LONDON (IT BOLTWISE) – Gen Z koppelt den Ursprung des Einkommens zunehmend von der Frage ab, ob Arbeit „seriös“ wirkt. In dem Konzept der „Production Nihilism“ beschreibt die Ökonomin Alice Lassman, wie unsichere Jobs, fehlende Langfristperspektiven und KI-gestütztes Arbeiten die Bindung an klassische Karrieren lockern. Statt auf den Aufstieg über Jahre zu setzen, verschieben viele die Motivation in Side Hustles, Autonomie und Identität. Damit sinkt auch die Bedeutung, ob Einnahmen aus Handel, Plattformarbeit oder neuen Creator-Modellen kommen.

Warum Gen Z egal findet, woher ihr Einkommen kommt – und wie KI daran dreht
Warum Gen Z egal findet, woher ihr Einkommen kommt – und wie KI daran dreht (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte wirkt auf den ersten Blick wie ein Kulturkommentar, ist aber in Wahrheit auch eine Frage nach Systemdesign: Wenn der klassische, lineare Weg zu Wohlstand als unzuverlässig erlebt wird, verändert sich nicht nur, was Menschen verdienen, sondern auch, wie sie die „Bedeutung“ ihrer Arbeit bewerten. Alice Lassman, Ökonomin und Autorin des Substack „The Intimacy Economy“, beschreibt in diesem Kontext die Idee der „Production Nihilism“: eine wachsende Indifferenz gegenüber genau den Arbeiten und Einnahmequellen, die zuvor mit Stabilität, Karrierepfaden und gesellschaftlicher Anerkennung verbunden waren. Die Beobachtung trifft einen Nerv, weil sie die Ökonomie nicht am Konsum aufhängt, sondern an der Frage, wie Einkommen überhaupt produziert wird.

Technisch betrachtet lässt sich diese Verschiebung an den Arbeitsmodellen ablesen, die sich auf Plattformen bündeln und dadurch Risiken für Einzelne umverteilen. Lassman nennt als Beispiel das „Polyworking“: Neben- oder Mikro-Einkommen werden so organisiert, dass sie nicht mehr zwingend auf einen einzigen Arbeitgeber als sichere Basis angewiesen sind. In diesem Umfeld werden auch Tätigkeiten sichtbar, die frühere Karriereberater kaum antizipieren konnten – etwa das Training von großen Sprachmodellen durch Beschäftigte in wissensnahen Berufen oder das datengetriebene Arbeiten in Creator-Ökonomien. Parallel dazu entstehen visuell und operativ leicht zugängliche Routen, über die Einkommen schneller fließt: Die Aufmerksamkeit wird zur knappen Ressource, die Tools und Plattformen in planbare Umsätze übersetzen, und die „Routine“ der Arbeit lässt sich häufig auf einzelne Produktionszyklen herunterbrechen.

Die zentrale These dahinter lautet: Sobald langfristige Ziele weniger realistisch wirken, bricht auch die Bereitschaft zusammen, auf eine „gute Zukunft“ zu warten. Lassman setzt diese Diagnose mit konkreten Befunden an, etwa mit dem Hinweis, dass nur 6% der Gen Z eine Führungsposition als primäres Karriereziel sehen. Gleichzeitig verweist sie auf eine hohe Quote von Side Hustles: 57% der Gen Z berichten, einen Nebenerwerb zu haben, deutlich mehr als bei Babyboomern. Auf dieser Basis funktioniert die Logik von „finanziellen Ankern“: Der Day Job übernimmt die Miete, während Side Gigs Identität, Flexibilität oder Autonomie liefern. Dazu passt auch die von Lassman beschriebene Verschiebung in der Außenwirkung – Arbeit wird nicht nur ökonomisch, sondern sozial inszeniert, etwa so, dass sie in der Selbstdarstellung auf Plattformen besser performt als klassisches „Analyst“-Narrativ.

Hier kommt Künstliche Intelligenz als Verstärker ins Spiel – weniger im Sinne einer einzelnen Produktinnovation, sondern als Hebel in der Produktionsfunktion von Arbeit. Lassman verweist darauf, dass Unternehmen dank KI nicht mehr zwingend eine große Zahl an Einstiegsstellen brauchen, um Teams „hochzuziehen“. In der Praxis bedeutet das: Tätigkeiten, die früher stärker durch iterative, arbeitsintensive Recherche und manuelle Vorbereitung skalierten, können teilweise durch KI-gestützte Assistenz oder automatisierte Vorarbeit vorstrukturiert werden. Dadurch verschiebt sich die Wahrscheinlichkeit, dass Einstiegsarbeit als universeller Einstiegsschlüssel in stabile Rollen funktioniert. Wenn der erwartete Lern- und Karrieremultiplikator sinkt, steigt das Bedürfnis nach direkten, kurzfristig verwertbaren Ergebnissen. Genau diese Verkürzung des Zeitpfads wird im Text als kulturelle Entsprechung zu „grinden“ und „sparen“ beschrieben, aber mit dem Unterschied, dass Motivation nicht nur auf Geld reduziert wird, sondern auf Handlungsfähigkeit.

