LONDON (IT BOLTWISE) – Eine große US-Studie deutet darauf hin, dass die moderne Rekombinations-Impfung gegen Gürtelrose Herzkrankheiten über mehrere Jahre weniger häufig auftreten lässt. Besonders stark waren die Effekte bei ischämischer Herzkrankheit, Herzinsuffizienz und auch bei Vorhofflimmern. Die Unterschiede traten früh im Verlauf auf und ließen später nach, was auf Mechanismen jenseits der reinen Verhinderung einer Gürtelrose hindeutet. Der entscheidende Kandidat ist vermutlich das Impf- Adjuvans AS01, das die Immunantwort langfristig umprogrammieren könnte.

Shingrix könnte Herzrisiken senken: Studie zu Impf-Effekten über Jahre
Shingrix könnte Herzrisiken senken: Studie zu Impf-Effekten über Jahre (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Rekombinations-Impfung gegen Gürtelrose wirkt möglicherweise nicht nur gegen Herpes zoster, sondern auch gegen Herzfolgen, die häufig mit chronischer Entzündung zusammenhängen. In einer Auswertung auf Basis von 70.000 Personen in den USA berichteten Forschende, dass ältere Erwachsene, die während der Umstellungsphase auf den modernen Wirkstoff geimpft wurden, im Beobachtungszeitraum seltener an kardiovaskulären Erkrankungen erkrankten als Personen, die noch mit der älteren, abgeschwächten Lebendimpfung behandelt worden waren. Auffällig ist dabei die zeitliche Dynamik: Die Schutzassoziation wurde früh sichtbar und verlor im weiteren Verlauf an Stärke.

Technisch betrachtet liegt der Reiz der Studie in dem ungewöhnlichen Studiendesign. Üblicherweise vergleicht man Geimpfte mit Ungeimpften und kämpft dabei mit sogenannten Verzerrungen, weil sich beide Gruppen oft systematisch unterscheiden (Einnahme von Vorsorge, Gesundheitsverhalten, sozioökonomische Faktoren). Dieses Problem kann so stark sein, dass man eine scheinbare Wirkung der Impfung eigentlich als „Unterschied im Ausgangsrisiko“ missverstehen könnte. Hier wählten die Forschenden jedoch zwei Kohorten, die beide die Grundentscheidung „Impfung gegen Gürtelrose“ getroffen hatten, nur eben zu unterschiedlichen Zeitpunkten: 2017 überwogen noch die älteren Lebendimpfungen (98,6 %), 2018 erhielten bereits die meisten Personen die Rekombinationsvariante (93,5 %). Dadurch lässt sich der Vergleich weitgehend vom „wer macht überhaupt die Impfung“-Thema entkoppeln.

In der Analyse bildeten die Autorinnen und Autoren zwei eng passende Gruppen mit je 36.460 Teilnehmenden, die nach Alter und weiteren erfassten Merkmalen vergleichbar gemacht wurden. Über einen Zeitraum von mehr als sechs Jahren zeigte sich für die Rekombinations-Ära eine um 9 % geringere „kardiovaskuläre Krankheitslast“, gemessen als zeitabhängiges Studienmaß. Noch deutlicher waren die Effekte bei ischämischer Herzkrankheit (10 % weniger) sowie bei Herzinsuffizienz (12 % weniger). Auch Vorhofflimmern, also eine abnorme Herzrhythmusstörung, trat seltener auf. Bei ischämischem Schlaganfall über alle Teilnehmenden hinweg blieb die Abnahme jedoch statistisch unsignifikant; innerhalb der Teilgruppe der Männer fanden die Forschenden dagegen eine signifikante Reduktion.

