MÜNSTER / LONDON (IT BOLTWISE) – Die EU erhöht den Druck auf China wegen des Handelsdefizits, das laut Ursula von der Leyen derzeit rund eine Milliarde Euro pro Tag beträgt. Sie stellt in Aussicht, die vorhandenen Schutzinstrumente vollständig auszuschöpfen, falls in den laufenden Gesprächen kein Durchbruch gelingt. Gleichzeitig weitet die EU ihre Handelsverteidigung aus: 2025 wurden 30 Verfahren gestartet und die Frist für Gespräche mit Peking läuft bis Oktober. In Deutschland wächst derweil die Forderung nach schnelleren Anti-Dumping- und Anti-Subventions-Maßnahmen, während Zulieferer unter dem Wettbewerbsdruck leiden.

Der Ton ist deutlich härter geworden, und er zielt nicht nur auf Zölle als Hebel. In ihrer Ansprache vor französischen Unternehmern hat Ursula von der Leyen die bisherige Wohlstandslogik der EU als ausgedient dargestellt: billige Energie, offener Welthandel und militärischer Schutz durch die USA hätten als Fundament an Belastbarkeit verloren. Den Kern der politischen Begründung liefert sie mit einer Kennzahl, die als Verlaufssignal verstanden werden soll: Das Handelsdefizit der EU mit China liege derzeit bei rund eine Milliarde Euro pro Tag. Damit verschiebt sich die Debatte von „Wie schlimm ist die Lage?“ hin zu „Welche Instrumente greifen jetzt konkret – und wie schnell?“, was auch für Industrien mit langer Vorlaufzeit wie dem Maschinen- und Automobilbau relevant ist.
Ökonomisch führt die EU-Kommission den verschärften Kurs auf Wettbewerbsverzerrungen zurück, die sich aus ihrer Sicht durch staatliche Unterstützung chinesischer Unternehmen verstärken. Von der Leyen nannte dabei eine Spannweite, die politisch vor allem als Argumentationshilfe dient: In den OECD-Staaten erhalten demnach chinesische Unternehmen bis zu achtmal höhere Subventionen als ihre Konkurrenten. Als Folge erwartet die Kommission nicht nur sinkende Marge, sondern messbare Marktanteilsgewinne. Berichten der OECD zufolge lassen sich fast 60 Prozent der Zuwächse chinesischer Hersteller auf diese Subventionen zurückführen. Für die technische Planung in europäischen Werken bedeutet das: Handelsmaßnahmen werden zu einem Faktor in der Beschaffungs- und Produktionskette, nicht nur zu einem Thema für die Zollabteilung.
Die Konfliktlinie wird zugleich über Rohstoffe und Energiepreise „verstetigt“. Bei kritischen Rohstoffen liegt die Importabhängigkeit der EU von China bei über 80 Prozent, bei Seltenen Erden sogar bei 90 Prozent. Das ist mehr als eine Lieferkettenfrage: Seltene Erden sind in vielen High-Tech-Komponenten indirekt eingebaut, von Magneten bis zu weiteren Spezialanwendungen. Hinzu kommt der Energiepreisvergleich, der in der EU-Debatte als Wettbewerbsnachteil wirkt: In Europa sollen die Energiepreise aktuell zwei- bis dreimal so hoch ausfallen wie in den USA oder China. Wenn dann Handelsverteidigung und Subventionskontrolle greifen, verschiebt sich der Fokus in Unternehmen oft von Optimierung auf Kostenebene hin zu Resilienzplanung – also der Frage, wie man auch unter politischen Rahmenwechseln stabile Beschaffung und Fertigung sicherstellt.
Konkrete Schritte zeigt die EU bereits an. Im Jahr 2025 wurden den Angaben zufolge 30 neue Handelsverteidigungsverfahren eingeleitet, und für laufende Verhandlungen mit Peking wurde eine Frist bis Oktober gesetzt. Parallel wurde seit Ende Oktober 2024 eine Zollschwelle auf chinesische Elektroautos gezogen: Zölle von bis zu 35,3 Prozent sind bereits eingeführt. Zudem werden Importquoten für Bereiche wie Chemie, Stahl, Maschinenbau und die Automobilindustrie erwogen. Solche Mechanismen wirken in der Praxis unterschiedlich schnell: Zölle erhöhen die Kosten direkt, während Quoten und lokale Vorgaben (wie diskutierte Local-Content-Kriterien) typischerweise erst durch Anpassungen in Lieferverträgen, Produktionsstandorten und Planungszyklen spürbar werden. Für IT-lastige Produktionsumgebungen heißt das auch: ERP-, Controlling- und Compliance-Workflows müssen in vielen Unternehmen kurzfristig „handelstauglich“ gemacht werden, selbst wenn die eigentliche Fertigung später umgestellt wird.
