BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Deutsche Mieterbund warnt vor einer Verfestigung der Wohnungskrise: Viele Menschen glauben, im Ernstfall keine bezahlbare Ersatzwohnung zu finden. In einer Umfrage äußern 29 Prozent zudem Sorge, die Miete künftig nicht mehr zahlen zu können. Gleichzeitig berichten 58 Prozent von gestiegenen Wohnkosten innerhalb der letzten zwölf Monate. Der Verband kritisiert, dass die im Kabinett beschlossenen Verschärfungen im Mietrecht noch nicht ausreichen, um die Angst vor Kostensteigerungen und Wohnungsverlust zu nehmen.

Die Wohnungskrise schlägt nicht nur auf die Monatsbudgets durch, sondern auch auf das Verhalten der Mieterschaft. Laut Angaben aus dem „Mietenreport 2026“ des Deutschen Mieterbunds (DMB) befürchtet jeder zweite Mieter in Deutschland (50 Prozent), im Bedarfsfall keine angemessene Ersatzwohnung zu finden. Diese Sorge wirkt offenbar als Bremse für Konflikte im Mietverhältnis: Wenn der Umzug organisatorisch riskant erscheint, wird ein strittiges Vorgehen gegen zu hohe Mieten oder die konsequente Nutzung von Rechten oft zur späteren Option. Genau in diesem Spannungsfeld setzen die aktuellen Forderungen des Dachverbands an.
Besonders relevant ist, dass die Angst nicht nur mit dem Umzug, sondern auch mit der Zahlungsfähigkeit verknüpft ist. Eine vom DMB in Auftrag gegebene Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa nennt 29 Prozent der Befragten, die sich Sorgen machen, ihre Miete künftig nicht mehr bezahlen zu können. Parallel steigt der Druck im Alltag: Mehr als die Hälfte (58 Prozent) berichtet, dass die Wohnkosten – also Miete und Nebenkosten – in den zurückliegenden zwölf Monaten gestiegen sind. Befragt wurden 1.021 Mieterinnen und Mieter zwischen dem 29. Juni und dem 7. Juli; die Ergebnisse gelten den Angaben zufolge als repräsentativ für Mieter in Deutschland.
Technisch und rechtlich ist dabei weniger die allgemeine Debatte entscheidend als die Ausgestaltung konkreter Mechanismen wie der Mietpreisbremse. Die Bremse gilt nur in Regionen, die als Gebiete mit angespanntem Wohnungsmarkt ausgewiesen sind. Für eine Neuvermietung darf die Miete dort zu Beginn höchstens um zehn Prozent über der ortsüblichen Vergleichsmiete liegen. Der DMB verweist jedoch darauf, dass viele Mieter dieses Instrument entweder gar nicht in Anspruch nehmen können oder dass die rechtlichen und praktischen Rahmenbedingungen nicht die gewünschte Entlastung bringen. In der Logik des Mietrechts geht es außerdem um Ausnahmen: Erstvermietung von Neubauten, umfassende Modernisierung, ältere Verträge und Kurzzeitvermietung können dazu führen, dass die Bremse in der Praxis weniger häufig greift als in der öffentlichen Diskussion vermutet.
Dass die Lage auch finanziell nicht „durchgehalten“ wird, zeigt der DMB anhand weiterer Verteilungseffekte. In der Darstellung wird die Wohnungskrise zur „Sozialstaatskrise“: 2025 mussten 11,2 Prozent der deutschen Bevölkerung mehr als 40 Prozent ihres verfügbaren Einkommens fürs Wohnen aufbringen. Damit steht Deutschland EU-weit dem Bericht zufolge auf Platz drei hinter Griechenland und Dänemark; der EU-Durchschnitt lag im vergangenen Jahr bei 7,7 Prozent. Für die Haushalte bedeutet das: Selbst wenn der Mietvertrag formal stabil bleibt, sinken die Spielräume für Rücklagen und Notfälle. Der DMB nennt zudem ein Sparverhalten, das auf Kostenpositionen ausweicht – etwa weniger Geld fürs Alter (52 Prozent) oder weniger Ausgaben für gesunde Lebensmittel (25 Prozent) – und weist auf fehlende Puffer hin.
