WIESBADEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Inflationsrate in Deutschland steigt im August auf 2,9 Prozent, angetrieben vor allem durch höhere Energiepreise. Die Statistiker führen die Bewegung insbesondere auf Kraftstoffe und Heizöl zurück. Gleichzeitig bleiben Lebensmittel nahezu stabil, während die Kerninflation ohne Energie und Nahrungsmittel bei 2,4 Prozent liegt. Für die kommenden Monate rechnen mehrere Stellen mit zähem Rückgang, weil der Iran-Konflikt den Energiehandel weiter belastet.

Deutschland steht bei der Teuerung erneut unter dem Einfluss von Energiepreisen: Im August kletterte die Inflationsrate laut vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamts auf 2,9 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Für diesen Wert hatten Analysten im Schnitt eher 3,0 Prozent erwartet, nachdem die Rate im Juli bei 2,8 Prozent lag. Damit rückt nicht nur die Schwelle zur Drei-Prozent-Marke wieder näher, auch die Zusammensetzung der Preisbewegung ist klar: Während Energie stärker nach oben zeigt, bleibt der Preisdruck in anderen Kategorien vorerst vergleichsweise gedämpft.
Technisch betrachtet lässt sich die Veränderung an der Warenkorbstruktur ablesen. Die Inflation im August wird im Kern auf „stärker gestiegene Preise für Kraftstoffe und Heizöl“ zurückgeführt, so erläuterte es Silke Tober vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung. Dass die Gesamtinflation trotz hoher Energiekomponente nicht weiter explodiert, liegt auch daran, dass Nahrungsmittel nur minimal zulegen: Lebensmittel verteuerten sich im August lediglich um 0,1 Prozent. In den drei Monaten zuvor lagen die entsprechenden Zuwächse dagegen jeweils bei 0,4 Prozent, was die aktuelle Seitwärtsbewegung im Nahrungsmittelblock unterstreicht. Zudem stiegen die Verbraucherpreise von Juli auf August insgesamt um 0,2 Prozent.
Der Blick auf die Kerninflation macht deutlich, dass sich die Dynamik nicht allein auf den Energiesektor beschränkt. Die sogenannte Kerninflation ohne Nahrungsmittel und Energie verharrte demnach im August bei 2,4 Prozent. Diese Kennzahl ist für die Geldpolitik besonders relevant, weil sie den Einfluss kurzfristiger Rohstoff- und Wettereffekte ausblendet und eher zeigt, wie stark Löhne, Dienstleistungen und „durchgerechnete“ Kosten in die Endpreise wirken. Bei Dienstleistungen ist der Preisauftrieb zudem weiterhin spürbar: Im August setzte sich der Trend zu einem nachlassenden Preisauftrieb bei Dienstleistungen zwar fort, dennoch lagen die Preise hier um 2,8 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats. Tarifbeschäftigte könnten daraus die Hoffnung ableiten, dass sie nach Abzug der Inflation in diesem Jahr leicht mehr Spielraum haben.
Die zukünftige Richtung hängt allerdings eng an der Energie- und Geopolitik-Komponente. Laut Einschätzung der Bundesbank könnte es in den nächsten Monaten vorübergehend weiter teurer werden, weil der Iran-Konflikt fortbesteht und die für den internationalen Energiehandel wichtige Seeroute durch die Straße von Hormus faktisch blockiert bleibt. Autofahrer bekommen das Thema laut ADAC „an der Zapfsäule“ zu spüren, und der ADAC hält fest, dass 2026 das bislang teuerste Tankjahr werden könnte. Entscheidend ist hierbei der zweite Effekt: Selbst wenn Energie zunächst die unmittelbare Preiskomponente liefert, steigen mit anhaltend hohen Energiepreisen oft auch andere Kostenblöcke. Dazu zählen Transport und Kühlung von Lebensmitteln ebenso wie die Folgen von Hitze und Trockenheit, die Ernten beeinträchtigen können.
Entsprechend skeptisch fällt auch das Timing beim Abbremsen aus. Elmar Völker, Analyst bei der LBBW, formulierte es so: „Die schlechte Nachricht ist, dass eine schnelle Entspannung nicht in Sicht ist, so dass die Inflation im Herbst abermals über 3 Prozent klettern könnte. Die gute Nachricht ist: Höhere Inflationsraten setzen sich bis dato nicht in der Breite des Preisgefüges fest.“ Parallel dazu verweist Michael Herzum, Leiter Volkswirtschaft beim Fondsanbieter Union Investment, auf einen zähen Rückgang: „Der Rückgang der Teuerung wird allerdings zäh. Höhere Kosten stecken weiterhin in Teilen des Warenkorbs, vor allem bei Nahrungsmitteln und Gütern mit hohen Transportkosten“. Auch Michael Heise, Chefvolkswirt beim Vermögensverwalter HQ Trust, sieht bei Dienstleistungen kurzfristig wenig Entspannung und verweist auf anhaltenden Preisdruck: „Bei den Dienstleistungen ist kurzfristig kaum mit einer deutlichen Entspannung zu rechnen. Steigende Erzeugerpreise sprechen auch bei Waren für anhaltenden Preisdruck.“ Diese Aussagen bündeln damit zwei Beobachtungen: Erstens wirkt Energie kurzfristig, aber zweitens können Kostenpfade über Vorprodukte und Logistik in den stationären Preisauftrieb hineinwirken.
Mit Spannung wird zudem die Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) erwartet. Weil auch die Inflation im Euroraum zuletzt im Juli auf 2,9 Prozent stieg, gehen Volkswirte davon aus, dass die EZB bei ihrer nächsten Sitzung am 10. September die Leitzinsen zum zweiten Mal in diesem Jahr anheben wird. Der klassische Mechanismus dahinter: Höhere Zinsen dämpfen die Inflation, weil Kredite teurer werden und dadurch Nachfrage und Preiszuwächse gebremst werden. Die EZB zielt mittelfristig auf 2,0 Prozent Teuerung ab; aktuell liegt der Einlagenzins im Euroraum bei 2,25 Prozent. Isabel Schnabel, Direktoriumsmitglied der EZB, sagte in einem Interview, dass es „unwahrscheinlich“ sei, dass die Inflation mittelfristig auf das 2,0-Prozent-Ziel zurückkehre, und führte daraus ab, dass „eine weitere Straffung erforderlich sein“ werde.
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