RŪDNINKAI / LONDON (IT BOLTWISE) – Im Rūdninkai-Wald in Litauen geraten Überreste jüdischer Partisanenbunker unter Druck, während dort eine neue deutsche Militärbasis gebaut wird. Auf Schildern und Sperrhinweisen wird der Zutritt für den Bereich rund um die ehemaligen Stellungen zunehmend eingeschränkt. Erinnerungsinitiativen warnen, dass aus Baustellen-Logistik bald faktische Barrieren werden könnten. Gleichzeitig verweist Deutschland auf den Schutz der Orte, während Litauens Kulturbehörde eine Einordnung als jüdisches Erbe ablehnt und stattdessen einen Bezug zu sowjetischen Partisanen nennt.

Im Rūdninkai-Wald versinkt Geschichte nicht nur im Erdreich, sondern auch im Alltag neuer Sicherheits- und Militärplanungen. In den sumpfigen Randzonen stehen mehrere provisorisch wirkende, teils mit Holz und Erde überdeckte Fortifikationen, die auf unterirdische Bunker zurückgehen sollen, in denen jüdische Partisanen während der NS-Besatzung dem Vernichtungsapparat die Stirn boten. Der Ort markiert nach Darstellung von Zeitzeugen und Nachkommen zudem ein seltenes, lokal greifbares Erinnerungsziel: Für viele Familien ist es das einzige reale sichtbare Zeugnis ihres Widerstands in Litauen. Dass solche Stätten plötzlich wieder in den Hintergrund rücken, beginnt nicht mit einem großen Eingriff, sondern mit einer Reihe kleiner Hürden – mit „Nicht betreten“-Hinweisen, abgesperrten Zufahrten und dem langsamen Schließen von Wegen, über die man die Forts überhaupt erst erreicht.
Technisch und logistisch ist der Konflikt gut nachvollziehbar: Ein Trainingsgelände wird umstrukturiert, Zugang wird reglementiert, und aus der Perspektive eines Militärbetriebs entsteht eine klare Priorität für Sicherheit und Planungssicherheit. Litauen nähert sich dabei dem Endstand eines Militärstützpunkts für deutsche Truppen in Rūdninkai Forest, rund 27 Meilen südlich von Vilnius. Der Plan sieht vor, dass etwa 5.000 deutsche Soldatinnen und Soldaten im Laufe des Herbstes ankommen; das Gelände liegt strategisch etwa 12 Meilen von der Grenze zu Belarus, einem Verbündeten Russlands, entfernt. In diesem Rahmen wird das Areal als Trainingsbereich genutzt, und genau dort, nahe früheren Partisanencamps, sollen die Zugänge für Übungen und Logistik in geregelte Bahnen gebracht werden. Für Besucherinnen und Besucher – insbesondere für Personen, die die wenigen auffindbaren Stellungen gezielt aufsuchen, etwa weil sie familiäre Bindungen haben – wird die Navigation dadurch deutlich schwieriger. Was früher als „einfach nur schwer zu finden“ galt, verschiebt sich zu „nicht erreichbar“, sobald Sperrungen nicht mehr nur temporär gelten.
Die erinnerungspolitische Dimension ist jedoch nicht zweitrangig, weil die Deutung der Bunker selbst umstritten ist. Über Jahrzehnte prägte die sowjetische Besatzung von 1944 bis 1990, wie der Ort erzählt wurde: Die sowjetische Erinnerungspolitik stellte in Rūdninkai eine Tradition sowjetischer Partisanen heraus, während die jüdischen Kämpfer in dieser Erzählung nicht im gleichen Maße vorkamen. Schon in den 1970er-Jahren wurde das Gebiet im Kontext der sowjetischen Litauischen Sozialistischen Republik als Partisanengedenkraum kommemoriert. Die Frage, was von den Strukturen ursprünglich ist und was später für Propagandazwecke rekonstruiert wurde, wird bis heute diskutiert. Nach Aussagen einer jüdischen Geschichtstour-Guide seien die heutigen, teilweise mit Beton verstärkten Fortifikationen ein Hinweis darauf, dass der sowjetische Staat die Anlage nicht nur als Hinterlassenschaft, sondern als Gedenkstätte im eigenen Narrativ stabilisierte. Diese Unschärfe – „was ist echt“ versus „was wurde aufgebaut“ – entscheidet praktisch darüber, ob ein Ort als Kulturdenkmal gilt oder ob er lediglich als historisches Indiz behandelt wird.