Im Alltag wird der fehlende Puffer besonders dort sichtbar, wo Einkommen plötzlich wegbricht. Laut DMB hat jeder vierte Miethaushalt nur einen sehr begrenzten finanziellen Puffer, um bei Jobverlust, bei Trennung oder bei längerer Krankheit weiter ausreichend Geld für die Miete aufzubringen. Jeder Zehnte (zehn Prozent) könnte die Miete nur weniger als einen Monat tragen, selbst dann, wenn 40 Prozent des Haushaltsnettoeinkommens wegfallen würde. Diese Zahlen sind der Kern der Debatte um Regulierung: Sobald ein Viertel der Haushalte nur eingeschränkt handlungsfähig ist, reicht eine rein symbolische Korrektur nicht aus – gefragt sind Regeln, die Kostensteigerungen dämpfen und zugleich Planungssicherheit schaffen.
Der Blick auf den Gesetzgebungsprozess macht klar, warum die Bewertung der Maßnahmen auseinandergeht. Das Bundeskabinett hat im April Verschärfungen im Mietrecht beschlossen; der DMB hält sie für positiv, sieht aber noch nicht genug Wirkung, um Angst vor Kostensteigerungen und Wohnungsverlust zu nehmen. Gefordert wird unter anderem ein „bundesweiter Mietenstopp“ für eine bestimmte Zeit sowie Bußgeldzahlungen für Vermieter, die Wuchermieten verlangen oder gegen Regeln der Mietpreisbremse verstoßen. Gleichzeitig betont der Bericht: Der Bundestag muss über den Entwurf der Bundesregierung noch entscheiden, und die Details sind politisch umkämpft – etwa bei Mietpreisen in Indexmietverträgen, bei der Beschränkung von Kurzzeit-Mietverträgen auf maximal ein halbes Jahr im Regelfall oder bei Erleichterungen, Kündigungen bei Mietrückständen abzuwenden. Vor allem bei Letzterem sehen Fachpolitiker der Union noch Diskussionsbedarf; der DMB-Präsidentin Weber-Moritz zufolge brauche es „deutlich mehr“, als in der Bundesregierung derzeit diskutiert werde.
Gegenpositionen kommen auch aus der Verbände-Ecke. Der Eigentümerverband Haus & Grund kritisiert in einer namentlich benannten Stellungnahme, der Mieterbund beschreibe zwar die Lage, verlange aber wiederholt nach derselben „falschen Medizin“. Überdies wird das Argument vorgebracht, dass zusätzliche Regulierung nicht automatisch mehr Wohnungen schafft. Dieser Einwand berührt die zweite Stellschraube der Wohnungspolitik: Neben Mietobergrenzen geht es um Angebot und Bau- bzw. Bestandsentwicklung. Der DMB beziffert aktuell fehlende Wohnungen auf rund 1,4 Millionen und verweist auf die Anfang Juli vom Koalitionsausschuss angekündigte Gründung einer Bundesgesellschaft als potenziellen Beitrag zur Schaffung von bezahlbarem Wohnraum.
Entscheidend bleibt, ob solche Reformen in einen belastbaren Umsetzungspfad führen. Der DMB nennt als weiteren Schritt, Sozialwohnungen mit niedriger Miete für „unbegrenzte Zeit“ so zu verknüpfen, dass sie nur an Menschen mit geringem Einkommen vermietet werden dürfen. Nach geltendem Recht können geförderte Wohnungen nach einer bestimmten Zeit – beispielhaft nach 30 Jahren – frei vermietet werden; die Diskussion zielt also auf den Erhalt der sozial gebundenen Nutzung über den Förderzeitraum hinaus. Auch bei Baukosten bleibt der Hebel ein zentraler Punkt: Der DMB schlägt vor, Bodenpreise zu deckeln und kommunale Flächen zu nutzen, weil ohne Entlastung in der Angebotsseite die Nachfrage- und Verdrängungseffekte mittelfristig fortbestehen können.
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