BERN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Ständeratskommission (WAK-S) schlägt bei den Eigenkapitalregeln für systemrelevante Banken eine neue 50/50-Logik vor. Auslandbeteiligungen sollen demnach zur Hälfte mit hartem Kernkapital unterlegt werden, für die andere Hälfte sind umgestaltete AT1-Anleihen vorgesehen. Hintergrund ist die Kritik am bisherigen Bundesratsentwurf, der eine volle Unterlegung mit hartem Kernkapital vorsieht. Die Reform könnte die Kostenstruktur großer Banken verändern, während die UBS-Aktie am Handelstag leicht zulegt.

Die Debatte um die Eigenkapitalregeln für systemrelevante Banken bekommt eine konkrete Kompromisslinie. Die Kommission für Wirtschaft und Abgaben des Ständerates (WAK-S) will die Stärkung des Too-big-to-fail-Dispositivs zwar erreichen, aber anders als der Bundesrat. Während der Bundesratsentwurf im Zuge der Revision des Bankengesetzes verlangt, dass Beteiligungen an ausländischen Tochtergesellschaften vollständig mit hartem Kernkapital unterlegt werden, setzt die WAK-S auf eine Aufteilung. Konkret soll die Unterlegung der Auslandbeteiligungen zu 50 Prozent mit hartem Kernkapital erfolgen, der verbleibende Anteil über AT1-Anleihen (Additional Tier 1) abgedeckt werden.
Für den Mechanismus dahinter ist entscheidend, wie schnell AT1-Instrumente in einer Krise tatsächlich zum Verlustausgleich beitragen. Kommissionspräsident Erich Ettlin erklärte am Montag in Bern vor den Medien, dass die AT1-Anleihen entsprechend umgestaltet werden sollen, sodass sie früher greifen als beim Zusammenbruch von Credit Suisse im März 2023. Damit adressiert die Kommission einen zentralen Schwachpunkt vieler Unternehmensanleihen mit Bankbezug: Nicht nur die rechnerische Anrechenbarkeit zählt, sondern auch der Zeitpunkt und die Auslösetiefe, wann Kapitalverluste sichtbar werden und wer sie trägt. Die vorgeschlagene Zweiteilung zielt also darauf, die Kapitalqualität zu verbessern, ohne den gesamten Anteil zwingend über hartes Kernkapital zu finanzieren.
Der Bundesrat wollte bei der vollen Unterlegung von Auslandbeteiligungen mit hartem Kernkapital bleiben: Bisher liegt die Anforderung laut Bericht bei rund 60 Prozent. Die WAK-S argumentiert dagegen, dass eine stärkere Belastung nicht zwangsläufig den besten Weg zu mehr Stabilität darstellt. In der Begründung wird der Charakter der kompromissartigen Lösung klar: Das Gremium bezeichnet den Ansatz als Beitrag zur Sicherung des Finanzplatzes. Bei der politischen Bewertung spielte außerdem eine sehr konkrete betriebswirtschaftliche Perspektive hinein: Ettlin machte darauf aufmerksam, dass es Geld kostet, AT1-Anleihen zu beschaffen. Gleichzeitig blieb nach seinen Angaben offen, wie hoch die Kosten für die UBS im Detail ausfallen würden, was in der Praxis den Unterschied zwischen Regeltext und tatsächlicher Ergebnisrechnung ausmacht.
Die Ausgangslage zeigt, warum dieser Punkt in Zürich und darüber hinaus so sensibel ist. Die Großbank UBS hatte sich zuvor deutlich gegen den Vorschlag des Bundesrates gewehrt, Auslandbeteiligungen zu 100 Prozent mit hartem Kernkapital zu unterlegen. Die WAK-S nimmt damit ein Stück weit jene Spannung auf, die sich in vielen Kapitalregimen wiederfindet: Je mehr ein Institut auf hartes Kernkapital angewiesen ist, desto teurer wird das Halten zusätzlicher Puffer, weil diese Mittel für andere Risiken weniger flexibel sind. Umgekehrt sollen AT1-Instrumente nicht zu einem „Ersatz-Puffer“ werden, der im Stressfall zu spät oder zu unvollständig wirkt. Genau deshalb steht in Ettlins Darstellung die Umgestaltung der AT1-Anleihen im Mittelpunkt: Sie sollen so ausgestaltet werden, dass sie schneller als bisherige Konzeptionen Verlustabsorption leisten.
