DESSAU / LONDON (IT BOLTWISE) – Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt stellt die AfD das Bauhaus als „Irrweg der Moderne“ in Frage und koppelt das Erbe der Schule an einen Identitätsstreit. Befürworter warnen vor einer Wiederholung historischer Muster, als Nationalsozialisten das Bauhaus aus politischen Gründen attackierten und schließlich schlossen. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer fordert deshalb, die Finanzierung der Bauhaus-Institution in Dessau auch im Fall einer AfD-Regierung abzusichern. Zugleich formiert sich um das Bauhausfest in Dessau ein Signal für „experimentelles Denken“ und demokratisches Miteinander.

Rund um die Bauhaus-Idee entzündet sich vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ein Kulturkampf, der weit über Architekturgeschichte hinausgeht. Die AfD bezeichnet das Bauhaus als „Irrweg der Moderne“ und richtet damit ihre Debatte nicht nur gegen einzelne Stilmittel, sondern gegen einen gesellschaftlichen Anspruch, der seit der Gründung 1919 in Weimar mit dem Namen Walter Gropius verbunden ist. Das Bauhaus verstand sich damals als Bindeglied zwischen Handwerk, Kunst, Architektur und dem alltäglichen Leben – als eine Art Versuchslabor für eine neue Gestaltung der Gesellschaft. Genau diese Verknüpfung, so die Gegenposition, macht das Thema heute politisch so anschlussfähig: Wer das Bauhaus angreift, diskutiert im Kern auch, welche Kultur für eine offene Demokratie stehen soll.
Historisch ist der Konflikt dabei nicht aus der Luft gegriffen. In der NS-Zeit wurde das Bauhaus aus rechtsextremen Kreisen heraus zunächst massiv delegitimiert und später institutionell unter Druck gesetzt; in Dessau endete der Betrieb schließlich, nachdem der Gemeinderat auf Antrag der NSDAP die Schließung beschlossen hatte. Dass die AfD das Thema jetzt wieder aufgreift, wirkt für viele Kulturakteure wie eine unheilvolle Wiederbelebung alter Argumentationsmuster. Die Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau, Barbara Steiner, bringt die Lage dabei nüchtern in eine politische Konsequenz übersetzt: Sollte die AfD deutlich zulegen, werde das Folgen haben – nur sei noch unklar, in welchem Ausmaß.
Technisch im engeren Sinne ist das Bauhaus zwar keine Technologie-Plattform, aber seine Methodik lässt sich als „Designsystem“ der Moderne beschreiben: Reduktion, klare Strukturen, funktionale Gestaltung und die Idee, Form und Funktion sowie Kunst und Handwerk zusammenzuführen. Die AfD kritisiert hingegen den „global verbreiteten“ Bauhaus-Stil als vermeintlichen Uniformitätsfaktor und argumentiert mit Begriffen wie „Einheitsbrei“ und „historischen Bausünden“. Besonders bemerkenswert ist, wie stark die Landeskampagne an die Bauhaus-Ästhetik anlehnt und gleichzeitig in eine Umdeutung der „Moderne“ hineinläuft: Die Debatte um den Kampagnen-Hashtag und das geplante „Umbenennen“ zeigt, wie Kulturpolitik hier zur Symbolpolitik wird. Statt um die praktische Wirkung von Gestaltung geht es offenbar um die Deutungshoheit, welche Traditionen gelten dürfen.
Für den aktuellen Wahlkampf bekommt diese Symbolik zusätzlichem Gewicht durch die öffentliche Mobilisierung. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, parteilos, betont, dass die Finanzierung der Bauhaus-Institution in Dessau auch dann gesichert sein müsse, falls die AfD in eine Regierungsverantwortung kommt. In dieser Linie fordert Weimer zugleich eine klare Distanz zu der parteipolitischen Lesart des Bauhauses. Das Bundesweite „Bauhaus-Manifest“, das er angestoßen hat, macht dabei nicht nur die Kulturinsitution selbst zum Thema, sondern wirbt für eine Freiheit der Kunst und eine weltoffene Gesellschaft; die AfD wird in dem Papier ausdrücklich nicht erwähnt. Aus Sicht vieler Unterstützer ist genau diese Abstraktion entscheidend: Sie soll verhindern, dass das Bauhaus zum reinen Feindbild wird – ohne die historischen Konsequenzen zu relativieren.
Die Akteure vor Ort sehen derweil sowohl Chancen als auch Risiken. Brigitte Franzen, Direktorin des Berliner Bauhaus-Archivs, stellt fest, dass die Angriffe auf „die Moderne“ und auf experimentierfreudige Kulturprojekte nicht erst in den letzten Jahren begonnen hätten. Gleichzeitig beobachtet sie, dass die AfD das Bauhaus als weithin bekannte Marke nutzt, weil es Aufmerksamkeit erzeugt – ähnlich wie andere global bekannte Ikonen, die man aus dem Alltag kennt, ohne den ursprünglichen Kontext zu kennen. Für Franzen liegt die zentrale Streitfrage daher nicht allein darin, wie laut man reagiert, sondern wie man das Anliegen des Bauhauses aktiv in den Raum bringt: in Weimar, Dessau und Berlin soll es gerade um experimentelles Denken und demokratisches Miteinander gehen, nicht um Abwehr um jeden Preis.
Derzeit schlägt sich diese Haltung auch praktisch nieder: An den zwei Tagen unmittelbar vor der Landtagswahl wird in Dessau das Bauhausfest gefeiert, Thema ist der Zirkus. Die Stiftung beschreibt, wie Bauhäuslerinnen und Bauhäusler an der experimentellen, spielerischen und fantastischen Seite des Zirkus fasziniert waren und vor allem Gemeinschaftserfahrungen im Blick hatten. Genau dort liegt ein Kontrast zur Wahlkampflogik: Während die AfD mit „Irrweg“-Rhetorik arbeitet, versucht das Bauhausfest, das eigene Erbe als lebendige Praxis zu zeigen. Ob das reicht, um einer möglichen politischen Verschiebung entgegenzuwirken, ist offen – aber die Botschaft ist klar: Bauhaus steht für Gestaltung als gemeinschaftliche Erfahrung, nicht für Kultur als Abgrenzungsinstrument.
Für Unternehmen, öffentliche Einrichtungen und Kulturschaffende ergibt sich daraus eine konkrete Management-Frage: Wie lässt sich Kulturpolitik so begleiten, dass sie nicht in ein reines Deutungsduell kippt? Wer schon heute Förderprogramme, Museums- und Bildungskooperationen oder Architekturvermittlung plant, kann aus der Debatte lernen, dass Symbole schnell politisch aufgeladen werden. Gleichzeitig zeigt die aktuelle Mobilisierung um das Bauhaus-Manifest, dass es Alternativen zur reaktiven Debattenlage gibt – etwa durch nachvollziehbare Projektziele, öffentliche Bildungsarbeit und den sichtbaren Nachweis, dass Gestaltungsansätze gesellschaftlichen Nutzen stiften. In Sachsen-Anhalt wird sich spätestens nach der Wahl entscheiden, ob „Moderne“ als offene Inspirationsquelle oder als identitätspolitisches Problem behandelt wird.
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