LONDON (IT BOLTWISE) – Vollkörper-MRTs werden über Social Media und Promi-Testimonials als Weg zu mehr Gesundheitskontrolle vermarktet. Forschende warnen jedoch, dass für gesunde Menschen die Evidenz für einen Nutzen fehlt und die Untersuchung häufiger in Folgebehandlungen mündet, als viele glauben. Genannt werden dabei sowohl False Positives als auch Überdiagnosen, die unnötige Eingriffe auslösen können. Gleichzeitig räumen Anbieter ein, dass Langzeitdaten in asymptomatischen Gruppen noch untersucht werden müssen.

Der Trend wirkt schnell und verführerisch: Wer über Video-Formate, Posts und Testimonials einen „Rundum-Scan“ sieht, interpretiert das meist als Sicherheitsversprechen. Bei den sogenannten Full-Body-Scans handelt es sich typischerweise um eine MRT-Untersuchung, die den gesamten Körper nach frühen Hinweisen auf Erkrankungen wie Krebs, Aneurysmen oder Autoimmunerkrankungen durchsucht. Im Zentrum der Diskussion steht aktuell ein Modell, das als Massenangebot in die Lifestyle-Welt hineinwächst: Prenuvo bietet Full-Body-MRTs für rund 2.500 US-Dollar an. Laut Bericht haben das Unternehmen Influencer teils kostenfrei scannen lassen, in einigen Fällen inklusive Rabattcodes für Follower; zugleich stellte der Anbieter klar, dass etwa bei Busy Philipps kein kostenloser Scan erfolgt sei.
Technisch betrachtet ist eine Full-Body-MRT nicht „Magie“, sondern eine Sequenz aus Bildgebungen, die im Idealfall kleine Auffälligkeiten so gut wie möglich sichtbar macht. Genau diese hohe Empfindlichkeit wird jedoch zum Problem, sobald ein Befund im Alltag nicht automatisch medizinisch relevant ist. „Healthy bodies commonly contain lumps, scars and masses that are not harmful.“ heißt es sinngemäß in der medizinischen Einordnung: In gesunden Körpern finden sich häufig Knoten, Narben oder kleine Massen, die keine Folgen haben. Wenn ein Scan dennoch etwas detektiert, beginnt oft eine Kaskade aus weiteren Untersuchungen – im ungünstigen Fall mit Biopsien, umfangreicher Nachbeobachtung und möglicherweise sogar Operationen, obwohl sich herausstellt, dass es benign war. Im klinischen Jargon werden solche Zufallsbefunde „incidentalomas“ genannt.
Die Risiken lassen sich im Bericht in zwei große Kategorien teilen: erstens False Positives und zweitens Überdiagnosen. False Positives bedeuten, dass die Bildgebung etwas „Verdächtiges“ signalisiert, das am Ende keinen Schaden anrichtet. Der Nutzen wäre dann nur eine Art Kontrollgefühl – der tatsächliche Schaden entsteht aber durch Folgeprozeduren. Dr. Sameer Ansari, ein diagnostischer und interventionaler Neuroradiologe, bringt es auf den Punkt: solche Befunde könnten zu „biopsies, extensive monitoring and, possibly, unnecessary surgeries“ führen. Als zweites kommt die Überdiagnose: Hier wird zwar ein Tumor korrekt erkannt, aber dieser hätte ohne Behandlung möglicherweise nicht zu Krankheit oder Tod geführt. Das führt dann zu Chemotherapie oder Operationen, obwohl das biologische Verhalten des Befunds einen anderen Verlauf gehabt hätte.
Ob der Nutzen diese Nachteile überwiegt, ist laut den zitierten Einschätzungen nicht hinreichend belegt. Der American College of Radiology zufolge zeigt „no evidence“ aus deren Sicht, dass Total-Body-Screenings „cost-efficient or effective in prolonging life“ seien. Eine 2019er Meta-Analyse, die Untersuchungen zu asymptomatischen Personen betrachtete, fand zwar in etwa einem Drittel Hinweise auf Auffälligkeiten, die potenziell klinisch bedeutsam sein könnten. Gleichzeitig blieb aber unklar, ob diese Befunde überhaupt Schaden ausgelöst hätten. Zusätzlich problematisch ist die Informationslage im Social-Web: Eine 2025er Arbeit untersuchte fast 1.000 TikTok- und Instagram-Posts und kam zu dem Ergebnis, dass die überwiegende Mehrheit irreführend war; lediglich 15 Prozent erwähnten mögliche Risiken. Die medizinische Kernaussage dahinter lautet: Eine Übertragung von „Survivor Stories“ auf eine allgemeine Wirksamkeit ist nicht sauber.
Auch die befragten Mediziner stellen das Thema in eine Abwägungslogik aus Wahrscheinlichkeit, Schweregrad und Folgeketten. Dr. H. Gilbert Welch formuliert drastisch: „You can’t test yourself to health“. Er beschreibt Full-Body-MRTs als schnellen Weg zu einer Situation, in der man am Ende „having a whole bunch more done to you“ und zusätzlich Sorge erlebt – „and then maybe being hurt in the process“. Daneben betont Dr. Rebecca Smith-Bindman, dass ein Frühfund in Einzelfällen durchaus theoretisch profitieren könnte: „some people, a small amount of people, might benefit from finding a tumor early“. Doch die andere Seite der Medaille bleibt gleich wichtig: „it’s also true that the tumor might never have caused harm, and finding it early just leads to unnecessary treatment.“
Der Anbieter ordnet den Wissensstand vorsichtiger ein und verweist zugleich auf den Bedarf an weiterer Forschung. Dr. Daniel Durand sagt, das sei ein „evolving area of medicine“ und es brauche „more research… to understand its long-term impact on outcomes in asymptomatic populations“. Gleichzeitig bewertet er das Thema False Positives nicht als pauschalen Grund, gar nicht zu schauen; er verweist zudem auf relevante Kosten, die durch verpasste oder verzögerte Diagnosen entstehen können. Genau an dieser Stelle wird deutlich, warum der Markt für diese Scans schneller wächst als die Datengrundlage für harte Nutzenbelege: Angebot und Nachfrage werden von persönlichen Erfahrungen, sichtbaren Erfolgsgeschichten und algorithmisch verstärkter Aufmerksamkeit angetrieben, während Langzeitwirkungen bei gesunden Menschen statistisch noch schwerer nachzuweisen sind.
Für Unternehmen, die medizinische Angebote oder Health-Tech-Services planen, ergibt sich daraus eine praktische Lektion: „Screening“ klingt nach Fürsorge, ist in der Umsetzung aber eine Risiko-Management-Aufgabe. Schon kleine Unterschiede in der Zielgruppe (asymptomatisch vs. symptomatisch), in der Bewertungslogik für Auffälligkeiten und in der Nachsorgekette können entscheiden, ob ein Befund tatsächlich Leben verbessert oder vor allem zusätzliche Prozeduren auslöst. Aus Branchenperspektive heißt das auch: Statt allein auf Reichweite und Testimonials zu setzen, wird die Glaubwürdigkeit zunehmend daran hängen, ob Anbieter nachvollziehbar machen können, wie sie Befunde priorisieren, wie sie mit Grenzfällen umgehen und wie sie Langzeitdaten auswerten. Der nächste Schritt im Wettbewerb dürfte daher weniger „mehr Scans“ sein, sondern „bessere Entscheidungsunterstützung“ entlang der gesamten Behandlungskette – von der Bildgebung bis zur medizinischen Konsequenz.
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