BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der She/They-Club bringt queere Frauen* und nicht-binäre Personen zusammen, die ein Startup gründen wollen oder schon gestartet haben. Die Gründerinnen Jil Landtau und Tinush Weise kombinieren Co-Working, Networking-Events und Pitch-Formate zu einem Safer Space. Ihr Ziel ist es, Hürden beim Zugang zu Kapital und Kontakten zu reduzieren. Dabei verknüpfen sie persönliche Lernkurven mit konkreter Unterstützung wie Feedback und Masterclasses.

Wer heute ein Startup gründen will, stößt häufig auf eine unsichtbare Landkarte: nicht nur beim Produkt selbst, sondern auch bei den Menschen, die erklären, wie man an Kund: innen, Wissen und Kapital kommt. Genau an dieser Stelle setzt der She/They-Club an, ein europaweites Netzwerk für queere Frauen* und nicht-binäre Personen, das Gründungsinteressierte ebenso adressiert wie bereits aktive Founder. Jil Landtau und Tinush Weise bringen dafür nicht nur Erfahrung aus eigenen Gründungen ein, sondern auch ein Gespür dafür, wie schnell sich Isolation anfühlt, wenn die eigenen Vorbilder fehlen und typische Wege zu Netzwerken nicht zugänglich sind.
Beide nennen als Ausgangspunkt konkrete Lücken im Startup-Ökosystem. Tinush Weise beschreibt, dass sie beim Besuch eines Berliner Events 2022 schnell bemerkte, dass dort zwar über Gründung gesprochen wurde, die anwesende Community aber überwiegend aus männlich gelesenen Personen bestand. Aus dieser Beobachtung entstand die Idee zu She/They. Landtau wiederum ist über Tinush in den Club eingestiegen und führt zugleich ihr eigenes Startup Amendio weiter, das digitale Hilfe rund um Haushaltsreparaturen anbietet. In der Kombination aus persönlicher Initiative und thematischer Ausrichtung liegt ein Teil der Wirkung: Nicht nur die Idee zählt, sondern auch die Frage, wer sich sicher genug fühlt, die ersten Schritte laut auszusprechen und Feedback einzusammeln.
Technisch und organisatorisch lässt sich She/They als eine Art „Community-Infra“ begreifen, also als Infrastruktur, die auf Austausch, Wiederholung und kuratierten Kontaktpunkten beruht. Der Club organisiert Co-Working- und Networking-Events, Meet-ups, Pitch-Formate sowie Investor: innen-Dinner und Masterclasses mit Expert: innen. Besonders wichtig ist dabei der Anspruch eines Safer Space, in dem sich Mitglieder austauschen können, ohne ständig erklären zu müssen, warum sie hier sind. Für die Praxis heißt das: Wissen, Feedback und Unterstützung sind nicht als abstrakte Motivation gedacht, sondern als fortlaufender Mechanismus, der die typische Gründungsphase von „Planen und Zögern“ in „Umsetzen und Iterieren“ überführt.
Warum solche Netzwerke gerade für FLINTA*-Zielgruppen eine Schlüsselrolle spielen, begründen beide mit strukturellen Rahmenbedingungen. Tinush Weise verweist darauf, dass der Startup-Bereich laut ihren Angaben stark von cis Männern geprägt sei und der Zugang zu Kapital dadurch systematisch ungleich ausfalle: Weniger als zwei Prozent der Finanzierungen gingen an Frauen. Gleichzeitig werde der Anteil queerer Frauen* und nicht-binärer Personen statistisch nicht einmal eigens erfasst, was wiederum den Effekt hat, dass Sichtbarkeit, Messbarkeit und damit auch gezielte Förderung schwieriger werden. In der Folge entstehen ungleiche Chancen, Vorurteile und oft das Gefühl, sich „stärker beweisen“ zu müssen, während Kontakte und sichtbare Vorbilder fehlen. Gute Netzwerke können hier ganz konkret Türen öffnen – nicht, weil sie das Produkt ersetzen, sondern weil sie den Zugang zu relevanten Ressourcen beschleunigen.
Um die Wirkung greifbar zu machen, berichten Landtau und Weise von Momenten aus dem Club-Alltag, in denen aus Interesse Handlung wird. Landtau erinnert sich an ein Bar-Meet-up während des Berliner Pride Month: Viele Teilnehmende wollten gründen, hatten aber noch keine konkrete Idee oder waren unsicher, ob sie den Schritt wirklich gehen wollen. Die Gespräche hätten ihnen danach deutlich mehr Klarheit und Mut gegeben. Tinush hebt demgegenüber ein Investor: innen-Dinner hervor, bei dem rund zwanzig FLINTA*-Gründerinnen zusammenkamen: Die Stimmung sei offen und inspirierend gewesen, ähnlich wie bei regelmäßigen FLINTA*-Co-Working-Treffen. Solche Veranstaltungen sind nicht nur „Networking“ im oberflächlichen Sinn, sondern erzeugen Tempo durch soziale Nähe: Wer bereits im Gespräch merkt, dass andere ähnliche Hürden hatten, trifft schneller Entscheidungen.
Wenn es um die eigene Gründung geht, setzen die beiden Gründerinnen außerdem auf sehr praktische Prinzipien. Ihre drei Tipps lauten: Erstens langfristig denken, denn ein Startup sei kein Sprint, sondern ein Marathon; die Energie müsse sich sinnvoll aufteilen lassen und kleine Fortschritte sollten aktiv gefeiert werden. Zweitens nicht auf die perfekte Idee oder den perfekten Moment warten, weil sich „ganz bereit fühlen“ oft nicht einstellt; gleichzeitig sei Konkurrenz nicht automatisch schlecht, weil sie häufig auf einen Markt und echte Kund: innen hinweist. Drittens: ein starkes Netzwerk suchen – man müsse nicht alles allein schaffen. Genau diese Logik passt zu dem, was im Startup-Umfeld häufig zu kurz kommt: Portfolios, Prototypen und Finanzierungskanäle sind wichtig, aber ohne soziale Unterstützung bleiben Lernen, Validierung und Durchhalten deutlich schwerer.
Für Unternehmen und Investor: innen steckt in dieser Entwicklung eine klare Industriespur: Wenn Netzwerke wie She/They Gründungsgruppen sichtbar machen und Feedback-Schleifen verkürzen, profitieren die gesamte Wertschöpfungskette – von der Ideenphase bis zur Markteinführung. Der Club adressiert zudem eine Lücke, die in vielen Programmen sonst nur indirekt entsteht: Diversere Communities erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass unterschiedliche Problemstellungen überhaupt als Geschäftschance auftauchen. Gleichzeitig zeigt der Blick auf die genannten Gründungen, dass es nicht um „Marketing“ geht, sondern um konkrete Produktentwicklung und strukturierte Weiterbildung. Für die nächste Phase wird daher weniger die Frage sein, ob solche Community-Formate existieren, sondern wie konsequent sie in skalierbare Unterstützungsmechanismen überführt werden – etwa durch wiederholbare Pitch-Formate, verlässliche Feedback-Routinen und belastbare Kontaktpfade zu Finanzierung.
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