Historisch betrachtet greift Lassman mit dem Begriff „anticipatory present“ auf eine tiefere Theorie zurück: Die Gegenwart als Wartezimmer, in dem man kurzfristig aushält, weil später etwas Besseres kommt. Wenn die Zukunft diese Rolle nicht mehr erfüllt, entsteht eine Art Wert-Verschiebung. Lassman verknüpft das zusätzlich mit einer kulturellen Linie, in der die Kommodifizierung von Lebenszeit und Körperlichkeit bereits in der Nachkriegszeit thematisiert wurde. Ihr Rückgriff auf Jean-Luc Godards Film „Two or Three Things I Know about Her“ dient dabei als Spiegel: Im Kern ging es um die Optimierung verfügbaren Kapitals, um ein Lebensmodell aufrechtzuerhalten, das aggressiv vermarktet wird. Was in dem op-ed-Argument neu wirkt: Gen Z wird als aktive Seite dieser Optimierungslogik dargestellt – weniger passiv, weniger resigniert, eher als Subjekt, das die eigenen Beziehungen zur Ökonomie neu definiert.

Offen bleibt dabei eine technisch-ökonomische Kernfrage: Wie viel „Agency“ bleibt tatsächlich, wenn Plattformen, Algorithmen und KI-Workflows die Spielregeln stillschweigend vorgeben? Lassman spielt die in der Tech-Szene kursierende Idee durch, dass „high-agency“-Personen die kommende KI-Disruption überleben würden. Im Text wird diese Sicht jedoch als Antizipationsfalle interpretiert: Sie verlange Selbststeuerung gerade in einer Phase, in der viele Unsicherheiten strukturell sind. Das erklärt auch, warum die Herkunft des Einkommens weniger zählt: Wenn der Ursprung nicht mehr zuverlässig mit dem Endpunkt verknüpft ist, wird die Herkunft zu einem schwächeren Signal. In solchen Konstellationen gewinnt die Frage nach dem unmittelbaren Nutzen – Geschwindigkeit, Flexibilität, Identität – an Gewicht gegenüber der Frage, ob der Weg „klassisch“ wirkt.

Für Unternehmen und KI-verantwortliche Teams liegt darin ein praktischer Auftrag: Wer KI-Implementierungen plant, sollte nicht nur auf Effizienz schauen, sondern auf die soziale Wirkung der Produktionsänderung. Wenn KI die Einstiegsphase entwertet, entstehen Vakanzen nicht automatisch als „Fachkräftemangel“, sondern als neue Erwartungen an Rollen, Lernpfade und Mitbestimmung. Gleichzeitig bedeutet der Side-Hustle-Trend, dass Talentmärkte stärker fragmentiert sind: Beschäftigte sind nicht zwingend langfristig gebunden, sondern nutzen mehrere Kanäle. Unternehmen, die diese Realität ignorieren, werden bei Recruiting und Bindung häufiger an Grenzen stoßen. Wer hingegen Transparenz über KI-gestützte Arbeitsprozesse schafft, Lern- und Übergangspfade anbietet und die Ergebnisse schneller in nutzbare Artefakte überführt, verbessert die Anschlussfähigkeit an die neue Logik „kurzer Output, klare Autonomie“ – genau die, die Lassman als Gegenwartsmotor beschrieben hat.

Am Ende zeigt sich: „Production Nihilism“ ist nicht bloß Zynismus gegenüber Geld. Es ist eine Anpassungsbewegung an eine Welt, in der langfristige Versprechen wackeln und KI die Gewichte im Arbeitsalltag neu verteilt. Wenn die Zukunftsannahmen nicht mehr tragen, wird die Gegenwart zum Ort der Wertschöpfung – und damit auch zum Ort der Bewertung. Für Entscheider heißt das: Die Debatte um Gen Z ist auch eine Debatte um die Produktionskette von Arbeit, von Kompetenzen und von Sinn. Wer KI einführt, verändert nicht nur Prozesse, sondern auch die Narrative darüber, wofür Menschen ihre Zeit geben wollen.


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