LONDON (IT BOLTWISE) – Zum Jahreswechsel soll das Altersvorsorgedepot als Alternative zur Riester-Rente starten. Während konkrete Produktdetails vieler Anbieter noch fehlen, werben Banken, Neobroker und Versicherer bereits mit frühen Konditionen. Für Sparer rückt damit vor allem ein Thema in den Vordergrund: Wie stark wirken Kosten und die Auswahl der Anlageprodukte über Jahrzehnte auf die Rendite. Ob sich ein Wechsel lohnt, hängt deshalb weniger vom Werbezeitpunkt als von einem belastbaren Vergleich ab.

Die anstehende Reform der staatlich geförderten Altersvorsorge bekommt Tempo, auch wenn am Markt noch nicht überall fertige Produktunterlagen liegen. Ab dem 1. Januar 2027 soll das Altersvorsorgedepot (AV-Depot) als „Nachfolger“ der Riester-Rente funktionieren – als Standardprodukt mit einem leichter verständlichen Rahmen. Die Idee: weg von einem Modell, das zu wenig genutzt wird, hin zu einer Lösung, die für Verbraucher transparenter ist und eine bessere Balance zwischen staatlicher Förderung und Anlagerisiko schafft. Bis dahin bleibt jedoch entscheidend, dass viele Angebote erst sukzessive konkret werden, während die ersten Anbieter bereits Aufmerksamkeit über Vorregistrierungen, Wartelisten und frühe Preisankündigungen einsammeln.
Technisch und wirtschaftlich ist das AV-Depot deshalb mehr als nur ein neues Label: Es soll sowohl Varianten mit garantierter Auszahlungssumme als auch Depots ohne Garantie geben, in denen Investitionen in Fonds oder andere Anlageklassen möglich sind. Damit verlagert sich der Schwerpunkt der Produktprüfung für Sparer spürbar. Bei Riester spielte das Vertrags- und Garantiegerüst bislang eine größere Rolle, beim AV-Depot wird der Blick zwangsläufig stärker auf die tatsächlichen Anlageinstrumente und deren Kostenstruktur gelenkt. Gerade über lange Laufzeiten entstehen so Unterschiede, die sich nicht durch ein „gutes“ Einstiegsangebot kaschieren lassen, sondern sich über Jahre kumulieren.
Genau an dieser Stelle setzt der frühe Wettbewerb an – und zwar nicht nur bei Banken, sondern auch bei digitalen Sparplattformen. Ein Beispiel ist ein Neobroker, der für sein ETF-Sparen 0,15 Prozent Kosten in Aussicht gestellt und zugleich eine Vorregistrierung samt Gewinnspiel gestartet hat. Für das geplante Standarddepot kündigte der Anbieter an, im ersten Jahr keine Gebühren zu verlangen und auch die besparten ETFs im Startjahr gebührenfrei zu stellen. Parallel dazu positioniert sich auch ein klassischer Akteur mit einer Warteliste, während große Sparkassen Verbrauchern nahelegen, zeitnah einen Filialtermin zu vereinbaren. Wettbewerb kann dabei helfen, aber er erzeugt auch Handlungsdruck: Wer sich zu früh bindet, riskiert, später bessere Konditionen oder passendere Produktvarianten zu übersehen.
Aus Verbrauchersicht bleibt deshalb die Empfehlung naheliegend: Angebote vergleichen, sobald sie vollständig sind, und dabei nicht nur auf die Schlagzeilen achten. In den Aussagen einer unabhängigen Prüforganisation wird der frühe Wettbewerb zwar grundsätzlich positiv bewertet – weil ein Vertrag, der oft über Jahrzehnte laufen soll, die Kosten-, Leistungs- und Renditeparameter im Detail braucht. „Der frühe Wettbewerb ist grundsätzlich gut für Verbraucher“, sagt Saidi Sulilatu, Chefredakteur. „Gerade weil es beim AV-Depot um einen Vertrag geht, der oft über Jahrzehnte laufen soll, ist ein genauer Blick auf alle Angebote entscheidend – inklusive ihrer Kosten, Leistungen und der zu erwartenden Rendite. Der Markt entwickelt sich erst noch. Bis zum Start im Jahr 2027 bleibt genug Zeit, die Angebote in Ruhe zu vergleichen“, so Sulilatu weiter. Wichtig ist dabei vor allem die Unterscheidung zwischen Werbeversprechen für die ersten Monate und den dauerhaften Effektivkosten im Produktivbetrieb.
Dass Kostenunterschiede langfristig erheblich sein können, lässt sich an einer Modellrechnung verdeutlichen, die inhaltlich auf eine durchschnittliche Rendite von sechs Prozent pro Jahr vor Kosten abstellt und die staatlichen Zulagen als Teil des Vermögenswachstums berücksichtigt. Je nach Effektivkostenhöhe verschiebt sich das Ergebnis deutlich: Bei 0,1 Prozent Effektivkosten steigt das Vermögen auf rund 145.000 Euro, bei 0,6 Prozent auf etwa 133.000 Euro und bei einem Prozent auf rund 124.000 Euro. Solche Differenzen entstehen nicht durch „Magie“, sondern durch den Zinseszinseffekt auf die Kostenbasis: Wer über Jahre dauerhaft mehr zahlt, reduziert das Kapital, das anschließend wieder für Erträge arbeiten kann. Genau deshalb sollte der Vergleich beim AV-Depot nicht nur die Einstiegsgebühren, sondern die gesamte Kostenlogik über die Laufzeit abbilden, inklusive der Frage, welche Anlageprodukte dauerhaft verfügbar sind.
Für Riester-Sparer kommt hinzu: Der Wechsel in ein neues System ist zwar nicht an einen sofortigen Kaufzwang gekoppelt, aber in den kommenden Wochen dürfte die Zahl der konkreten Hinweise steigen. Der Markt erwartet, dass viele Riester-Kunden von ihrem Anbieter angeschrieben und über Wechselmöglichkeiten informiert werden. Ob ein Übertrag ins AV-Depot sinnvoll ist, hängt dann von der jeweiligen Ausgangslage ab – etwa davon, welche Vertragsbedingungen bisher gelten und wie die AV-Depot-Variante ausgestaltet ist, die im Einzelfall angeboten wird. In dem Zusammenhang empfiehlt eine Vergleichsmöglichkeit, die sich kostenlos online nutzen lässt, um die Frage „Lohnt der Wechsel?“ wenigstens überschlägig datenbasiert zu prüfen.
Für die Branche bedeutet der Startschuss ab 2027 auch einen strategischen Umbau: Neben Neobrokern und Banken buhlen ab Herbst zusätzlich Versicherer und weitere Finanzdienstleister um die Gunst der Kunden. Das ist logisch, weil das AV-Depot als Standardprodukt die Vertriebskanäle neu ordnet und damit Marktanteile verschieben kann. Für Sparer wiederum ist der zentrale Hebel weniger der Zeitpunkt der Werbung als die spätere Vergleichbarkeit der Konditionen: Sobald die Produktdetails verfügbar sind, sollten vor allem Effektivkosten, die konkreten Anlageoptionen und die Vertragsmechanik gegeneinander gehalten werden. Dann wird aus der Ankündigung ein Entscheidungsprozess, der dem Charakter einer Altersvorsorge gerecht wird.
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