GAMESCOM / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Erweiterung „Songs of the Past“ für The Witcher 3 nimmt die Spieler in das neue Land Letten mit. Kurz nach Geralts Ankunft verschwindet der Freund Dandelion, und aus einer Suche wird eine deutlich größere Witcher-Story. CD Projekt Red und das Entwicklerstudio Fool’s Theory erklären, dass die Handlungsidee bereits vor Jahren in der Projektplanung entstand. Im Fokus steht dabei stärker als zuvor die Beziehung und Dynamik zwischen Geralt und Dandelion – einschließlich neuer Raum für familiäre Geschichten.

CD Projekt Red zeigt mit „Songs of the Past“ erstmals echtes Gameplay-Material zu einer kommenden Erweiterung von „The Witcher 3“. Das Setting verschiebt den Tonfall spürbar: Statt der politisch aufgeladenen Konflikte, die Geralt auf dem Kontinent ständig begleiten, führt Letten in eine ländliche Welt, die zunächst friedlich wirkt. Dieses Gegengewicht ist nicht nur als Kulisse gedacht, sondern als dramaturgischer Kontrast. Denn genau dort, wo der Umgang miteinander weniger nach Krieg und mehr nach Alltag aussieht, kippt die Situation unmittelbar nach Geralts Ankunft: Dandelion gerät ausgerechnet in den Mittelpunkt eines neuen Rätsels, als er plötzlich verschwindet.
Technisch und gestalterisch zeigt der kurze, hands-off Einblick vor allem, wie die Quest-Struktur mit der Erkundung verzahnt sein soll. Geralt „akklimatisiert“ sich an die Region und begegnet dabei gleich mehreren Personen aus dem Umfeld von Dandelion, darunter ein Cousin und eine Großmutter. Damit verbindet die Erweiterung die typische Witcher-Erzählweise mit einem anderen Schwerpunkt: Letten ist nicht nur ein Ort, den man abarbeitet, sondern ein Netzwerk aus Beziehungen, über die sich das Problem schrittweise ausdehnt. Dass die frühe Demo rund 45 Minuten dauerte, reicht zwar nicht für eine vollständige Bewertung, aber sie macht deutlich, wie viel Wert auf Schreibstil, Cutscene-Inszenierung und Charakterzeichnung gelegt wird – also auf jene Bausteine, die in „The Witcher 3“ seit Jahren als Qualitätsanker gelten.
Wichtiger als die erste Vorgeschichte ist jedoch, wie die Story überhaupt zustande kam. Fool’s Theory, ein Startup-Studio, das 2015 gegründet wurde, arbeitet gemeinsam mit CD Projekt Red an „Songs of the Past“. Laut den Aussagen von Fool’s Theory CEO Jakub Rokosz wurde die Grundidee bereits „vor Jahren“ in CD Projekt Red konzipiert. Verantwortlich für den ursprünglichen Wurf waren damals Autoren aus dem Hauptprojekt, darunter Ola Motyka und Philip Weber. Rokosz beschreibt das damalige „Beiseitelegen“ nicht als endgültiges Scheitern, sondern als timing-bedingte Entscheidung: Das Team habe die Geschichte später wieder aufgenommen, als die Rahmenbedingungen passten – unter anderem, weil das Studio wachsen musste und sich das Thema erneut anbot.
Diese Herkunft schlägt sich auch in der inhaltlichen Ausrichtung nieder. Zwar nehmen Rokosz und das CD-Projekt-Red-Quest-Design-Team um Despoina Anetaki ausdrücklich Inspiration aus den Witcher-Romanen von Andrzej Sapkowski als Ausgangspunkt. Gleichzeitig betonen sie, dass „Songs of the Past“ eine vollständig neue Geschichte sein soll. Der Unterschied liegt laut Anetaki besonders darin, dass diesmal nicht einzelne Motive als Side-Story dienen, sondern Dandelions Rolle als eigenständiger Charakter stärker ausgearbeitet wird. Im Grundspiel gab es dafür aus Zeit- und Themenprioritäten offenbar weniger Platz – insbesondere, weil die Beziehung von Geralt zu Ciri einen klaren Schwerpunkt setzte. In den Büchern, so die Beschreibung, findet man öfter philosophisch gefärbte Gespräche zwischen den Figuren; im Spiel soll diese Tiefe nun unmittelbarer sichtbar werden, aber eben im konkreten Kontext des eigenen Dandelion-Handlungsbogens.
Rokosz rahmt Dandelion dabei als bewussten Gegenpol zu Geralt: Der Witcher steht für raue Ernsthaftigkeit und die „grauen Bereiche“ moralischer Entscheidungen, während Dandelion als leichtfüßiger, zugleich tief nachdenklicher Kontrast fungiert. Diese Rolle ist in „The Witcher 3“ spürbar, wurde aber im Erweiterungsprojekt offenbar gezielt weitergedreht. Anetaki ordnet das ebenfalls ein: „Songs of the Past“ soll sich von den anderen Erweiterungen absetzen, weil der Fokus auf Familie liegt – allerdings in einer anderen Form als im Hauptspiel. Selbst die Art von Beziehungen wird dabei als Designziel beschrieben: Rokosz erwähnt, dass „The Witcher 3“ zwar stark in Richtung Romanzen arbeitet, für eine reine „Bromance“ jedoch weniger Platz blieb. Genau dieser Ton soll in Letten nun Raum bekommen, ohne den Charakterkompass der Serie zu verlassen.
Auch der Umfang wird von CD Projekt Red in Relation gesetzt: „Songs of the Past“ soll in der Größenordnung „ähnlich“ zu „Blood & Wine“ sein, das auf dem kritischen Pfad grob rund 15 Stunden Inhalt bietet. Auf Basis dieser Aussage lässt sich ableiten, warum die Entwickler Dandelions Welt so intensiv auffalten: Wer eine Spielzeit dieser Größenordnung ansetzt, kann Nebenfiguren nicht nur als Kulisse einsetzen, sondern muss sie zu tragenden Elementen der Erzählung machen. Genau deshalb wirkt die Erweiterung weniger wie ein „neues Gebiet mit neuer Questkette“ und mehr wie eine thematische Erweiterung des Grundspiels. Für Spieler, die in „The Witcher 3“ ohnehin die Figurenpsychologie mehr schätzen als reine Mechanik-Optimierungen, dürfte diese Schwerpunktsetzung besonders attraktiv sein.
Insgesamt deutet die Mischung aus langer Vorlaufgeschichte („jahrelang in Planung“), kooperativer Entwicklung zwischen CD Projekt Red und Fool’s Theory sowie der klaren Fokussierung auf Dandelion darauf hin, dass „Songs of the Past“ weniger auf Überraschung durch radikal Neues setzt, sondern auf ein gezieltes Vertiefen etablierter Stärken. Die Veröffentlichung ist für 2027 angekündigt, und bis dahin wird sich zeigen, ob die Demo-Versprechen – scharfer Humor, präzise Cutscenes und konsistente Charakterlogik – im vollen Umfang tragen. Unterm Strich geht es aber um eine sehr konkrete Frage: Wie viel vom Zauber von „The Witcher 3“ entsteht durch Entscheidungen im Kampf, und wie viel durch Dialoge, Haltung und das Zwischenmenschliche, das selbst in einer rauen Welt Wärme zulässt? „Songs of the Past“ antwortet darauf mit Letten als Bühne und Dandelion als Motor.
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