LONDON (IT BOLTWISE) – Gemeinsames Staunen mit dem romantischen Partner ist mit höherer Zufriedenheit und mehr psychologischer Tiefe verbunden. Zwei Online-Studien zeigen, dass das gemeinsame Erleben von Ehrfurcht statistisch stärker wirkt als das individuelle Gefühl allein. Besonders häufig steigt dabei das Gefühl von gemeinsamer Bedeutung und relationalem Wachstum. Unklar bleibt zunächst, ob Staunen die Bindung dauerhaft verbessert oder ob tiefere Beziehungen eher zu solchen Momenten führen.

Gemeinsam Staunen stärkt Partnerschaft: Neue KI-Impulse für Bindungstiefe
Gemeinsam Staunen stärkt Partnerschaft: Neue KI-Impulse für Bindungstiefe (Foto: IT BOLTWISE)
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„Staunen“ klingt im Alltag nach Naturfilm oder Konzertbesuch, in der Forschung wurde die Emotion jedoch schon lange als ein Zustand beschrieben, der das eigene Weltbild irritiert: Wer Ehrfurcht erlebt, trifft auf etwas als „zu groß“ für die bisherigen Denkmuster und wird dadurch aus der Ich-Perspektive herausgezogen. Genau diese Eigenschaft macht die Idee für die Beziehungstheorie interessant, denn Intimität entsteht nicht nur durch Nähe im Kopf, sondern auch durch geteilte Interpretationen dessen, was das Leben „bedeutet“. Vor diesem Hintergrund ordnen die Autoren der jetzt betrachteten Arbeit die Emotion weniger als bloße Abwechslung ein, sondern als psychologischen Hebel, der Aufmerksamkeit nach außen richtet und damit Verbindung wahrscheinlicher macht.

Die Studie ist in diesem Fall nicht bei einem rein individuellen Erleben geblieben, sondern hat das gemeinsame Moment in den Mittelpunkt gestellt. Ausgangspunkt war die Annahme, dass Ehrfurcht insbesondere dann Wirkung entfaltet, wenn zwei Menschen sie parallel erleben und emotional „abgleichen“. Das passt zu älteren Befunden, nach denen das Erleben von Ehrfurcht Aufmerksamkeit nach außen verschiebt und dadurch soziale Bindung, Sinnhaftigkeit und auch prosoziales Verhalten begünstigen kann. Eine neuere, systematische Auswertung aus dem Jahr 2022 hat dabei vor allem die Mechanismen herausgearbeitet, über die solche Momente die soziale Ausrichtung verändern, während eine weitere Arbeit den Zusammenhang zwischen Ehrfurcht und dem Antrieb erklärt, das „authentische Selbst“ zu verfolgen.

Methodisch stützen sich die Ergebnisse auf zwei Online-Studien mit romantisch verbundenen Erwachsenen. In der ersten Untersuchung nahmen 198 Personen teil, die sich selbst als frisch verliebt einordneten und zudem hohe Werte für leidenschaftliche Liebe berichteten. Erfasst wurden unter anderem die allgemeine Tendenz, im Alltag Ehrfurcht zu erleben, die konkret gemeinsam erlebte Ehrfurcht mit dem Partner sowie die Beziehungszufriedenheit. Zusätzlich maß das Team die sogenannte Self-Other-Overlap-Strategie, also den Grad, in dem sich die eigene Identität mit der Identität des Partners überlappt: Die Teilnehmenden justierten dafür digital zwei Kreise so lange, bis deren Überlappung dem empfundenen Verbundenheitsgrad entsprach. In diesem Setting zeigte sich: Gemeinsam erlebte Ehrfurcht sagte Beziehungsergebnisse positiv voraus, während die individuelle Neigung zur Ehrfurcht in einem Modell, das beide Größen gemeinsam berücksichtigte, keinen zusätzlichen einzigartigen Beitrag mehr lieferte.

Um die Befunde robuster zu machen und die „Tiefe“ der Beziehung genauer zu fassen, folgte eine zweite Studie mit 306 romantisch verbundenen Erwachsenen, bei der „verliebt sein“ kein Muss war. Das Team übernahm zentrale Variablen aus Studie eins und ergänzte Messgrößen, die verschiedene Ebenen relationaler Entwicklung abbilden. Dazu gehörte relationship flourishing als sinnorientierte Wachstumsdimension, etwa wenn Paare nach gemeinsamem Zweck suchen statt nur angenehme Momente zu summieren. Außerdem kamen Maße für Bereitschaft zur Selbstaufopferung für den Partner, relational quiet ego hinzu, also ein Zustand reduzierter Selbstfokussierung verbunden mit Perspektivübernahme und größerer Inklusivität innerhalb der Beziehung. Damit die Wirkung von Ehrfurcht nicht einfach auf „Spaß zusammen haben“ zurückfällt, wurde auch geteilte Amüsement-Varianz erfasst und die Häufigkeit ehrfurchtsbezogener Aktivitäten verfolgt, etwa Besuche an ungewohnten Orten oder das gemeinsame Teilnehmen an kollektiven Ereignissen.

