LONDON (IT BOLTWISE) – Das Wiener Startup Helga Health hat das Verified Social Enterprise-Label (VSE-Label) erhalten, das Social Enterprises in Österreich auszeichnet. Im Kern geht es um besseren Zugang zur Psychoonkologie: Das Team vermittelt Krebspatient: innen an psychoonkologische Fachkräfte und setzt dabei auf niederschwellige Videoberatung. Laut Helga Health adressiert der Ansatz Wartezeiten von teils über einem Jahr sowie teils hohe Kosten im Privatmarkt. Zusätzlich sollen ein Sozialtarif und Gespräche mit Krankenversicherungen die Hürde weiter senken.

Helga Health bekommt in diesem Jahr ein offizielles Gütesiegel für seinen gesellschaftlichen Anspruch: Das Wiener Startup wurde mit dem Verified Social Enterprise-Label (VSE-Label) ausgezeichnet. Die Auszeichnung wird von einem Wirtschaftsministerium gemeinsam mit der Austria Wirtschaftsservice (aws) vergeben und adressiert Unternehmen, die soziale Herausforderungen systematisch bearbeiten. Für Helga Health ist das nicht nur eine externe Anerkennung, sondern ein Signal nach außen, dass die eigene Mission im Gesellschaftsvertrag verankert ist und im Alltag nachweisbar umgesetzt wird. CEO und Mitgründer Philipp Albrecht stellt dabei die Logik der Psychoonkologie in den Mittelpunkt: „Helga hat das Ziel, allen Menschen dieser Welt die Vorteile der Psychoonkologie zugänglich zu machen, also professionelle Unterstützung bei den seelischen und emotionalen Herausforderungen einer Krebsdiagnose. Und zwar nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für ihre Angehörigen“, sagt er.
Technisch und organisatorisch setzt Helga Health an einem konkreten Engpass an: Psychoonkologie ist als Zusatzangebot entscheidend für die psychische und soziale Stabilisierung rund um eine Krebsdiagnose, doch der Zugang hängt in der Praxis stark von Terminverfügbarkeiten und Finanzierung ab. In Österreich gibt es nach Angaben von Helga Health rund 50 ambulante Psychoonkolog: innen, während pro Jahr etwa 50.000 Krebsneuerkrankungen hinzukommen. Aus dieser Diskrepanz ergeben sich Wartezeiten von teils über einem Jahr. Wer Beratung privat bezahlen muss, rechnet laut Albrecht mit etwa 120 Euro pro Stunde; gleichzeitig sei die regionale Abdeckung nicht überall ausreichend. Das führt in vielen Fällen zu langen Anfahrten – teils über 100 Kilometer – nur um überhaupt einen Termin zu bekommen.
Aus Sicht der Versorgungsgestaltung ist genau hier der Unterschied zwischen einem klassischen Beratungsangebot und einem skalierbaren Vermittlungs- und Beratungsmodell sichtbar. Helga Health setzt auf niederschwellige psychoonkologische Beratung per Videotelefonie und koppelt das Angebot an einen eigenen Sozialtarif: 50 statt 120 Euro pro Stunde. Parallel arbeitet das Startup daran, selektive Verträge mit Krankenversicherungen abzuschließen, um die Bezahlung breiter abzusichern. Die Idee dahinter ist pragmatisch: Wenn ein Teil der Hürde aus fehlender Erreichbarkeit und Finanzierung entsteht, kann ein digitales Zugangskonzept nicht jede medizinische Entscheidung ersetzen, aber die Schwelle zur Erstberatung senken. Auch Unternehmen greifen das Modell bereits auf; Helga Health wird laut Albrecht im betrieblichen Gesundheitsmanagement eingesetzt, etwa bei Coca-Cola. Erkranken dort Mitarbeiter: innen, sollen Betroffene und deren Team den Service direkt in Anspruch nehmen können.