Am Börsentag spiegelt sich diese politische Wendung zunächst in der Kursreaktion. Die UBS-Aktie legte im Handel am Dienstag stellenweise um 0,47 Prozent auf 44,49 CHF zu. Eine Kursbewegung um weniger als einen Prozentpunkt ist zwar noch kein Signal für eine Trendwende, zeigt aber: Der Markt nimmt den Vorschlag der WAK-S als weniger belastend wahr als die ursprüngliche Vollunterlegung. Die genaue Bewertung hängt allerdings davon ab, wie stark sich die Änderungen in den Kapitalkennzahlen, in der Asset-Planung und in der Emissionsbereitschaft für AT1-Instrumente niederschlagen. Denn selbst wenn der Prozentwert der Kernkapitalunterlegung sinkt, kann der Liquiditäts- und Refinanzierungsaufwand steigen, sobald AT1-Anleihen häufiger oder in größerem Umfang nötig sind.
Historisch betrachtet knüpft die aktuelle Debatte an die Logik der Basel-III-Reformen an, die nach früheren Finanzkrisen die Widerstandskraft großer Banken verbessern sollten. In der Schweiz werden diese Prinzipien über bankengesetzliche Anforderungen und nationale Konkretisierungen in Regelwerke übersetzt, wobei systemrelevante Institute besonders strenge Parameter erhalten. Too-big-to-fail bedeutet dabei nicht nur, dass die Aufsicht eingreifen kann, sondern dass Verluste im Stressfall möglichst nicht vollständig auf die Steuerzahler bzw. auf die Gesamtwirtschaft übergehen. Aus technischer Sicht ist die Kernfrage daher stets die gleiche: Wie lässt sich Kapital so definieren, dass es sowohl in der Bilanz tragfähig ist als auch im Krisenmoment verfügbar wird? Die vorgeschlagene Kombination aus hartem Kernkapital und früher auslösenden AT1-Instrumenten versucht, diese beiden Ebenen zu verbinden.
Mit Blick auf die nächsten politischen Schritte ist zudem die Abstimmung in der WAK-S bemerkenswert: Der Antrag wurde mit 10 zu 2 Stimmen bei einer Enthaltung verabschiedet. Die Mehrheit zeigt, dass es innerhalb der Kommission eine klare Präferenz für den 50/50-Ansatz gibt, während die Minderheit den Kompromiss offenbar nicht in der vorgeschlagenen Form mitträgt. Für den Finanzsektor ist die praktische Relevanz hoch, weil Eigenkapitalanforderungen die Gestaltungsspielräume bei Geschäftsmodellen, bei Beteiligungsstrukturen und bei der Kapitalallokation beeinflussen. Banken müssen ihre Kapitalplanung, Stressszenarien und Refinanzierungsstrategie in der Regel so ausrichten, dass die Anforderungen nicht nur auf dem Papier erfüllt sind, sondern auch unter realistischen Marktturbulenzen.
Für Unternehmen und Investoren bleibt abschließend vor allem die Frage offen, wie schnell und wie präzise die Umgestaltung der AT1-Instrumente umgesetzt wird. Entscheidend ist, ob der Regeltext die gewünschte „frühere“ Wirkung tatsächlich technisch und vertraglich so festlegt, dass sie in unterschiedlichen Stressphasen greift. Ebenso wird relevant sein, wie die Aufsicht die Anrechnung und die Übergangsphase bewertet, denn beides beeinflusst die kurzfristigen Kosten. Bis diese Details klar sind, bleibt der Kompromiss der WAK-S ein politisch wichtiges Signal: Er verschiebt die Balance zwischen hartem Kernkapital und AT1-Unterlegung – und damit die konkrete Lastenverteilung, die letztlich im Risikomanagement und in den Kapitalmärkten sichtbar wird.
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