ZWENTENDORF / LONDON (IT BOLTWISE) – Im stillgelegten AKW Zwentendorf hat die Strombörse EXAA die Folgen der Wasserknappheit für die Wasserkraft eingeordnet. Im Gespräch ging es außerdem darum, wie ein neutraler Marktplatz mit Atomstrom-Debatten umgeht und warum der gehandelten Menge mehr Bedeutung zukommt als der Erzeugungsart. Gleichzeitig stellte Emerald Horizon seine Accelerator-Driven-Technologie vor, die ohne Wasser- und Druckkreislauf auskommen soll und als modulare, überwachte Einheiten vermarktet wird. Für die europäische Energiezukunft treffen dabei kurzfristige Engpässe und langfristige Kernenergie-Entwürfe aufeinander.

Der Ort ist bewusst gewählt: Im stillgelegten AKW Zwentendorf verdichtet sich die österreichische Kernenergie-Debatte zu einem Symbol. In genau diesem Spannungsfeld haben Andrea Benckendorff von der Strombörse EXAA und Mario Müller von Emerald Horizon zentrale Themen zusammengeführt: Wasserknappheit als unmittelbarer Treiber für Netz- und Preisdynamik, das Rollenverständnis eines Handelsplatzes im Umgang mit unterschiedlichen Stromherkünften sowie eine technisch geprägte Gegenposition zur klassischen Reaktorlogik. Damit wird aus einer Energie-Diskussion schnell eine Frage nach Systemfähigkeit, Skalierung und den Marktregeln, die solche Technologien überhaupt zur Wirkung bringen.
Den Ausgangspunkt bildet die Wasserknappheit an den Wasserkraftwerken. Benckendorff verwies auf den ungewöhnlich trockenen und heißen Sommer 2026 und beschrieb die Auswirkungen nicht nur als Wetterlage, sondern als messbare Verschiebung im Stromhandel: Österreichische Marktteilnehmer seien mit spürbaren Produktionsrückgängen bei der Wasserkraft konfrontiert, weil die verfügbare Wassermenge schlicht nicht reicht. Besonders bemerkenswert sei zudem gewesen, dass selbst in Tageszeiten mit Sonneneinstrahlung und teils Wind weiterhin Importabhängigkeit auftauchte. In diesem Setting steigt die Bedeutung von Batteriespeichern, wobei Benckendorff auf eine anstehende Rechtsgrundlage verwies: Die Systemnutzungsentgelteverordnung soll nach ihren Angaben klären, wie Speicher und Batterien systemdienlich in den Betrieb eingebunden werden können. Für die Börsenperspektive ist das entscheidend, weil Speicher damit nicht nur technisch möglich sein müssen, sondern wirtschaftlich tragfähig und rechtlich sauber.
Von der Engpasslage führt die Argumentation direkt zu EXAAs Neutralitätsverständnis. Aus der Perspektive des Handelsplatzes ist Atomstrom laut Benckendorff nicht der Punkt einer politischen Bewertung, sondern ein Datenpunkt im Handel: Als neutraler Marktplatz sei es „egal“, welches Herkunfts-Label der Strom trägt. Zentral ist für EXAA demnach das gehandelte Volumen und damit ein vergleichbarer Ergebnismaßstab für die Marktdynamik. Gleichzeitig spielt die europäische Taxonomieverordnung in der Einordnung eine Rolle, weil sie Atomstrom offiziell als „sauberen Strom“ klassifiziert. In der Praxis führt das zu einem sogenannten Börsemix, also einer Mischung unterschiedlicher Stromquellen, den ein Anbieter wie Emerald Horizon im Portfolio-Kontext mitgestalten kann, ohne dass der Handelsmechanismus nach Erzeugungsart getrennt werden müsste.
Während die Herkunftsfrage im Handel abgekoppelt erscheint, wird die europäische Kopplung im Hintergrund Schritt für Schritt ausgebaut. Benckendorff nannte dabei konkrete Markthandels-Rahmenbedingungen: EXAA startete 2019 als Teilnehmer der europäischen Marktkopplung im Gebiet Österreich-Deutschland und ermöglicht seit diesem Jahr auch Handelsteilnehmern in Frankreich, Belgien und den Niederlanden den Zugang. Wer in diesen Ländern Bilanzgruppen unterhält, kann demnach über das System der EXAA an der Marktkopplung partizipieren. Das wird als Beitrag zu mehr Wettbewerb innerhalb der Marktliberalisierung beschrieben: Mehrere Börsen in einem Land können unterschiedliche Produkte und Konditionen ermöglichen, was die Qualität fördern kann. Im Vergleich zu den größeren Wettbewerbern EPEX und Nord Pool ordnete Benckendorff die EXAA als „kleiner“ ein, betonte aber die lange Betriebsdauer von 25 Jahren, die technische Zuverlässigkeit im Settlement-Bereich sowie die operative Komplexität hinter dem Handel.
Technisch wird die Komplexität besonders in den Market-Operations-Prozessen sichtbar. Benckendorff erläuterte, dass EXAA grundsätzlich zwei Auktionen täglich abwickelt: eine lokale Auktion für die angeschlossenen fünf Länder und eine europäische Marktkopplungs-Auktion, in der der grenzüberschreitende Stromfluss organisiert wird. Entscheidend ist, dass das Matching und die Preisfindung im Standardfall ruhig laufen, weil die Orderbücher zuverlässig eingespielt werden. Spürbar wird es jedoch, sobald die europäische Marktkopplung langsamer wird, weil es dann schnell „hektisch“ werden kann. Im Extremfall drohe als Gegenmaßnahme die Entkopplung vom System, was praktisch bedeuten würde, dass Orders herausgenommen und Teilnehmer an andere Börsen verwiesen werden müssten. Benckendorff bezeichnete das als Super-GAU und sagte, sie habe so ein Szenario bereits einmal live erlebt.
