BRÜSSEL / LONDON (IT BOLTWISE) – Die EU-Kommission stuft ChatGPT künftig als „sehr große Suchmaschine“ ein und bindet das KI-Sprachmodell damit an die strengsten Pflichten des Digital Services Act. Grundlage ist, dass die EU die Nutzer-Schwelle von durchschnittlich 45 Millionen in der EU überschritten sieht. Für OpenAI und auch andere betroffene Plattformen startet nun eine konkrete Umsetzungsphase bis Ende November. Zentral sind zusätzliche Anforderungen beim Umgang mit illegalen Inhalten sowie beim Schutz von Minderjährigen.

Die Einstufung von ChatGPT als „sehr große Suchmaschine“ markiert einen Wendepunkt für die KI-Regulierung in Europa: Die EU-Kommission macht die Aufsicht nicht an Produktkategorien fest, sondern an der Reichweite. Hintergrund ist, dass der Digital Services Act (DSA) für Dienste mit besonders großer Nutzerbasis verschärfte Pflichten vorsieht. Im konkreten Fall bedeutet das, dass ein KI-Sprachmodell mit seiner Funktion als massenhaft genutztes Interaktions- und Abrufsystem in denselben Regulierungsrahmen rutscht wie große Plattformen mit Such- und Verbreitungsfunktionen.
Die EU begründet die Einstufung mit der überschrittenen Schwelle von durchschnittlich 45 Millionen Nutzern in der EU. In der Darstellung der Brüsseler Behörden heißt es, ChatGPT habe diese Marke erreicht und falle damit unter den DSA-Mechanismus für die „sehr großen“ Dienste. Dass der Dienst diese Reichweite nicht erst seit Kurzem erreicht, wird zudem mit Zahlen untermauert: Für 2025 nennt das Unternehmen gemeldete Nutzerwerte von deutlich über 100 Millionen aktiven monatlichen Nutzern. Damit erhält die Aufsicht einen klaren Hebel, weil die Einstufung an messbaren Nutzerdimensionen hängt und nicht an einer Einschätzung, wie „strategisch“ oder „risikoreich“ ein Modell wirken könnte.
Technisch betrachtet verschiebt sich dadurch der Fokus von reiner Modellqualität hin zu Betriebspflichten. Der DSA zielt weniger darauf, wie ein KI-Modell trainiert wurde, sondern darauf, wie ein Dienst die von Nutzern erzeugten und angefragten Inhalte verarbeitet, bewertet, anzeigt und gegebenenfalls filtert. Genau in diesem Zusammenspiel setzen die Auflagen an: Laut EU-Logik geht es um Maßnahmen gegen die Verbreitung illegaler Inhalte, um Mechanismen zur Risikoreduktion und um die Vermeidung potenziell negativer Auswirkungen auf Grundrechte, Wahlprozesse sowie die öffentliche Sicherheit. Für Unternehmen ist das eine andere Art von „Compliance“ als klassische Modell-Governance, weil sie stärker an Prozesse, Nachweise und koordinierte Aufsicht gekoppelt ist.
Der DSA gilt seit Februar 2024 und wurde laut EU bereits als „scharfes Schwert“ in mehreren Fällen genutzt. Die Brüsseler Internetwächter haben demnach auf Basis des Gesetzes zahlreiche Verfahren eröffnet, etwa gegen TikTok, Facebook, Instagram, Snapchat und große Pornoplattformen. Auch bei Geldbußen hat die Kommission bereits vorgelegt: Gegen das soziale Netzwerk X sowie gegen die Online-Händler Temu und AliExpress verhängte die EU-Kommission Millionenstrafen, weil die Unternehmen nach Ansicht der Behörde trotz Ermahnungen die Regeln nicht ausreichend eingehalten hätten. Diese Vorgeschichte ist wichtig, weil sie zeigt, dass die Einstufungslogik nicht nur abstrakt ist, sondern in konkrete Durchsetzungsmaßnahmen übergehen kann.
Neben ChatGPT sind weitere Dienste als „sehr große Online-Plattformen“ beziehungsweise „sehr große Suchmaschinen“ relevant. genannt werden unter anderem Reddit und Roblox: Reddit steht für Diskussionsforen in themenbezogenen Communities, Roblox für die Entwicklung und das gemeinsame Spielen von Videospielen. Die EU argumentiert dabei funktional: Da solche Dienste es Nutzern ermöglichen, Inhalte Dritter öffentlich zu verbreiten, gelten sie im DSA-Sinne als Plattformen. Bei der Durchsetzung soll die EU-Kommission außerdem mit zuständigen nationalen Behörden zusammenarbeiten. Im Fall von ChatGPT und Reddit nennt die EU die irische Aufsicht als zuständig, bei Roblox die niederländische Medienaufsicht. Für Betreiber ist das insofern relevant, als Prüf- und Vollzugsdruck dadurch nicht nur „zentral“ aus Brüssel kommt, sondern in ein bestehendes Netz nationaler Kompetenzen eingebettet wird.
Für die betroffenen Unternehmen startet nun eine Umsetzungsphase: Sie haben bis Ende November Zeit, um den verschärften Auflagen gerecht zu werden. Damit entsteht ein klarer Zeitkorridor für technische und organisatorische Nacharbeiten, etwa bei der Stärkung von Verfahren gegen illegale Inhalte, bei Systemen zum Minderjährigenschutz und bei der Risikoanalyse entlang der im DSA genannten Schutzgüter. Aus Marktsicht ist das auch deshalb ein Beschleuniger, weil „sehr große“ Dienste typischerweise große Nutzerzahlen, komplexe Content-Ökosysteme und internationale Betriebsmodelle haben. Wer diese Schwelle erreicht, muss nicht nur einzelne Features nachziehen, sondern die Gesamtheit der relevanten Prozesse auditierbar machen.
Für den KI-Standort Europa ist die Entscheidung zugleich ein Signal an den gesamten KI-Stack. Selbst wenn der DSA nicht im Kern ein KI-spezifisches Gesetz ist, beeinflusst er die Betriebsrealität von KI-Anwendungen: Interaktionen werden zu einer regulierten Dienstleistung, nicht nur zu einer rein technologischen „Beta“-Erfahrung. In der Praxis heißt das, dass KI-Entwicklung und KI-Betrieb stärker zusammenrücken müssen: Risikoanalysen, Moderations- und Eskalationspfade, Nutzer- und Zielgruppen-Schutz sowie Reaktionsfähigkeit auf Vorfälle werden zu zentralen Bausteinen. Die Einstufung von ChatGPT zeigt damit, wie schnell die EU Aufsicht von klassischen Plattformen auf KI-basierte Massenkommunikation ausdehnt – und wie sehr Unternehmen künftig darauf achten müssen, dass Reichweite, Betrieb und Nachweisführung gemeinsam gedacht werden.
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