WASHINGTON / LONDON (IT BOLTWISE) – Die US-Armee will an fünf Militärstandorten von New York bis Texas Kernreaktoren in Mikro-Format einsetzen, um eine zuverlässige Energiequelle unabhängig vom Stromnetz aufzubauen. Die Auswahl erfolgt im Rahmen des „Janus Program“, das über fünf Jahre bis zu 2,2 Milliarden US-Dollar an fünf Unternehmen ausschüttet. Die Reaktoren sollen nicht das komplette Areal versorgen, sondern als belastbare Basisversorgung bei Netzausfällen dienen. Für 2028 erwartet die Armee den operativen Start eines fortgeschrittenen Reaktordesigns spätestens bis zum 30. September 2028.

Die US-Armee setzt beim Thema Energieversorgung auf eine Option, die in den vergangenen Jahrzehnten vor allem in der Energiepolitik eine Randrolle spielte: kleine, modular aufgebaute Kernreaktoren. Laut Ankündigung sollen künftig an fünf Basen von New York bis Texas Mikroreaktoren entstehen, die eine stabile Stromerzeugung auch dann ermöglichen, wenn die Verbindung zum öffentlichen Netz ausfällt. Wichtig ist dabei die technische Rollenverteilung: Die Standorte bleiben zwar weiterhin ans Netz gekoppelt, aber die Mikroreaktoren sollen gezielt einen Teil der Last abdecken und damit kritische Dienste aufrechterhalten. Genau diese Resilienz-Argumentation ist auch der Kern des „Janus Program“, das laut Programmkonzept die nächste Generation der Kernenergie von Experimenten und Prototypen in Richtung längerfristiger Betriebsfähigkeit verschieben soll.
In der Systemarchitektur geht es nicht um „Kernkraft als Ersatz für alles“, sondern um eine strategische Backup- und Teilversorgung, die im Ernstfall schneller verfügbar sein soll als fossile Logistik. Die Armee nutzt heute Diesel als primären Backup für kritische Infrastruktur. In einem Konfliktfall, so heißt es, könnten Kraftstofftransporte jedoch nicht in der benötigten Flexibilität verlässlich funktionieren. Mikroreaktoren adressieren dieses Problem durch eine lange Laufzeit: Die Reaktoren sollen über Jahre betrieben werden können, ohne regelmäßig nachzutanken. Technisch betrachtet bedeutet das für den Betrieb an einer Basis einen anderen Planungsmodus bei Brennstoff- und Wartungszyklen; organisatorisch verschiebt sich der Fokus weg von kurzfristiger Versorgung hin zu robusten Sicherheits- und Betriebsprozessen über viele Jahre.
Für die Umsetzung plant die US-Armee ein Förder- und Meilensteinmodell: Fünf Unternehmen sollen insgesamt bis zu 2,2 Milliarden US-Dollar über fünf Jahre erhalten, um die Mikroreaktoren zu besitzen, zu bauen und zu betreiben. Voraussetzung sind dabei erreichte Leistungsmeilensteine. Die Rechen- und Lastannahmen für große US-Militärbasen werden im Umfeld von „Strom wie in einer kleinen Stadt“ beschrieben, gleichzeitig bleibt die technische Größe der einzelnen Einheit begrenzt: Jede Anlage soll je nach Design etwa 1 Megawatt bis 20 Megawatt liefern. Damit wird klar, warum die Armee auch mit „drei-packs“ plant: Antares und Radiant sollen ihre Lösungen in Bündeln ausliefern, um die erforderliche Abdeckung an den Standorten eher im Verbund als durch eine einzige, riesige Anlage zu erreichen.
Der rechtliche und regulatorische Knackpunkt liegt ebenfalls auf der operativen Ebene. Anders als kommerzielle Kernkraftwerke würden die Mikroreaktoren laut Ankündigung durch die Armee lizenziert, nicht durch die U.S. Nuclear Regulatory Commission. Alan J. Kuperman, Assistenzprofessor an der Lyndon B. Johnson School of Public Affairs der University of Texas at Austin und Koordinator des Nuclear Proliferation Prevention Project, kritisiert den Ansatz und bezeichnet ihn als problematisch, weil er Sicherheits- und Wirtschaftsfragen auf eine Weise adressiere, die aus seiner Sicht zu kurz greife. Demgegenüber betont die Programmführung, dass die Reaktoren bei Störungen sicher herunterfahren und dass die Armee keine Anlagen aufstellt, solange die Sicherheit nicht als ausreichend geklärt gilt. Zusätzlich wird ein Abgleich mit dem Energieministerium genannt, um radioaktive Abfälle so zu handhaben, dass es auf den Anlagenstandorten keine langfristige Zwischenlagerung geben soll.
Die konkrete Auswahl der fünf Unternehmen und die Verteilung über die Basen zeigt, wie stark die Umsetzung auf Redundanz setzt: Antares Nuclear ist für Fort Bragg in North Carolina vorgesehen, BWXT für Fort Campbell in Kentucky, General Atomics Electromagnetic Systems für Fort Hood in Texas, Radiant Industries für Fort Benning in Georgia und Westinghouse Government Services für Fort Drum in New York. Die Stufenplanung geht darüber hinaus: Präsident Trump habe im Mai 2025 per Executive Orders die Entwicklung der Kernenergie beschleunigen wollen, dabei wurde die Armee beauftragt, dass ein fortgeschrittenes Reaktordesign spätestens bis zum 30. September 2028 an einem inländischen Militärstandort in Betrieb gehen soll. Jeff Waksman, principal deputy assistant secretary of the Army for installations, energy and environment, ordnet das Programm als „Spear Tip“ ein und betont, dass die Designs nicht als rein militärspezifische Sonderkonstruktionen gedacht seien.
Auch aus Marktsicht ist die Stoßrichtung klar: Die Mikroreaktoren sollen einen Weg für Folgekunden eröffnen, die bisher allein wegen regulatorischer Unsicherheit und fehlender Wirtschaftlichkeit zögerten. Die Armee erwartet neben Bundesmitteln zudem Milliarden aus privatem Kapital. Gleichzeitig nennen die Unternehmen in ihren Aussagen konkrete Ziele für Fertigung, Deployment und Lebensdauer: Radiant verknüpft den Auftrag mit der eigenen Fähigkeit, die Systeme zu produzieren und sicher zu betreiben, während General Atomics Electromagnetic Systems davon spricht, dass die Auslegung für abgelegene, netzunabhängige und extreme Umgebungen über 40 Jahre ausgelegt ist. Antares wiederum verweist auf einen Pilotmeilenstein, der die Stromproduktion an einem Standort des Idaho National Lab in der nächsten Phase unterstützen soll. Damit verdichtet sich die Story zu einem klassischen „Demonstration-to-Scale“-Ansatz: Das Risiko, das früher bei Prototypen lag, wird durch schrittweise Betriebsszenarien und Meilensteinzahlungen in ein umsetzbares Programm überführt.
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