Besonders interessant ist die Interpretation: Für ischämische Herzkrankheit und Herzinsuffizienz zeigte sich der Zusammenhang vor allem in den ersten 3,5 Jahren der Nachbeobachtung, danach schwächte er sich ab. Genau diese Abfolge passt nicht zwingend zu der naheliegenden Erklärung, dass einfach nur weniger Gürtelrose als Auslöser von Entzündungskaskaden vorkommt. Die Forschenden argumentieren, dass Unterschiede in den Gürtelrose-Fällen zwischen den Impfgenerationen relativ klein ausfielen. Damit rückt ein zweiter Wirkmechanismus in den Fokus: das Adjuvans AS01, das in der modernen Impfvariante enthalten ist. Ein Adjuvans sorgt dafür, dass das Immunsystem stärker und oft auch länger auf das Zielantigen reagiert; in diesem Fall wird eine Protein-basierte Immunantwort durch eine immunstimulierende Komponente verstärkt.

Eine mögliche Hypothese lautet, dass AS01 nicht nur „mehr Immunantwort“ erzeugt, sondern bestimmte Immunzellpopulationen so „tuned“, dass sie weniger schädliche Entzündung fördern. Als Beispiel nennen die Autorinnen und Autoren die verminderte Produktion von IL-6, einem Botenstoff, der in Zusammenhang mit kardiovaskulären Erkrankungen gebracht wird. Wichtig ist aber: Der beobachtete epidemiologische Effekt ist noch kein mechanistischer Beweis. Die Studie liefert vor allem Hinweise auf einen plausiblen Pfad, ohne ihn im Menschen direkt zu verifizieren. Für die Praxis bedeutet das: Wenn sich der Zusammenhang in künftigen Analysen und vor allem in Interventionsstudien bestätigt, müsste man genauer verstehen, wie lange die immunologischen „Nachwirkungen“ anhalten und warum sie nach einigen Jahren möglicherweise abflachen.

Dass „unerwartete Zusatznutzen“ überhaupt auftreten können, ist aus der Impfstoffforschung nicht neu. In der Vergangenheit wurde die Gürtelrose-Impfung wiederholt mit einem niedrigeren Risiko für Demenz in Verbindung gebracht; auch hierfür existieren vor allem Beobachtungsdaten. In mehreren Auswertungen wurden dabei Personen betrachtet, die weitgehend mit der neueren Rekombinationsimpfung geimpft waren, und mit gematchten Gruppen verglichen, die überwiegend die ältere Lebendimpfung erhalten hatten. Über sechs Jahre ergab sich in einem Beispiel eine längere Zeit ohne Demenzdiagnose, und unter den später Erkrankten entfielen zusätzliche Tage ohne Diagnose. Ob Entzündungshemmung durch weniger Virus-Reaktivierung eine Rolle spielt, ob auch die Immunantwort selbst mit hineinwirkt oder ob verbleibende Unterschiede in den geimpften Populationen einen Teil erklären, bleibt aber offen.

Am Ende steht deshalb weniger eine „neue Indikation“ als eine neue Forschungsrichtung. Die Gürtelrose-Impfung bleibt ausdrücklich für die Prävention von Gürtelrose vorgesehen, nicht als Behandlung für Demenz oder Herzkrankheiten. Wenn die Effekte jedoch robust sind, könnten künftige Studien gezielt untersuchen, ob bestimmte Impfprinzipien die chronische Entzündung als gemeinsamen Treiber verschiedener Erkrankungen beeinflussen. Als Referenz werden in diesem Zusammenhang auch andere Impfungen genannt, etwa bei Grippe: Randomisierte Daten zeigten in Hochrisikogruppen weniger große kardiovaskuläre Ereignisse nach einer Influenza-Impfung. Ebenso werden BCG- und COVID-19-Zusammenhänge als Beispiel für potenzielle Off-Target-Effekte diskutiert, allerdings ebenfalls ohne, dass daraus automatisch eine direkte Ursache-Folge-Kette folgt. Der nächste Schritt liegt laut den Autorinnen und Autoren daher in klinischen Studien und mechanistischen Untersuchungen, um die beobachtete Schutzassoziation zu bestätigen und zu erklären, bevor man aus Epidemiologie eine belastbare Strategie ableitet.


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