Deutschland spielt in dieser Debatte eine doppelte Rolle: einerseits als politischer Akteur, der die Nutzung des Geländes verantwortet, andererseits als Staat, der nach eigenen Angaben den Bestand der Partisanenstätte sichern will. In einer parlamentarischen Antwort wurde betont, dass man sich verpflichtet fühle, das ehemalige Partisanencamp im Rūdninkai-Wald als Ort des Lernens und Gedenkens zu bewahren. Gleichzeitig wird klar abgegrenzt: Die früheren Bunker gehörten nicht zu den deutschen Trainingsanlagen und würden demnach durch Bauarbeiten nicht verändert. Diese Abgrenzung ist in der Praxis dennoch nur so belastbar, wie sie im Zusammenspiel mit litauischen Zuständigkeiten umgesetzt wird. Denn Litauens Kulturministerium stellt die Schutzwürdigkeit anders dar: Dort heißt es, die Bunker hätten keinen geschützten Status als Kulturdenkmal, weil sie nicht authentisch seien und nicht an ihren ursprünglichen Standorten lägen. Statt den Bezug zu jüdischen Kämpfern zu betonen, werden die Forts als „mit sowjetischen Partisanen assoziiert“ eingeordnet. Auch in diesem Punkt bleibt der Kern des Problems sichtbar: Selbst wenn ein Staat die physische Substanz nicht anfassen will, können Regeln zu Zutritt, Dokumentation und Beschilderung die Erinnerungspolitik faktisch trotzdem verändern.
Besonders scharf wird der Konflikt, weil Litauen seine sowjetische Vergangenheit nach 1990 neu bewertet hat – und dabei unterschiedliche Vergangenheiten gegeneinander abgrenzt. Der Streit um Rūdninkai berührt damit die Frage, wie viele Besetzungs- und Gewaltregime gleichzeitig erinnert werden dürfen, ohne dass die eine Erzählung die andere übertönt. Ein Forscher und Herausgeber von Literatur zum Holocaust in Litauen formuliert den Kern so, dass in der kollektiven Erinnerung häufig „nur eine Besetzung“ dominiere: die sowjetische. In dieser Lesart gelten sowjetische Partisanen als Tätergruppe, während jüdische Partisanen oft nicht als Anti-NS-Kämpfer, sondern als „mit den Sowjets kämpfend“ angesehen werden. Genau hier setzt die Sorge der Guides und Nachkommen an: Wenn der Ort im Alltag als Bestandteil sowjetischer Gedenktradition gelesen wird, geraten jüdische Widerstandserfahrungen leicht aus dem Fokus. Diese Spannung wird zudem in der letzten Lebensphase von Fania Brantsovsky sichtbar, die 2024 im Alter von 102 Jahren starb; sie führte in den 2000er-Jahren Führungen zu den Bunkern durch und setzte sich bis zuletzt für Schutz und Bewahrung als Lernort ein. Dovid Katz, ein in Vilnius lebender Gelehrter, verweist in der Erzählung auf eine letzte Bitte: jüdische Familien und Nachkommen sollen die Forts weiter aufsuchen können, weil sie den einzigen greifbaren Nachkriegsrest jüdischer Widerstandsarbeit darstellen.
Damit wird auch klar, warum das aktuelle „Zutritts-Thema“ mehr ist als eine lokale Verkehrsregel. Seit der russischen Invasion in der Ukraine wachsen in Litauen Sicherheitsbedenken und anti-russische Stimmungen; eine jüdische Tour-Guide beschreibt, dass sie dadurch zunehmend Schwierigkeiten habe, die Erinnerung an Juden zu vertreten, die zusammen mit sowjetischen Kräften kämpften. In ihrer Darstellung wird die öffentliche Wahrnehmung schneller politisiert: Man müsse sich teils als Anhänger sowjetischer beziehungsweise später auch putinscher Propaganda verorten lassen, was für sie als Person in der litauischen Gesellschaft riskant werde. Gleichzeitig setzt eine weitere Initiatorin einer jüdischen Geschichtsorganisation auf eine klar pädagogische Rahmung. Ihr zufolge existiere vor Ort ein hartnäckiges Klischee, Juden seien „Kommunisten“ gewesen und hätten deshalb die Gewalt „verdient“ – ein verkürztes Weltbild, das ausgerechnet durch die Erinnerung an die Bunkergeschichte entkräftet werden müsse. Für sie fehlt in Vilnius zudem ein deutlich sichtbares, stadtweites Gedenken an Holocaust-Opfer, was die Bedeutung einzelner Orte im Wald noch stärker macht.
Unabhängig davon, ob Teile der Strukturen tatsächlich jüdische Partisanenbunker oder überwiegend sowjetische Rekonstruktionen sind, bleibt die Frage nach Schutz und Zugang politisch und praktisch offen. Litauens Kulturministerium sagt zwar, der Besuch werde nicht pauschal verboten; wer die Forts aufsuchen wolle, müsse jedoch militärische Regeln einhalten und im Voraus eine Genehmigung beim Kommando des Trainingsgebiets einholen. Die Zukunft sieht also nach einer Verwaltungsmaßnahme aus: eine Art „Gatekeeping“, das nicht zwingend die Existenz der Stätten verhindert, aber ihre Erreichbarkeit und damit ihre gesellschaftliche Funktion als Lern- und Gedenkraum bestimmt. Für Familien und Bildungsarbeit zählt dabei nicht nur das „Ob“ des Erhalts, sondern das „Wie“: Wenn Sperrungen den Zugang systematisch erschweren, sinkt die reale Besuchsquote, Erinnerungspraktiken verlagern sich, und die Bunker verlieren Schritt für Schritt ihre Rolle als lebendige Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Genau deshalb bleibt Rūdninkai ein Testfall dafür, wie Militärnutzung, historische Deutung und europäische Erinnerungskultur in einem konkreten Gelände miteinander ausbalanciert werden.
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