen beschrieben, die noch im Bett ausgeführt werden können: eine Fußpumpe mit 15 bis 20 Wiederholungen zur Förderung der Zirkulation, eine Fersengleitbewegung mit 8 bis 12 Wiederholungen pro Bein, das kontrollierte „Knie zum Körper“-Halten jeweils 15 bis 20 Sekunden, eine Knie-für-eine-seite-zur-anderen-Bewegung mit 8 bis 12 kontrollierten Rotationen sowie eine Brücke zur Aktivierung der hinteren Kette mit 8 bis 10 Wiederholungen. Ergänzend wird in dem Zusammenhang auch Akupressur als Möglichkeit erwähnt, Gelenkschmerzen in Knien, Händen oder der Schulter „auf natürliche Weise“ zu lindern, beispielsweise über einen beschriebenen 3-Finger-Trick in einem bebilderten PDF-Guide. Solche Ansätze ersetzen aber keine medizinische Abklärung, wenn die Beschwerden anhalten, zunehmen oder neurologische Warnzeichen dazukommen.
Neben Bewegung und Training spielt in der Praxis häufig die Frage nach Nahrungsergänzungsmitteln eine Rolle. Genannt werden etwa Glucosamin-HCl und Chondroitinsulfat: Zur Glucosamin-HCl-Frage berichtet die GAIT-Studie des National Institutes of Health (NIH), dass sich bei leichten Beschwerden gegenüber Placebo kein signifikanter Vorteil zeigte, während bei mittelschweren bis schweren Schmerzen ein Nutzen beobachtet wurde. Gleichzeitig wird zur Vorsicht geraten, weil potenzielle Wechselwirkungen mit dem Gerinnungshemmer Warfarin möglich sind und Aufmerksamkeit bei Diabetes sowie bei einer Schalentierallergie erforderlich sein kann. Chondroitinsulfat gilt als struktureller Bestandteil des Knorpels; es kann über Wasserbindung im Gewebe wirken und wird zusätzlich entzündungshemmend beschrieben, wobei Nutzen insbesondere bei Osteoarthritis diskutiert wird. Als typische Dosierung werden 800 bis 1.200 Milligramm pro Tag genannt. Unabhängig vom gewählten Weg bleibt die Kernbotschaft: Wenn der Östrogenmangel die Grundlage für den Anstieg der Beschwerden bildet, dann adressieren Therapie-Modelle die Symptome am zuverlässigsten dort, wo sie Funktion, Belastung und Gewebereaktion dauerhaft verbessern.
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