Damit bewegt sich Helga Health in einem Feld, das sich in den letzten Jahren stärker professionalisiert hat: Social Enterprises werden zunehmend über Wirkungsketten und messbare Effekte bewertet statt nur über klassische Umsatzkennzahlen. Helga Health ordnet sich hier über das VSE-Label ein, das von der aws abgewickelt wird. Albrecht beschreibt den eigenen Weg als überraschend direkt: „Wir haben den gemeinnützigen Gedanken, ‚Impact vor Rendite‘, in unserem Gesellschaftsvertrag verankert und über die letzten sechs Jahre durch unsere Tätigkeit bewiesen, dass wir ein Social Enterprise sind und auch als solches agieren“, erklärt er. Dem Antrag ging laut dem CEO zudem eine Beratung durch die aws voraus, in deren Rahmen das Konzept als gut passend zum Label bestätigt worden sei. Für das Startup ist diese Validierung wichtig, weil sie den gesellschaftlichen Charakter gegenüber Investor-Logiken sichtbar macht.
Inhaltlich knüpft Helga Health an wissenschaftliche und gesundheitspolitische Einordnung an: Albrecht verweist darauf, dass „Zahlreiche Studien“ den positiven Effekt der Psychoonkologie belegen und sie deshalb Teil des nationalen Krebsplans (NKP) ist. Diese Argumentationslinie ist für die Akzeptanz relevant, denn sie verknüpft die subjektive Erfahrung der Betroffenen mit einer versorgungsbezogenen Begründung. Historisch betrachtet war die Psychoonkologie in vielen Ländern lange eher komplementär organisiert, während sich der Bedarf durch eine wachsende Zahl von Patient: innen und längere Krankheitsverläufe stärker in den Versorgungsalltag drängt. Zugleich verändert die Digitalisierung die Zugangspfade: Videotelefonie reduziert die Abhängigkeit von stationären Strukturen und macht es leichter, knappe Fachressourcen auch in ländlichere Regionen zu transportieren.
Gerade für Startups mit sozialem Anspruch ist das VSE-Label außerdem ein praktischer Hebel, um Partnerschaften zu erleichtern und die eigene Wirkungsorientierung klar zu kommunizieren. Albrecht beschreibt den Schritt als nicht „klassisch venture-case“-artig, weil er auf Förderungen, Umsätze und Philanthrop: innen angewiesen sei. Insofern kann ein Label im Wettbewerb um Aufmerksamkeit und Ressourcen helfen, zumal Helga Health aktuell eines von 85 zertifizierten Social Enterprises in Österreich ist. Gleichzeitig bleibt die Umsetzung komplex: Finanzierung über Krankenversicherungen erfordert Verhandlungen und klare Nachweise, wie sich Versorgungsqualität und Erreichbarkeit verbessern lassen. Genau an diesem Punkt wird die Empfehlung des CEO für andere Startups relevant: „Die Beantragung ist relativ unkompliziert. Entscheidend ist, dass man, auch anhand einer Wirkungskette, sehr klar darlegen kann, welchen gesellschaftlichen Impact das eigene unternehmerische Tun hat“, sagt Albrecht.
Für Entscheider: innen im Gesundheits- und HR-Umfeld stellt sich daraus vor allem die Frage, wie nachhaltige Zugangskonzepte für psychische Begleitversorgung aussehen können. Helga Health versucht, mehrere Hürden gleichzeitig zu adressieren: Wartezeiten über Videotelefonie reduzieren, Kosten über einen Sozialtarif abfedern und die Skalierung über Versicherungsverträge und betriebliche Programme ermöglichen. Wenn das Modell in der Praxis nachweislich die Erstberatung erleichtert, könnte es nicht nur einzelne Patient: innen entlasten, sondern auch den Druck auf bestehende Ambulanz- und Terminstrukturen verringern. Ob sich der Ansatz langfristig als Standard für bestimmte Begleitleistungen durchsetzt, hängt jedoch davon ab, wie konsequent Wirkung gemessen, Personalnetze abgesichert und die Vergütungslogik in den Versorgungsalltag übertragen werden.
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