FRANKFURT/MAIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die FuE-Budgets der Chemie- und Pharmaindustrie liegen 2025 bei knapp 16 Milliarden Euro. Für das laufende Jahr rechnen aber 29 Prozent der Unternehmen mit rückläufigen Ausgaben am Standort Deutschland, während 41 Prozent im Ausland mit steigenden Etats planen. Der VCI fordert deshalb eine strategische Innovationspolitik, weil andere Länder Forschung, Entwicklung und Produktion als Einheit behandeln. Besonders China baut seine industrielle Innovationskraft mit schnellerem Transfer von der Forschung zur Marktreife aus.

Die Kennzahlen zur Forschung und Entwicklung (FuE) zeichnen für die chemisch-pharmazeutische Industrie ein zweigeteiltes Bild: Einerseits bleibt die Investitionsbereitschaft hoch, andererseits verschlechtern sich für 2025/den weiteren Verlauf die Perspektiven am Standort Deutschland. Laut VCI lagen die FuE-Budgets der Branche 2025 bei knapp 16 Milliarden Euro. Drei Viertel der Unternehmen entwickeln demnach neue Produkte und Verfahren; zusätzlich investieren etwa 7 Prozent des Umsatzes wieder in FuE. Diese Relation ist für die Branche typisch, weil viele Entwicklungszyklen durch regulatorische Anforderungen, komplexe Wertschöpfungsketten und hohe Validierungsaufwände geprägt sind – die Frage ist aber, ob die Rahmenbedingungen den nächsten Schritt vom Labor in die Produktion zuverlässig ermöglichen.
Für das laufende Jahr kippt die Stimmung spürbar: Nach Angaben des VCI rechnen 29 Prozent der Chemie- und Pharmafirmen mit rückläufigen FuE-Ausgaben in Deutschland. Nur noch knapp jedes fünfte Unternehmen plant mit steigenden Budgets am heimischen Standort. Dem steht eine deutlich andere Erwartung für das Ausland gegenüber: Dort prognostizieren 41 Prozent der befragten Firmen steigende Etats. Diese Spreizung ist mehr als eine Stimmungsfrage. Sie deutet darauf hin, dass Unternehmen die internationale Standortkonkurrenz zunehmend als Kosten- und Tempo-Problem verstehen, also als Kombination aus verfügbaren Forschungsressourcen, Förderlogik, Genehmigungs- und Umsetzungsgeschwindigkeit sowie Investitionssicherheit für langfristige Programme.
Als Kernproblem benennt der VCI- Vorsitzende des Ausschusses Forschung, Wissenschaft und Bildung, Thomas Wessel, nicht den Innovationswillen, sondern den Standort. In seiner Argumentation liegt der Fokus darauf, dass der Wille zur Weiterentwicklung vorhanden ist, aber die Rahmenbedingungen in Deutschland nicht mehr mit dem Tempo mithalten, mit dem andere Länder aufholen. Der Verband beschreibt außerdem eine Verschiebung bei der globalen Aufstellung: Andere Länder dächten Forschung, Entwicklung, Produktion und Standort längst zusammen. Das führt in der Logik des VCI dazu, dass der Wettbewerb nicht nur härter, sondern auch strategischer wird – weil die gesamte Kette vom FuE-Projekt bis zur Marktnähe schneller integriert werden kann.
Technisch und industriepolitisch lässt sich diese Strategie besonders gut an China festmachen, das der VCI als Beispiel für eine industrieorientierte Innovationsplanung nennt. Der Verband verweist darauf, dass sich der Anteil Chinas an den weltweiten Patentanmeldungen in Chemie und Pharma zwischen 2010 und 2024 nahezu vervierfacht hat. Damit liegt China laut VCI nach den USA auf Rang 2 und damit vor Japan, Südkorea und Deutschland. Entscheidend ist in diesem Zusammenhang weniger die Zahl an Patenten allein als der von Wessel angesprochene Transferpfad: Der Weg von der Forschung bis zur Marktreife werde über mehrere Wege abgesichert und durch eine offensive Agenda zum Schutz geistigen Eigentums flankiert. Für Unternehmen heißt das praktisch: Patentschutz und Verwertungskonzepte werden früh in die Entwicklungsplanung eingezogen, wodurch sich Risiken von späteren Verzögerungen oder unklarem IP-Status reduzieren können.
Aus Sicht des VCI reicht dieser internationale Druck, um in Deutschland eine strategische Kurskorrektur zu verlangen. Der Verband fordert, strategisches Denken stärker in politisches Handeln zu integrieren und das Tempo zu erhöhen, damit Forschungsideen konsequenter kommerzialisiert werden und die Wettbewerbsfähigkeit steigt. Wessel kritisiert dabei ausdrücklich widersprüchliche Politik, nennt im Kontext das Gesundheits-Sparpaket, das den Pharmastandort massiv schwäche. Daneben sollen laut VCI die Chemie- und Hightech-Agenda, die nationale Plattform Biotechnologie sowie die künftige Pharma- und Medizintechnikstrategie besser aufeinander abgestimmt und zu einer schlüssigen Innovationsstrategie verzahnt werden. Besonders hervorgehoben wird die Chemieagenda 2045 als industriepolitische Leitplanke, damit Potenziale aus Chemie, Pharma und Biotechnologie in wettbewerbsfähige Wertschöpfung und Produktion überführt werden können.
Damit rückt eine Frage in den Vordergrund, die für Entscheider in FuE, Produktion und Unternehmensplanung unmittelbar relevant ist: Welche steuernde Struktur sorgt dafür, dass Programme nicht an Ressortgrenzen oder Förderlogik-zentrierten Einzelmaßnahmen scheitern? Der VCI nennt dafür eine ressortübergreifende Steuerung, eine verlässliche Finanzierung sowie die Einbettung in Sozial- und Wirtschaftsreformen. Zudem fordert er eine berechenbare Politik – ein Begriff, der in der Praxis vor allem Investitionshorizonte adressiert: Wenn Unternehmen über mehrjährige Plattform-Initiativen, Anlageninvestitionen und klinische oder prozessbezogene Validierungen entscheiden, brauchen sie stabile Regeln, weil Unsicherheit die Projekt- und Portfolioaufstellung verschiebt. Für die Branche ist die Botschaft klar: Innovationsbudgets sind nicht nur ein Indikator für Aufwand, sondern auch ein Spiegel der Entscheidungssicherheit am Standort.
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