Emerald Horizon setzt dagegen mit einer Technologie an, die das klassische Bild der Kernenergie gezielt bricht. Müller beschrieb die vom Unternehmen entwickelte Accelerator Driven Energy Source (AD ES), bei der ein Teilchenbeschleuniger genutzt wird, um Neutronen zu erzeugen und damit die Kernenergiefreisetzung kontrollierbar zu steuern. Der zentrale Sicherheitsaspekt liegt nach seinen Angaben in der Subkritikalität: Ohne Beschleuniger kann keine Energie freigesetzt werden, und wenn der Beschleuniger abgeschaltet wird, endet die Energiefreisetzung in Millisekunden. Auch das Design zielt auf Serienfähigkeit: Die Systeme seien kompakt und passen in Container-Formate von 10 bis 40 Fuß, wobei Einheiten mit 25 Megawatt thermisch skalierbar und kaskadierbar sein sollen. Ergänzend nannte Müller die Abkehr von Wasser- und Druckkreisläufen: Statt Wasser werde flüssiges Salz als Wärmetransportmittel genutzt, und die hohen Temperaturen ermöglichen eine Luftkühlung bei der Stromumwandlung. Damit könnten Standorte ohne Wasserzugang technisch plausibel werden.
Der nächste Hebel ist die Betriebslogik im Energy-as-a-Service-Modell: Wenn Emerald Horizon die Anlagen im eigenen Eigentum betreibt und zentral überwachen will, entsteht ein Daten- und Steuerungsansatz, der Müller zufolge bereits auf Künstliche Intelligenz setzt – sowohl in der Entwicklung als auch im laufenden Betrieb. Zudem sollen mehrere im Netz gekoppelte Einheiten (SMRX, „Small Modular Reactor Extended“) voneinander lernen können, ähnlich wie bei der Datenvernetzung in anderen industriellen Systemen. Strategisch ordnete Müller das Unternehmen stark europäisch ein und stellte der Technologieimport-These aus Asien den Anspruch entgegen, Partner in Europa einzubinden; zugleich verwies er auf rechtliche Einschränkungen in Österreich. In diesem Rahmen spielt das niederländische Familienunternehmen VDL eine Rolle, und Emerald Horizon ist seit Jänner 2025 Mitglied der European Industrial Alliance for Small and Moderate Reactors. Dort gehe es unter anderem um regulatorische Fragestellungen, etwa um ein europäisches Lizenzierungsverfahren, das über ein „Fleet Licensing“-Konzept an Serienprinzipien erinnert und nicht jede Anlage separat lizenzieren müsste. Für die Markt- und Investitionsseite wird damit klar, warum das Listing auch als Sichtbarkeitsgewinn wirkt: Müller beschrieb, dass nach dem Börsengang Anfragen zunehmen, während die operative Arbeit im Kern unverändert bleibt.
Auch die Kundensegmente zeigen, wie eng Technologie und Marktmechanik zusammenspielen. EXAA adressiert ausschließlich gewerbliche Handelsteilnehmer, keine Privathaushalte, weil der Zugang an Börsebedingungen und Zahlungsfähigkeit gebunden ist. In den letzten Jahren seien neben etablierten Industriekunden und Stromlieferanten auch Startups und kleinere Unternehmen insbesondere aus dem Erneuerbaren-Bereich hinzugekommen. Bei Emerald Horizon liegt der Fokus ebenfalls auf industriellen Abnehmern: Das Primärprodukt Wärme in einem Bereich von 550 bis 700 Grad richte sich an Prozesse, die nicht nur Strom, sondern direkten Hochtemperatur-Wärmebedarf zur Dekarbonisierung brauchen. Müller verwies außerdem auf einen potenziell sehr großen Markt für synthetische Flugkraftstoffe (SAF), der europäisch bis 2050 einen erheblichen Anteil synthetischer Kraftstoffe vorsieht, sowie auf erste Kontakte im Bereich nuklearer Schiffsantriebe. Unterm Strich bleibt als gemeinsamer Nenner die Regulierung: Während EXAA an der Einbindung von Speichern arbeitet und über Marktkopplung grenzüberschreitend skaliert, sieht Emerald Horizon die Zulassung kleiner modularer Reaktoren als entscheidende Weiche – und in Österreich zusätzlich die verfassungsrechtliche Hürde beim Atomausstieg als zentralen Grund, warum eine technologieoffene Debatte seit Jahrzehnten nicht wirklich Fahrt aufnimmt.
Die Episode macht damit zwei Ebenen gleichzeitig sichtbar. Kurzfristig zwingt die Wasserknappheit zu besseren Speicher- und Systemmechanismen, damit Tages- und Saison-Schwankungen nicht unmittelbar zu Importabhängigkeit und Preisdruck durchschlagen. Langfristig versucht Emerald Horizon, Kernenergie technisch so zu transformieren, dass sie als kompakte, überwachte und skalierbare Industriekomponente gedacht werden kann. EXAAs Rolle bleibt dabei die vermittelnde: Als Handelsplatz bildet sie einen neutralen Rahmen, in dem „grün“ und „grau“ im Ergebnis nicht politisch sortiert werden, sondern über Menge, Produkte und Marktregeln zusammenspielen. Welche Mischung sich durchsetzt, hängt am Ende davon ab, ob europäische Regulierungs- und Marktstrukturen die technischen Konzepte so unterstützen, dass sie im Dauerbetrieb wirtschaftlich und planbar werden.
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