HAWAII / LONDON (IT BOLTWISE) – Meta hat ein internes Umbauprojekt namens „Project OT“ gestartet, das eine KI-native Arbeitswelt vorsah. Dabei sollten KI-„agenten“ Teile der täglichen Arbeit übernehmen, während menschliche Teams stärker auf Aufsicht und spezialisierte Tätigkeiten ausgerichtet werden. Schon vor der ersten Kürzwelle im Mai stoppte Mark Zuckerberg jedoch die Planung für die zweite Welle im November. Parallel wuchsen intern Zweifel, weil die KI-Initiativen nach internen Daten nicht die erhofften Produktivitätsgewinne lieferten.

Meta-Projekt OT: KI-Umstrukturierung, Revolte und abgesagte zweite Kürzwelle
Meta-Projekt OT: KI-Umstrukturierung, Revolte und abgesagte zweite Kürzwelle (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Idee klingt in der Theorie nach einem logischen Schritt: Nach dem Hype um ChatGPT haben viele Tech-Firmen begonnen, Arbeit nicht nur mit KI zu unterstützen, sondern ganze Organisations- und Prozessmodelle „AI-nativ“ zu denken. Bei Meta wurde daraus laut den vorliegenden internen Planungsunterlagen ein konkretes Programm mit dem Codenamen „Project OT“ (Organization Transformation), das im Januar beim jährlichen Führungstreffen in Hawaii ausformuliert worden sein soll. Kern der Vision war, dass KI einen großen Teil der operativen Routine übernimmt und dafür kleinere, „talent-dense“ Personengruppen die virtuelle Arbeit steuern. Für Beschäftigte bedeutet das allerdings vor allem eins: Rollen, Zuständigkeiten und Karrierepfade geraten unter Druck, selbst wenn das Unternehmen öffentlich betont, es gehe nicht um einen pauschalen Austausch durch Maschinen.

Technisch und organisatorisch zielte „AI-nativ“ bei Meta auf eine andere Form der Entwicklung, nicht nur auf ein neues Tool-Set. In mehreren Pilotansätzen entstand ein Modell mit sehr kleinen „Tech Pods“, in denen zwei bis drei Ingenieurinnen und Ingenieure sowie ein Design-Profil gemeinsam an Prototypen arbeiten sollten. An die Stelle fester, mehrmonatiger Planungszyklen sollten kurze Vier-Wochen-Sprints treten; zudem sollten traditionelle Rollen wie Product-Design- und Engineering-Spezialisierungen stärker gebündelt und auf Bedarf verteilt werden. In einem weiteren Schritt wollte Meta offenbar auch den Management-Overhead reduzieren: Pod Leads sollten zwar die Tagesarbeit steuern, aber ohne formale Führungsverantwortung bleiben. Performance-Ratings und Beförderungen sollten demnach laut Unternehmensdarstellungen von „Org Leads“ und damit menschlichen Entscheiderinstanzen getroffen werden, nicht von KI-„Systemen“.

Genau hier setzt die aufkommende Reibung an, die später als „Employee Rebellion“ beschrieben wird. Schon bevor viele Führungsebenen offiziell eingeweiht waren, kursierten Berichte über mögliche Entlassungen in einer Größenordnung von 20% oder mehr; Meta bezeichnete das damals als spekulativ und ordnete es als theoretische Ansätze ein. Während diese Kommunikation nach außen eher defensiv blieb, lief intern eine zweite, deutlich konkretisierte Planung an: In Szenarien soll sogar eine Reduktion einzelner Teams um bis zu 60% diskutiert worden sein. Ergänzend zu Entlassungen seien zudem das Schließen offener Stellen sowie das Herausdrängen von Mitarbeitern geplant gewesen, die als schwache Performer galten. Für Betroffene ist das weniger eine abstrakte „Transformation“, sondern ein unmittelbares Signal: Wenn KI-Agenten zentral für Produktivitätsversprechen stehen, werden menschliche Kapazitäten schnell als ersetzbar gelesen.

Die Dynamik kippte offenbar rund um den Zeitplan der ersten Kürzwelle. Laut den internen Dokumenten, die eingesehen worden sein sollen, hielt Meta bis kurz vor dem ersten Cut am 19. Mai noch am Plan fest, der in der zweiten Jahreshälfte weitere Einschnitte vorgesehen hatte. Am nächsten Tag folgte dann die tatsächliche Entscheidung: Meta entließ 10% der Belegschaft, während die Planung für die November-Welle gestoppt wurde. Zuckerberg habe laut Dokumenten kurz zuvor erneut mit seinem Führungskreis verhandelt und den Kurs korrigiert. In derselben Phase nahmen interne Zweifel an den technischen Ergebnissen zu: Beschäftigte und Führungskräfte verwiesen auf Hinweise, dass die „agentic“ Technologie hinter dem Strategieversprechen nicht im gewünschten Maß Produktivität lieferte. Die Berichte schildern dabei ein Muster, das in vielen KI-Programmen wiederkehrt: viel Output in Form von Code-Änderungen, aber weniger klar messbare Wirkung auf neue oder aktualisierte Features für die Nutzer.

