ESSEN / LONDON (IT BOLTWISE) – In einem Sanierungsverfahren in Eigenverwaltung sollen für 35 der mehr als 110 Filialen Käufer gefunden werden. Die Investoren sollen dabei die Standorte und die Beschäftigten übernehmen, wobei der Erwerb teils noch von kartellrechtlichen Freigaben abhängt. Gleichzeitig kündigt sich mit Blick auf Hellweg- und BayWa-Filialen eine mögliche Integration in das bestehende Obi-Filialnetz an. Offen bleibt, was mit den übrigen Standorten passiert, weil bei fehlendem Investor bis Ende November Schließungen drohen.

Das Sanierungsverfahren, das für Hellweg und BayWa Bau & Garten in Eigenverwaltung Mitte Juni 2026 vor dem Amtsgericht Essen eröffnet wurde, kippt nun in eine neue Phase: Für 35 der mehr als 110 Filialen gibt es nach Unternehmensangaben voraussichtlich Käufer. Dabei geht es nicht nur um Immobilien oder Markenrechte, sondern um einen möglichst vollständigen Betriebsübergang an Investoren, die die jeweiligen Standorte sowie die dort beschäftigten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter übernehmen sollen. Der Erwerb steht laut Mitteilung teilweise unter dem Vorbehalt kartellrechtlicher Freigaben oder einer endgültigen Einigung mit den Vermietern.
Entscheidend ist dabei die konkrete Ausrichtung der Markenstrategie. Die Marken Hellweg und BayWa sollen aufgegeben werden; die Märkte sollen stattdessen von anderen Händlern fortgeführt werden. Das bedeutet für die betroffenen Regionen und Belegschaften eine doppelte Umstellung: Erst wird im Rahmen des Wechsels die Fortführung des Betriebs verhandelt, danach folgt häufig die Integration in ein anderes Sortiment- und Servicekonzept. Für die Investoren kann das attraktiv sein, weil die bestehenden Flächen in Baumarkt-nahen Standorten typischerweise bereits an Laufkundschaft und B2B-Baunachfrage angeschlossen sind, während die operativen Risiken aus dem laufenden Kostendruck herausgelöst werden.
Parallel zur Auswahl der möglichen Käufer treibt eine konkrete Wettbewerbsbewegung die Diskussion im Handel weiter: Obi hat angekündigt, bis zu zwölf Hellweg- und BayWa-Märkte in das eigene Filialnetz integrieren zu wollen. Damit zeichnet sich zumindest bei einem Teil der Standorte ein klarer Pfad vom Sanierungsszenario in den aktiven Filialbetrieb ab. Wer die übrigen Standorte übernimmt, bleibt laut Mitteilung zunächst offen. Für einige Märkte wird es hingegen enger: Wenn sich kein Investor findet, müssen diese Standorte voraussichtlich bis Ende November geschlossen werden. Für Betroffene ist damit nicht nur die Zukunft einzelner Filialen ungewiss, sondern auch die unmittelbare Planungssicherheit in den Regionen.
Der operative Hintergrund des Schritts ist dabei eng mit den im Verfahren genannten Belastungsfaktoren verknüpft. Die Unternehmen hatten unter anderem Lieferengpässe, geopolitische Unsicherheiten, eine allgemeine Konsumzurückhaltung sowie steigende Mieten und inflationsbedingte Kostensteigerungen als Gründe für die Schieflage genannt. Am 27. August wurden die Verfahren eröffnet, zum Sachwalter wurde Rechtsanwalt Stefan Denkhaus bestellt. Bereits zuvor war bekannt geworden, dass rund 340 Beschäftigte in den Unternehmenszentralen der beiden Ketten in Dortmund und Garching ihre Arbeitsplätze verlieren.
Auch die Größenordnung macht deutlich, wie stark der Umbau ausfällt: Hellweg ist den Angaben zufolge vor allem in Rhein-Ruhr und Berlin vertreten, die Firma zählt insgesamt 2.900 Beschäftigte. BayWa Bau- & Gartenmärkte folgen mit rund 1.300 Beschäftigten. Pro Filiale arbeiten im Schnitt 30 bis 35 Menschen, was bei der Zahl von 35 voraussichtlichen Übergabefällen ein erhebliches Volumen an Arbeitsplätzen in die Verhandlung schiebt. Gleichzeitig zeigt die Liste der noch problematischen Filialen, dass nicht jeder Standort in ein Übergangsszenario passt. Genau hier entscheidet sich, ob die Sanierung in Eigenverwaltung vor allem Liquidität durch Teilverkäufe organisiert oder ob sich ein weiterer Teil der Flächen schlicht nicht wirtschaftlich fortführen lässt.
Die Börsenreaktion untermauert das gespannte Marktumfeld: Die BayWa-Aktie verliert am Freitag im XETRA-Handel zeitweise 2,74 Prozent auf 2,67 Euro. Solche Kursbewegungen entstehen häufig, wenn Anleger den Pfad zwischen Restrukturierung und Stabilisierung neu bewerten – nicht nur wegen des rechtlichen Rahmens, sondern wegen der Frage, wie viele Filialen tatsächlich zu tragbaren Konditionen übernommen werden können. Für den Wettbewerb und die Branche liegt darin ein Muster: Der Baumarktsektor bleibt preissensibel, während gleichzeitig Mieten, Personalkosten und Beschaffung die Margen unter Druck setzen. Wenn Marken verschwinden und Flächen neu gemappt werden, entstehen zwar Chancen für übernehmende Händler, aber auch eine harte Integrations- und Umsetzungsphase.
Für die kommenden Wochen werden vor allem zwei Dinge zusammenlaufen: die konkreten kartellrechtlichen Freigaben bzw. Vermieter-Einigungen bei den Übergängen und die Frage, welche Standorte ohne Käufer bis Ende November schließen müssen. Unklar bleibt, wie viele der gekündigten Mitarbeitenden am Ende tatsächlich in Fortführungspläne einbezogen werden, denn laut Mitteilung wurden die betroffenen Beschäftigten bereits gekündigt, „da nicht absehbar ist, für welche der verbliebenen Filialen noch eine Fortführungslösung gefunden werden kann“. Während Gespräche mit potenziellen Erwerbern laufen, wird sich damit sehr praktisch entscheiden, ob der Sanierungsansatz über Teilübernahmen in eine geordnete Marktbereinigung mündet – oder ob der Handel die Filiallandschaft stärker neu ordnen muss, als es die anfänglichen Käuferpfade vermuten lassen.
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