Die zweite Studie bestätigte die Richtung der ersten: Gemeinsame Ehrfurcht blieb ein starker Prädiktor für Beziehungszufriedenheit, selbst nachdem geteiltes Amüsement und die Häufigkeit ehrfurchtsbezogener Aktivitäten berücksichtigt wurden. Darüber hinaus korrelierte gemeinsames Staunen positiv mit Self-Other-Overlap, mit Bereitschaft zur Selbstaufopferung, mit relational quiet ego und mit relationship flourishing. Besonders aufschlussreich ist dabei die Pfadanalyse, weil sie zeigt, wie die Verbindung zustande kommen könnte: Der Zusammenhang wurde vor allem über indirekte Wege erklärt, die über relationship flourishing liefen, aber auch über Self-Other-Overlap und Selbstaufopferung. Für die Autoren ist das ein Hinweis darauf, dass gemeinsames Staunen eng mit dem Aufbau gemeinsamer Bedeutung und relationalem Wachstum verbunden ist. In diesem spezifischen Modell lieferte relational quiet ego dagegen keinen zusätzlichen erklärenden Mehrwert.

Der leitende Autor Matteo Perini ordnet die Stärke des Zusammenhangs ein. „I was surprised by how strongly shared awe was related to relationship flourishing, “ sagte er und begründete, dass in der zweiten Studie gemeinsames Staunen allein einen erheblichen Anteil der Varianz im flourishing-Bereich erklärte. Gleichzeitig verwies Perini darauf, dass starke Korrelationen nicht automatisch bedeuten, dass zwei Skalen praktisch dasselbe messen: Die erfassten Konstrukte unterscheiden sich inhaltlich deutlich, nämlich einmal das gemeinsame Erleben von Ehrfurcht und zum anderen Bedeutung und Wachstum in der Beziehung. Er ergänzte außerdem ein vorsichtiges Mittelmaß gegenüber dem Befund, der bei Berücksichtigung von gemeinsamer Ehrfurcht eine negative Assoziation der individuellen Ehrfurchtneigung mit der Beziehungszufriedenheit zeigte, und plädierte dafür, diese Beobachtung erst nach Replikationen stärker zu gewichten.

Wichtig für die Einordnung sind die methodischen Grenzen: Die Daten basieren ausschließlich auf Fragebogenerhebungen und wurden in beiden Studien als Querschnitt erhoben. Damit können sie keine Kausalität beweisen; die Richtung bleibt zumindest plausibel umkehrbar, also dass Paare, die ohnehin zufriedener und tiefer verbunden sind, häufiger gemeinsame Situationen als „eindrucksvoll“ deuten. Die Autoren berichten zwar, dass sie ein separates Experiment durchgeführt haben, in dem Dyaden einer Ehrfurchtsituation ausgesetzt wurden, und dass Teilnehmende in der Ehrfurchtsbedingung tiefer verbinden konnten; diese Resultate fließen jedoch nicht in die hier diskutierte Arbeit ein. Als nächster Schritt planen die Forschenden, die Rolle gemeinsamer emotionaler Erlebnisse in langfristigen Bindungen über Zeit hinweg zu untersuchen und außerdem genauer zu betrachten, wie „partner-induzierte“ Ehrfurcht wirkt, also Ehrfurcht, die man dem eigenen romantischen Partner gegenüber empfindet.

Für den praktischen Blick in Richtung Produkt- und Technologieentwicklung ergibt sich daraus allerdings eine überraschend greifbare Frage: Wie lässt sich ein Moment des Staunens so gestalten, dass er nicht nur individuell „gespürt“, sondern gemeinsam konstruiert wird? Genau an dieser Stelle wird in der heutigen KI-Landschaft der Bezug interessant, auch wenn die Studie selbst keine KI-Systeme untersucht. KI kann zwar Emotionen nicht „garantieren“, aber sie kann Menschen dabei unterstützen, gemeinsame Deutungsrahmen zu erzeugen: etwa durch kuratierte Erlebnisse, dialogorientierte Reflexionsschritte oder adaptive Empfehlungen, die den Fokus auf Bedeutung statt auf rein neue Reize lenken. Entscheidend ist dabei die gleiche Logik wie in der Forschung: Nicht die Menge an Neuheit zählt, sondern die Fähigkeit, dass zwei Personen eine Erfahrung als gemeinsam „durchdringend“ erleben und in ein wachsendes Beziehungsnarrativ übersetzen. Die Arbeit ist in The Journal of Positive Psychology veröffentlicht und trägt den Titel United in wonder: shared awe is associated with satisfaction and depth in romantic relationships, verfasst von Matteo Perini, Lou Mier, Hein van Schie, Jasper de Groot und Johan Karremans.


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