In Deutschland verdichtet sich der Druck, weil der Handelskonflikt nicht abstrakt bleibt. Das Handelsdefizit Deutschlands mit China erreichte 2025 einen Rekordwert von 89,3 Milliarden Euro, also eine Steigerung um 22 Milliarden Euro. Dabei legten die Importe um 8,8 Prozent zu, während die Exporte nach China um 9,7 Prozent sanken. Vertreter von CDU/CSU und SPD forderten bei einer Klausurtagung in Münster einen verstärkten Schutz der deutschen Industrie, einschließlich schnellere Anti-Dumping- und Anti-Subventions-Maßnahmen sowie Local-Content-Kriterien für die Förderung von Elektrofahrzeugen. Der Chef von Volkswagen brachte das Konzept „Level Playing Field“ in den Vordergrund und verlangte faire Wettbewerbsbedingungen im bilateralen Handel. Damit rückt auch die Zulieferstruktur in den Fokus, denn wenn Wertschöpfungsketten unter Preisdruck geraten, werden zuerst Vorleistungs- und Skaleneffekte „gekappt“ – etwa durch Produktkonsolidierung oder Produktionsanpassung.
Dass dieser Druck real spürbar wird, zeigt sich besonders bei Autozulieferern. Branchenverbände wie CLEPA berichten von angekündigten Streichungen von 104.000 Stellen in den Jahren 2024 und 2025, bis 2030 könnten bis zu 350.000 Arbeitsplätze gefährdet sein. Die Produktivitätsspanne wird dabei als zusätzlicher Treiber beschrieben: Während chinesische Zulieferer einen Gewinn von 30.320 Euro pro Mitarbeiter erwirtschafteten, liegt dieser Wert bei deutschen Unternehmen lediglich bei 4.190 Euro. In so einer Konstellation reicht allein „besseres Produkt“ oft nicht aus, wenn Stückkosten, Finanzierungskosten und Marktvolumen in unterschiedlichen Regimen entstehen. Gleichzeitig versucht China, die Effizienz der Exporte zu erhöhen – ein Beispiel ist die Arktisroute: Das Containerschiff „Dubai Tower“ nutzt derzeit erstmals diesen Weg, um Batterien und Photovoltaikmodule von Qingdao nach Europa zu transportieren. Laut den Angaben verkürzt sich die Transitzeit auf etwa 20 Tage gegenüber 30 bis 40 Tagen über den Suezkanal, was vor allem für Taktung, Bestandsplanung und Lieferverträge relevant ist.
Auch die EU versucht, kurzfristiger zu wirken – diesmal auf sehr kleine Sendungen. Seit dem 1. Juli wird demnach eine Zollgebühr von drei Euro auf Kleinsendungen bis 150 Euro erhoben; im Ergebnis sank das Importvolumen von Billigartikeln um 30 bis 40 Prozent. Bei Anbietern wie Temu und AliExpress brachen die Verkaufsvolumina in einzelnen Märkten zwischen 15 und 50 Prozent ein. Für die operative Seite ist das ein Hinweis, dass Handelsmaßnahmen nicht nur große Industriegüter betreffen, sondern auch den Online-Handel und damit indirekt Logistik- und Fulfillment-Ketten. Eine umfassende EU-Zollreform ist für 2028 geplant. Für Unternehmen heißt das: Strategien rund um Herkunftsnachweise, Warenklassifizierung und Liefermodell-Entscheidungen müssen künftig mit höherer Frequenz überprüft werden, weil sich der politische und regulatorische Rahmen in mehreren Stufen (Zollhöhe, Quoten, Reformkalender) über die nächsten Jahre hinweg anpasst.
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