Besonders sichtbar wurde der Zusammenhang zwischen KI-Experimenten und Arbeitsplatzangst auch durch Begleitmaßnahmen, die als datenschutz- und vertrauensrelevant wahrgenommen wurden. Berichtet wird, dass Meta in den USA auf Arbeitsgeräten Tracking-Software einsetzen ließ, um Tastenanschläge und Mausaktionen zu erfassen, damit KI-Agenten das menschliche Interaktionsverhalten mit Computersystemen nachahmen können. Parallel wurden Teams auf neue Aufgaben ausgerichtet, darunter eine Unit für Applied AI Engineering, die Software-Engineering-Puzzles als Trainingsdaten für KI-Modelle erzeugen sollte. Für Teile der Mitarbeiterschaft klang das nach „Beschäftigungstherapie“: eher repetitive, wenig befriedigende Aufgaben als ein Weg zu besseren Produkten. Gleichzeitig zeichnen die internen Schilderungen ein Risiko-Bild, in dem „Reliability Warning Signs“ nach einem starken KI-gestützten Code- und Agentenanstieg aufgetreten sein sollen, darunter auch Service-Störungen und mögliche Datenlecks, die im Jahresvergleich stärker gewesen sein sollen.

Als Gegenbewegung fuhr Meta dann eine Mischung aus Stabilitätsbotschaften und PR-Strategie. Nachdem die zweite Welle gestoppt war, meldete Zuckerberg laut interner Kommunikation, er erwarte in diesem Jahr keine weiteren unternehmensweiten Entlassungen und wolle mehr Stabilität schaffen. Zudem wurden Maßnahmen beschrieben, die die Stimmung stützen sollten: Unit Heads sollten Gefühle stärker adressieren, der Start eines Mouse-Tracking-Programms wurde pausiert, Transferoptionen in die alten Teams eröffnet und Finanzvorstand Susan Li sollte offenbar zusätzliche Anreize verbessern. Zeitgleich startete Meta eine öffentliche Kommunikationskampagne, in der Zuckerberg betont, man setze auf Menschen („betting on people“). In dieser Erzählung sollen KI-Agenten vor allem nutzerzentriert werden und nicht primär Arbeit automatisieren; zugleich wird die Verantwortung für Job-Verluste bei Wettbewerbern rhetorisch umgelenkt.

Für die Branche ist dabei weniger die konkrete interne Umstellung entscheidend als das Muster, das sich darin zeigt: Unternehmen versuchen, aus KI-Investitionen nicht nur bessere Modelle, sondern neue Organisationsformen zu bauen. Meta zeigt in diesem Fall, wie riskant der Schritt ist, wenn technische Reife und betriebliche Umsetzung nicht gleichzeitig mitziehen. Die Diskussionen um „talent-dense“ Cadres, Pod-Strukturen und „AI-first“-Prototyping greifen zwar agile Entwicklungsideen auf, aber sie erzeugen auch einen direkten Verteilungskonflikt über Budget, Rollen und Entscheidungsmacht. Wenn gleichzeitig Investitionen in KI-Infrastruktur massiv ausfallen und der Markt Ergebnisse einfordert, verschärft das die Lage: Nicht nur die Modellleistung, sondern auch die Personal- und Prozessleistung müssen schnell demonstriert werden.

Offen bleibt, was Meta als Nächstes mit „Project OT“ praktisch anstellt und wie das Unternehmen die Grundlage für eine stabile KI-Entwicklung schafft, die intern als verlässlich wahrgenommen wird. Meta bestätigte das Projekt und die Grundidee von zwei Wellen, zog aber die konkret schärfsten Szenarien zurück und erklärte, es sei nicht geplant gewesen, 60% der gesamten Belegschaft zu entlassen. Reuters zufolge ist auch unklar, wodurch Zuckerberg den Kurswechsel unmittelbar vor der ersten Welle ausgelöst haben soll und welche Kennzahlen im Unternehmen kurzfristig als „ausreichend“ galten, um die zweite Kürzwelle zu stoppen. Für IT-Organisationen, die ähnliche AI-Agent-Projekte starten wollen, ist die Botschaft damit nicht „KI ersetzen Menschen“, sondern: Ohne belastbare Produktivitäts- und Sicherheitsmessungen wird aus KI-nativ sehr schnell KI-verunsichernd.


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