MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die ESC hat ihre Leitlinien zum Management der Herzinsuffizienz aktualisiert und die Klassifikation deutlich gestrafft. HFmrEF mit 41 bis 49 Prozent LVEF fällt weg, ab sofort wird nach einer Grenze von 50 Prozent LVEF zwischen HFrEF und HFpEF unterschieden. Gleichzeitig ändern sich Terminologie und Staging, um die Versorgung künftig näher an der klinischen Evidenz auszurichten.

Mit der Vorstellung der aktualisierten ESC-Leitlinien zum Management der Herzinsuffizienz auf dem ESC-Kongress Ende August 2026 in München steht vor allem eine Frage im Mittelpunkt: Lässt sich die Einteilung der Erkrankung so vereinfachen, dass sie im klinischen Alltag weniger Uneindeutigkeiten erzeugt und Therapieentscheidungen schneller, aber auch konsistenter ausfällt? Laut der zugrundeliegenden Richtlinie werden Klassifizierung, Terminologie und Teile der Standardtherapie in mehreren Punkten neu geordnet. Der Kernansatz dahinter ist eine stärkere Trennschärfe der Phänotypen und die Anpassung an die Entwicklung der klinischen Datenbasis.
Die sichtbarste Änderung betrifft die Einteilung nach der linksventrikulären Ejektionsfraktion (LVEF). Die frühere Kategorie der Herzinsuffizienz mit leichtgradig reduzierter Pumpfunktion (HFmrEF), die einen LVEF-Bereich von 41 bis 49 Prozent abdeckte, wird in den Leitlinien vollständig gestrichen. Künftig soll die Einordnung nur noch in zwei Phänotypen erfolgen: Patienten mit einer LVEF unter 50 Prozent werden als HFrEF (Heart Failure with reduced Ejection Fraction) klassifiziert. Liegt die LVEF bei 50 Prozent oder darüber, wird die Erkrankung als HFpEF (Heart Failure with preserved Ejection Fraction) beschrieben. Diese Umstellung zielt darauf, die Zuordnung zu vereinheitlichen, gerade weil die LVEF-Messung in der Praxis oft wiederholt und je nach Messmodalität variieren kann.
Auch die Sprache der Leitlinie wird angepasst, um den tatsächlichen Zustand besser abzubilden. Der bislang gebräuchliche Begriff „akute“ Herzinsuffizienz wird durch „dekompensierte“ Herzinsuffizienz ersetzt. Fachlich ist damit weniger ein reines Labeling gemeint als eine präzisere Beschreibung des pathophysiologischen Verlaufs: Dekomensation steht für die klinische Verschlechterung mit entsprechenden Symptomen und hämodynamischen Konsequenzen. Dazu kommt ein neues Staging-System, das die Stadien A bis D umfasst. Diese Struktur ordnet den Verlauf vom Risiko bzw. der früheren Expositionssituation bis hin zum fortgeschrittenen Stadium der Herzinsuffizienz und soll damit die Versorgung über alle Phasen hinweg besser in eine nachvollziehbare Logik bringen.
Auf der therapeutischen Ebene markiert die Leitlinienfassung 2026 auch eine Zäsur in der Pharmakotherapie. In der medikamentösen Behandlung gilt das Ende der bisherigen Abkürzung GDMT (Guideline-Directed Medical Therapy) als Signal für einen neuen Fokus in der Begrifflichkeit und Organisation der Behandlungsklassen. Stattdessen werden neue Therapie-Bausteine mit den Kürzeln FMT, AMT und GDIT eingeführt. Besonders relevant ist dabei der Ausbau bewährter Wirkstoffgruppen: Mineralokortikoid-Rezeptor-Antagonisten (MRA) erhalten eine Klasse-I-Empfehlung, und zwar unabhängig davon, wie die gemessene LVEF ausfällt. Für viele Behandler ändert sich damit nicht nur die Dokumentation, sondern auch die Erwartung, welche Therapieelemente in welchem Phänotyp systematisch berücksichtigt werden.
Für HFpEF-Patienten mit zusätzlicher Adipositas nennt die Leitlinie zudem neue Optionen. Semaglutid und Tirzepatid werden mit einer Klasse-IIa-Empfehlung in den Behandlungskatalog aufgenommen. Das passt in einen breiteren Trend, bei dem Stoffwechselparameter nicht mehr nur als Komorbiditäten am Rand betrachtet werden, sondern stärker in die integrierte Therapieplanung einfließen. Parallel wird auch der Einsatz von Herzglykosiden präzisiert: Bei einer LVEF von 40 Prozent oder weniger und fortbestehenden Symptomen trotz FMT-Behandlung werden diese Wirkstoffe mit Klasse IIa empfohlen. Damit entsteht eine klarere Entscheidungslogik, wann trotz bereits laufender Standardbestandteile noch eine zusätzliche Option in Betracht gezogen werden soll.
Neben Medikamenten spielt in den Leitlinien-Updates auch die Steuerung der Risikofaktoren eine Rolle, und hier ist vor allem der Blutdruck als Langzeithebel relevant. In der Versorgungspraxis wird der Blutdruck zwar routinemäßig gemessen, aber das Risiko entsteht häufig in dem Moment, in dem er nicht optimal eingestellt ist oder Zielbereiche nur teilweise erreicht werden. In vielen Behandlungsschemata wirkt sich eine konsequente Steuerung von Blutdruckwerten indirekt auf Entlastung und Symptomkontrolle aus, weil Belastungen für das Herz und das Gefäßsystem reduziert werden. Für die Umsetzung bedeutet das: Die neue Klassifikation und das neue Staging sind nur dann hilfreich, wenn die strukturierten Therapie- und Monitoring-Routinen auch organisatorisch sauber in den Alltag übergehen.
Unter der Oberfläche bringt die Aktualisierung schließlich Änderungen bei der Bewertung von klinischen Daten mit: Das Evidenzlevel B1 wird als neuer Standard eingeführt. Dadurch kann sich verschieben, welche Informationen in den Leitlinien in welcher Gewichtung ankommen, insbesondere bei Empfehlungen, die an spezifische Bedingungen geknüpft sind. Um die Lücke zwischen Fachsprache und Patientenverständnis zu schließen, wurde neben der Fachfassung auch eine Patientenversion der Leitlinie bereitgestellt. Damit soll die Adhärenz gefördert und die neue Behandlungslogik verständlicher gemacht werden, gerade weil sich Terminologie und Klassifizierungsgrenzen deutlich verändert haben. An der Erstellung der umfassenden Neuregelungen war unter anderem Ovidiu Chioncel beteiligt.
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