FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Die deutsche Chemie- und Pharmaindustrie hat 2025 ihre Budgets für Forschung und Entwicklung auf knapp 16 Milliarden Euro erhöht. Gleichzeitig sinken die Patentzahlen in den Bereichen Chemie und Pharma seit Jahren, und der Patentanteil der Branche fällt von 14 Prozent (2010) auf 7,6 Prozent (2024). Der VCI sieht Deutschland dadurch gegenüber China zunehmend im Hintertreffen und erwartet sinkende F&E-Anteile in Deutschland bei einem großen Teil der Unternehmen. Für die Politik fordert der Verband bessere und planbare Bedingungen, um Forschung hierzulande zu halten.

Die deutsche Chemie- und Pharmaindustrie steckt 2025 zwar mehr Geld in Forschung und Entwicklung, doch der strategische Wettbewerb verschiebt sich deutlich nach Asien. Wie der Chemieverband VCI am Mittwoch in Frankfurt mitteilte, lagen die Forschungsbudgets der Branche bei knapp 16 Milliarden Euro. Das entspricht einem Plus von 0,2 Prozent gegenüber 2024. Im Vergleich zu 2015 ist das Niveau allerdings stark gestiegen: Damals flossen gut 10 Milliarden Euro in F&E.
Technisch betrachtet ist die Kernfrage damit nicht nur, wie viel investiert wird, sondern was dabei messbar herauskommt. Thomas Wessel, Vorsitzender des VCI-Ausschusses Forschung, Wissenschaft und Bildung, stellte den Widerspruch heraus: Trotz der Rekordsummen sinke die Zahl der Patente im Bereich Chemie und Pharma seit Jahren. Der Verband führt das auch auf eine veränderte Output-Dynamik zurück. Der Anteil der Branche an den weltweiten Patenten habe sich von 14 Prozent im Jahr 2010 auf 7,6 Prozent im Jahr 2024 fast halbiert.
Damit rückt der Standort Deutschland in ein schwierigeres Licht. Wessel betonte, dass der Standort im internationalen Vergleich immer mehr ins Hintertreffen gerate, während andere Regionen schneller in verwertbare Erfindungen übersetzen. Ein Teil der Unternehmen investiere zudem gezielt im Ausland. Laut VCI erwarten 29 Prozent der Chemie- und Pharmafirmen sinkende F&E-Ausgaben in Deutschland; nur knapp jedes fünfte Unternehmen plane steigende Budgets im Inland. Parallel dazu prognostizierten 41 Prozent wachsende Forschungsetats im Ausland.
Besonders scharf ist in diesem Kontext die Warnung vor China. Der VCI verwies darauf, dass Chinas Anteil an den weltweiten Patentanmeldungen in Chemie und Pharma von 2010 bis 2024 auf 19 Prozent fast vervierfacht worden sei. Damit liege die Volksrepublik nach den USA auf Rang 2 – vor Japan, Südkorea und Deutschland. Wessel beschrieb als einen Grund, dass in China der Weg vom Transfer der Forschung bis zur Marktreife abgesichert und von Maßnahmen zum Schutz geistigen Eigentums flankiert werde.
Historisch betrachtet war die F&E-Landschaft in der Chemie lange von langen Entwicklungszyklen und hohen Anforderungen an Pilotierung, Analytik und Skalierung geprägt. Gerade deshalb ist der Unterschied zwischen “investieren” und “innovieren” relevant: Patente sind ein Indikator dafür, wie stark Forschung in verwertbare Schutzrechte mündet, bevor Produkte und Verfahren im Markt verankert sind. Für viele Unternehmen bedeutet das in der Praxis, dass sie ihre Innovationsportfolios stärker über die gesamte Wertschöpfungskette ausrichten müssen – von der Laborstufe über Prozessentwicklung bis zur industriellen Umsetzung. Gleichzeitig spiegelt der Personalumfang die Breite der Anstrengung: Rund 47.000 Menschen sind laut VCI in den Forschungslaboren der Branche tätig, und mehr als 60 Prozent der F&E-Ausgaben kommen aus der Pharmaindustrie.
Auf der Markt- und Wettbewerbsseite hat diese Entwicklung unmittelbare Folgen für Geschäftsmodelle, Lieferfähigkeit und auch für Kooperationen. Wenn Patentausbeute und Standortentwicklung auseinanderlaufen, verschiebt sich die Verhandlungsmacht in Partnerschaften häufig zugunsten derjenigen, die schneller IP aufbauen und in marktreife Produkte überführen. Außerdem steigen für Unternehmen die Kosten, wenn sie Ergebnisse parallel im Ausland absichern müssen, statt konsequent am Standort zu pilotieren. Der VCI fordert deshalb von der Politik bessere Bedingungen für Forschung in Deutschland – konkret nennt er eine verlässliche Finanzierung, die Einbettung in Sozial- und Wirtschaftsreformen sowie mehr Berechenbarkeit.
Für Entscheider in Unternehmen lässt sich aus den Zahlen eine klare Priorität ableiten: Die F&E-Budgets müssen stärker mit messbaren Innovationspfaden gekoppelt werden, etwa über IP-Strategien, Transfermechanismen und klare Meilensteine bis zur Marktreife. Wer Forschung nur monetär erhöht, aber Output-Kanäle wie Patentierung, Ausgründung, Pilotlinien oder Transferprogramme nicht mitentwickelt, riskiert genau die Diskrepanz, die der VCI beschreibt. In den kommenden Quartalen wird sich daran messen lassen, ob deutsche Firmen weiterhin in Höhe und Tempo investieren können, ohne dass sich – wie vom Verband erwartet – der Anteil sinkender Budgets in Deutschland gegenüber dem Ausbau im Ausland weiter vergrößert. KI spielt hier nicht als Gegenstand der Meldung eine Hauptrolle, aber als Werkzeugebene kann sie bei der Strukturierung von Wissen, der Beschleunigung von Analytik-Workflows und dem Auffinden von Kandidaten in der Material- und Pharmaentwicklung unterstützen.
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